SEHN­SUCHT NACH WIENERLIEDERN

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON GE­ORG MAR­KUS

Un­zäh­li­ge Künst­ler flüch­te­ten vor den Na­zis ins Aus­land.

FREUD VER­LÄSST WI­EN. Es ist 15:25 Uhr, als der Ori­ent­ex­press am 4. Ju­ni 1938 aus der Hal­le des Wie­ner West­bahn­hofs rollt. In ei­nem Cou­pé sitzt ei­ner der be­deu­tends­ten Män­ner sei­ner Zeit. Sig­mund Freud ver­lässt die Stadt, die ihn ver­wöhnt und miss­ach­tet hat, die ein lan­ges Le­ben sei­ne Hei­mat war. Und er wird sie nie wie­der se­hen. Der 82-jäh­ri­ge „Va­ter der Psy­cho­ana­ly­se“ist ei­ner von vie­len pro­mi­nen­ten Ös­ter­rei­chern, die von Hit­ler aus ih­rer Hei­mat ver­trie­ben wur­den. Eben­so wie die Schrift­stel­ler Ste­fan Zweig und Franz Wer­fel, die Re­gis­seu­re Max Rein­hardt und Bil­ly Wil­der oder der Kom­po­nist Ro­bert Stolz – sie al­le hin­ter­lie­ßen ei­ne Lee­re, von der sich Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa nie mehr ganz er­ho­len soll­te.

Als Freud zwei Ta­ge nach sei­ner Flucht aus Ös­ter­reich in Lon­don an­kommt, wird er wie ein Held emp­fan­gen. Auch heu­te, acht­zig Jah­re spä­ter, gilt Wi­en als die Stadt, in der er die mensch­li­che See­le ent­deckt hat, doch als er starb, war er bri­ti­scher Staats­bür­ger. Und sein Nach­lass, sei­ne Kor­re­spon­denz, sei­ne Bi­b­lio­thek und sei­ne Mö­bel – in­klu­si­ve der le­gen­dä­ren Couch – blei­ben für al­le Zei­ten in Lon­don.

NO­BEL­PREIS­TRÄ­GER. Die Flucht aus der Hei­ma­tist für je­den Men­schen­ei­ne Tra­gö­die, egal ob er be­rühmt ist oder nicht. Bei gro­ßen For­schern und Künst­lern kommt der Ver­lust da­zu, den das gan­ze Land er­lei­det.

Zwan­zig in Ös­ter­reich ge­bo­re­ne Wis- sen­schaft­ler und Künst­ler wur­den mit dem No­bel­preis aus­ge­zeich­net. Aber vie­le von ih­nen wa­ren kei­ne Ös­ter­rei­cher, als sie ihn er­hiel­ten. Sie gin­gen wie die Che­mi­ker Walter Kohn und Mar­tin Karp­lus so­wie der Arzt Eric Kan­del als Ame­ri­ka­ner in die Ge­schich­te ein. Oder als En­g­län­der wie Eli­as Ca­net­ti und Max Pe­rutz( sie­he auch Sei­ten 58/59).

IN EI­NER FREM­DEN SPRA­CHE. Schrift­stel­ler hat­ten es im Exil be­son­ders schwer, da sie plötz­lich in ei­ner für sie frem­den Spra­che schrei­ben muss­ten. Zu ih­nen zähl­ten Ste­fan Zweig (sie­he auch Sei­ten 54 bis 57), Franz Wer­fel, Franz Molnár, Al­f­red Pol­gar, Jo­sef Roth, Ro­bert Mu­sil, Ödön von Hor­váth, Fried­rich Tor­berg. Und An­ton Kuh, der am 18. Jän­ner 1941 in New York ei­nem Herz­an­fall er­lag. Un­mit­tel­bar nach­dem er ei­nen Vor­trag mit dem Ti­tel „Wie über­le­ben wir Hit­ler?“ge­hal­ten hat­te.

MA­LER UND MU­SI­KER. Vor Hit­ler ge­flüch­tet wa­ren wei­ters die Mu­si­ker Em­me­rich Kál­mán, Kom­po­nist der „Grä­fin Ma­ri­za“und Bru­no Walter, der ab 1941 an der Me­tro­po­li­tan Ope­ra in New York di­ri­gier­te. Auch der Ma­ler Os­kar Ko­kosch­ka, der Schrift­stel­ler Franz Theo­dor Cso­kor und der Kö­nig des Wie­ner­lieds, Ro­bert Stolz, hat­ten Wi­en1938 ver­las­sen – und das, ob­wohl sie den „Ras­sen­ge­set­zen“der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten durch­aus ent­spro­chen hät­ten. Sie zähl­ten zu den we­ni­gen Künst­lern, die das Bar­ba­ri­sche des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­kannt

