DIE FLUCHT DER DENKER

Zur geis­ti­gen Pro­vinz ver­kom­men: Mit dem Er­star­ken au­to­ri­tä­rer Sys­te­me ging der ge­wal­tigs­te Ver­lust an Wis­sen in Ös­ter­reichs Ge­schich­te ein­her. For­scher, dar­un­ter No­bel­preis­trä­ger, ver­lie­ßen ih­re Hei­mat.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON SU­SAN­NE MAUTH­NER-WE­BER

Wie Ös­ter­reich zur geis­ti­gen Pro­vinz ver­kam.

VERTRIEBENE VER­NUNFT. Selbst Ma­rie Jaho­da – da­mals be­reits be­kann­te So­zi­al­for­sche­rin ("Die Ar­beits­lo­sen von Ma­ri­en­thal") stand vor dem Nichts, als sie 1936 in En­g­land an­kam: „Um mir die Ein­wan­de­rung zu er­leich­tern, hat mir das dor­ti­ge So­zio­lo­gi­sche In­sti­tut ei­nen Brief ge­schrie­ben, dass ei­ne Stel­le für mich vor­be­rei­tet ist. Den ha­be ich den Emi­gran­ten-Of­fi­zie­ren in En­g­land vor­ge­legt, un­d­bin oh­ne Wei­te­res ein­ge­wan­dert. Als ich dann zum So­zio­lo­gi­schen In­sti­tut ge­gan­gen bin, ha­ben sie ge­sagt: ‚Aber das ha­ben wir doch nur ge­schrie­ben, da­mit du her­ein­kom­men kannst.’ So war die ers­te Zeit in En­g­land. Ich glau­be, ich bin mit 10 Schil­ling an­ge­kom­men.“

Gro­ße Kar­rie­ren und gro­ße Na­men wer­den re­flex­ar­tig ge­nannt, wenn es um die ver­trie­be­nen Wis­sen­schaft­ler geht. In Wahr­heit stimmt wohl eher das, was die Phi­lo­so­phin und Schrift­stel­le­rin Hil­de Spiel sag­te. Sie selbst ent­schloss sich 1936, nach Lon­don zu ge­hen und sah das „Exil als Krank­heit“: Das Schei­tern, die De­pres­si­on, wa­ren eher der Nor­mal­fall als die Aus­nah­me. Für die Mehr­zahl der Ver­trie­be­nen be­deu­te­te Exil nicht nur den Ver­lust von Hei­mat, Hab und Gut, Fa­mi­lie, son­dern auch des Be­rufs; vor al­lem, wenn ih­re Aus­bil­dung nicht „in­ter­na­tio­nal“war. Ju­ris­ten wa­ren da­von be­son­ders be­trof­fen.

DAS AN­DE­RE EXIL. Sie muss­ten sich in nicht­aka­de­mi­schen Spar­ten ei­nen Brot­er­werb su­chen. So hat et­wa der Rechts­an­walt Kurt Re­ger das „an­de­re Exil“er­lebt: „Die ös­ter­rei­chi­schen Ju­ris­ten leb­ten in En­g­land meist in schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen. Bei­spiels­wei­se traf ich ei­nen Rechts­an­walt na­mens Feu­er­stein in Ox­ford – in­mit­ten zu re­pa­rie­ren­der Schu­he. Er war Schuh­ma­cher ge­wor­den.“Die Re­gel und nicht die Aus­nah­me. Der Traum vom Lehr­auf­trag an ei­ner be­rühm­ten Uni­ver­si­tät – Ox­ford oder Cam­bridge – war bald aus­ge­träumt.

Ein Zah­len­bei­spiel il­lus­triert die Si­tua­ti­on nach dem An­schluss: Et­wa 2000 von 3000 Rechts­an­wäl­ten wur­den aus den Rechts­an­walts­lis­ten ge­löscht. Ei­ni­ge konn­ten sich ins Exil ret­ten. Mit ih­nen ver­lie­ßen auch die Me­di­zin, die Phy­sik, die So­zi­al­for­schung und Psy­cho­ana­ly­se das Land. Es war so, als wür­de ei­ne mitt­le­re Stadt ein­fach ver­jagt: Et­wa 150.000 Men­schen muss­ten in die Emi­gra­ti­on. Die Fol­gen sind bis heu­te spür­bar: Da­mals ist Ös­ter­reich zur geis­ti­gen Pro­vinz ge­wor­den. Ob­der An­schluss an die in­ter­na­tio­na­le Wis­sen­schaft je wie­der ge­lang, ist bis heu­te um­strit­ten.