„Thank you, Hit­ler“, schrieb ei­ne US-Zei­tung in ei­nem Kom­men­tar, der auf die Be­rei­che­rung hin­wies, die Ame­ri­ka durch vor al­lem aus Ös­ter­reich ge­flüch­te­te Künst­ler und Wis­sen­schaft­ler er­fuhr.

hat­ten. Von Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Go­eb­bels mehr­mals zur Rück­kehr auf­ge­for­dert, ant­wor­te­te Ro­bert Stolz aus Ame­ri­ka: „Ich möch­te ger­ne wie­der in mei­ner Hei­mat kom­po­nie­ren, aber erst, wenn es ein Trau­er­marsch für Hit­ler ist.“

In den USA hat man den Zu­zug be­deu­ten­der Per­sön­lich­kei­ten durch­aus als Chan­ce er­kannt, wie der Kom­men­ta­tor des New Re­pu­bli­can Ma­ga­zi­ne schon bald nach der An­kunft der ers­ten Emi­gran­ten in New York fest­stell­te: „Die­se Män­ner und Frau­en sind Wis­sen­schaft­ler, schöp­fe­ri­sche Künst­ler, Mu­si­ker, Phi­lo­so­phen auf denk­bar ho­hem Ni­veau. Wir Ame­ri­ka­ner soll­ten Hit­ler dank­bar sein, dass er un­se­rer Ge­sell­schaft die­se enor­me Be­rei­che­rung zu­teil wer­den ließ. Thank you, Hit­ler!“

DAS „TAU­BER-LIED“. Der ge­bür­ti­ge Lin­zer Richard Tau­ber war seit Jahr­zehn­ten ei­ner der po­pu­lärs­ten Te­nö­re der Welt. Franz Lehár hat­te für ihn in je­de sei­ner Ope­ret­ten ein ei­ge­nes „Tau­ber-Lied“ge­schrie­ben, dar­un­ter Me­lo­di­en wie „Dein ist mein gan­zes Herz“oder „Gern hab ich die Frau’n ge­küsst“. Auch Tau­ber hat­te im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren ver­folg­ten Ju­den die Mög­lich­keit, sei­ne Be­rufs­kar­rie­re im Aus­land fort­zu­set­zen. Er un­ter­nahm nach dem „An­schluss“Ös­ter­reichs ei­ne Welt­tour­nee und ließ sich dann in Lon­don nie­der, wo er als Opern- und Ope­ret­ten­sän­ger an der Co­vent Gar­den Ope­ra wei­ter­hin gro­ße Er­fol­ge fei­er­te. „Der Mann mit dem Mon­okel“, wie er oft ge­nannt wur­de, starb 1948 im Al­ter von 56 Jah­ren in ei­nem Lon­do­ner Spi­tal an Lun­gen­krebs.

WI­ENS KA­BA­RETT-PRO­MI­NENZ. Fast die ge­sam­te Wie­ner Ka­ba­rett-Pro­mi­nenz muss­te nach Hit­lers Ein­marsch in Ös­ter­reich die Flucht er­grei­fen, dar­un­ter Karl Far­kas, Hu­go Wie­ner, Cis­sy Kra­ner, Ar­min Berg und Her­mann Leo­pol­di, der in der „Old Vi­en­na Bar“in New York sei­ne al­ten Ka­ba­rett­schla­ger und Wie­ner­lie­der sang, jetzt in ei­ner eng­li­schen Ver­si­on. Aus „In ei­nem klei­nen Ca­fé in Her­nals“wur­de „A litt­le Ca­fé down the Street“. Und aus dem „Stil­len Ze­cher“wur­de „I am a quiet Drin­ker“. Dass Leo­pol­di die Flucht ge­lang, grenzt an ein Wun­der, er war be­reits in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Dach­au und Bu­chen­wald in­haf­tiert, ge­lang­te aber durch In­ter­ven­tio­nen sei­ner Frau Eu­ge­nie aus der Haft und konn­te in die USA flüch­ten.

WIE­NER­LIE­DER IN DEN USA. Es mag selt­sam klin­gen, dass die aus ih­rer Hei­mat ver­trie­be­nen und mit dem Tod be­droh­ten Ös­ter­rei­cher im Exil Wie­ner­lie­der hö­ren woll­ten. Tat­säch­lich lit­ten vie­le Emi­gran­ten un­ter Heim­weh. Es gab Ös­ter­rei­cher – schreibt Fried­rich Tor­berg – die die

Zei­ger ih­rer Arm­band­uhr nicht um­stell­ten und sie wei­ter nach mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit lau­fen lie­ßen. Und ir­gend­wann, bei brü­ten­der Mit­tags­hit­ze, sag­te ei­ner un­ter Trä­nen in Los Angeles: „Jetzt geht in der Jo­sef­stadt der Lus­ter hoch!“

Dort, am Thea­ter in der Jo­sef­stadt, an dem bis zum 11. März 1938 noch Pu­bli­kums­lieb­ling Hans Ja­ray auf­ge­tre­ten war, der jetzt eben­so in Ame­ri­ka saß wie sei­ne Kol­le­gen Fritz Kort­ner und Ernst Deutsch. Das Merk­wür­di­ge war, dass den jü­di­schen Schau­spie­lern in Hol­ly­wood in­fol­ge ih­res deut­schen Ak­zents – wenn über­haupt – vor al­lem Rol­len als Na­zio­f­fi­zie­re an­ge­bo­ten wur­den.

HOL­LY­WOOD-RE­GIS­SEU­RE. Auch Bil­ly Wil­der, Fred Zin­ne­mann und Ot­to Pre­min­ger, drei der be­deu­tends­ten Re­gis­seu­re Hol­ly­woods, blie­ben Wi­en bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ver­bun­den. Wil­der nann­te Zin­ne­mann im Exil „Kai­ser­schmarrn“und die­ser sag­te „Zwetsch­ken­rös­ter“zu ihm.

Bil­ly Wil­der, der in den ers­ten Jah­ren des Exils in be­eng­ten Ver­hält­nis­sen le­ben muss­te, hat­te in sei­nem Ar­beits­zim­mer zum Er­stau­nen sei­ner Be­su­cher ein Hit­ler-Bild an der Wand hän­gen. So­bald sei­ne Gäs­te ihr Ent­set­zen dar­über zeig­ten, er­klär­te Bil­ly Wil­der: „Das hab ich da her­ge­hängt – ge­gen ’s Heim­weh.“

Vie­le Künst­ler, die in den USA Kar­rie­re mach­ten, dach­ten nach 1945 nicht dar­an, in ih­re Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. Auch we­ni­ger Er­folg­rei­che blie­ben lie­ber in den Län­dern, die ihr Über­le­ben er­mög­licht hat­ten. Es gab oh­ne­hin kaum Be­mü­hun­gen des of­fi­zi­el­len Ös­ter­reichs, sie heim­zu­ho­len. Ein­zig Film­star Wil­li Forst und der Wie­ner Kul­tur­stadt­rat Vik­tor Ma­te­j­ka for­der­ten ih­re im Aus­land le­ben­den Lands­leu­te in of­fe­nen Brie­fen zur Rück­kehr auf. Sie hat­ten er­kannt, dass „das Wie­ner Kul­tur­le­ben nur dann wie­der auf­ge­baut wer­den kann, wenn mög­lichst vie­le Künst­ler und In­tel­lek­tu­el­le zu­rück­keh­ren“.

DIE HEIMKEHRER. Ro­bert Stolz, Fried­rich Tor­berg und Karl Far­kas zähl­ten zu je­nen, die das An­ge­bot an­nah­men und ih­re Kar­rie­re nach 1945 dort fort­setz­ten, wo sie sie­ben Jah­re da­vor un­ter­bro­chen wor­den war.

„Bil­ly Wil­der (ganz links) mach­te als Hol­ly­wood­re­gis­seur Welt­kar­rie­re. Ro­bert Stolz woll­te „ei­nen Trau­er­marsch für Hit­ler kom­po­nie­ren“

Her­mann Leo­pol­di (ganz links) trat in New York mit Wienerliedern auf. Der welt­be­rühm­te Te­nor Richard Tau­ber aus Linz konn­te sei­ne Kar­rie­re in Lon­don fort­set­zen

Der Schrift­stel­ler Ödön von Hor­váth (ganz links) ver­starb im Pa­ri­ser Exil. Em­me­rich Kál­mán, Kom­po­nist der „Grä­fin Ma­ri­za“, über­leb­te in New York

als Flücht­ling und wur­de zwei Ta­ge spä­ter in Lon­don wie ein Held emp­fan­gen: Sig­mund Freud mit Toch­ter An­na, die selbst ei­ne be­deu­ten­de Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin war

Er ver­ließ Wi­en 1938

Dem Ka­ba­ret­tis­ten Karl Far­kas ge­lang die Flucht nach Ame­ri­ka. Nach dem Krieg kehr­te er zu­rück nach Wi­en

Das Ehe­paar Hu­go Wie­ner und Cis­sy Kra­ner ver­brach­te die Jah­re der Emi­gra­ti­on in Ca­ra­cas/Ve­ne­zue­la, wo es in der Bar „John­ny’s Mu­si­cBox“auf­trat

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