DREI NO­BEL­PREIS­TRÄ­GER. Der Ver­lust, den Ös­ter­reich durch den Ver­trei­bungs­wahn­sinn er­lit­ten hat, lässt sich am Bei­spiel der Gra­zer Uni­ver­si­tät do­ku­men­tie­ren. Drei No­bel­preis­trä­ger muss­ten 1938 ih­re Al­ma Ma­ter ver­las­sen: Lo­ewi, Hess und Schrö­din­ger.

Der Phar­ma­ko­lo­ge Ot­to Lo­ewi, der kein „Ari­er“war, muss­te sich mit sei­nem in Stock­holm de­po­nier­ten No­bel­preis­geld los­kau­fen. Der Phy­si­ker Vic­tor Franz Hess, der Ent­de­cker der kos­mi­schen Strah­lung, war den Na­zis nicht ge­nehm, weil er Ka­tho­lik und Kul­tur­rat im Ständestaat ge­we­sen war. Und Er­win Schrö­din­ger, des­sen Por­trät den al­ten 1000-Schil­lin­gSchein zier­te, hat­te die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on in der Hei­mat falsch ein­ge­schätzt. Er kehr­te aus dem si­che­ren Ox­ford nach Graz zu­rück, um­Or­di­na­ri­us für theo­re­ti­sche Phy­sik zu wer­den. Doch am 1. Sep­tem­ber 1938 wur­de er we­gen po­li­ti­scher Un­zu­ver­läs­sig­keit frist­los ent­las­sen. Selbst ei­ne gro­ße Hul­di­gung an Hit­ler, die schon im März 1938 in der Pres­se ver­öf­fent­licht wor­den war, half ihm nicht.

In Wahr­heit be­gann die Ver­trei­bung der Ver­nunft be­reits frü­her: Vie­le gin­gen, weil sie schon wäh­rend des Aus­tro­fa­schis­mus das wis­sen­schafts­feind­li­che, an­ti­se­mi­ti­sche Kli­ma und den Rechts­ruck nicht län­ger er­tru­gen. Der

So­zio­lo­ge Paul Fe­lix La­zars­feld emi­grier­te in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Mo­tiv­for­scher Er­nest Dich­ter ging nach Ame­ri­ka. Die Phy­si­ke­rin Li­se Meit­ner, je­ne Frau, die die Kern­spal­tung mit­ent­deck­te, für die Ot­to Hahn den No­bel­preis er­hielt, ließ sich in Schwe­den nie­der. Max Fer­di­nand Pe­rutz, der 1962 den Che­mi­en­o­bel­preis er­hal­ten soll­te, emi­grier­te nach En­g­land, wäh­rend der Phi­lo­soph Karl R. Pop­per ei­ne Stel­le in Neu­see­land an­nahm und spä­ter an die Lon­don School of Eco­no­mics and Po­li­ti­cal Sci­ence be­ru­fen wur­de. Und Ju­li­us Tand­ler? Der Me­di­zi­ner und so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Wohl­fahrts­stadt­rat, ver­lor sei­nen Lehr­stuhl in Wi­en und soll­te dar­auf­hin das Me­di­zin­stu­di­um in der So­wjet­uni­on re­for­mie­ren.

Ös­ter­reich leis­te­te sich in die­sen Jah­ren al­so den ge­wal­tigs­ten „Ex­port“an wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­sen sei­ner Ge­schich­te. Sämt­li­che No­bel­preis­trä­ger, die 1938 an ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Uni­ver­si­tät wirk­ten, wur­den Knall auf Fall ent­las­sen. Der Groß­teil emi­grier­te in die USA. Die ame­ri­ka­ni­sche Atom­for­schung oder Mi­kro­bio­lo­gie hät­te sich viel spä­ter ent­wi­ckelt, die US-Psy­cho­ana­ly­se ist oh­ne die Be­f­ruch­tung durch die ös­ter­rei­chi­schen Ana­ly­ti­ker nicht vor­stell­bar – die Exi­lan­ten ha­ben das ame­ri­ka­ni­sche Geis­tes­le­ben ent­pro­vin­zia­li­siert. So selbst­ver­ständ­lich, wie be­tuch­te Schwer­kran­ke heu­te in Spe­zi­al­kli­ni­ken in die USA pil­gern, ka­men sie vor dem Krieg nach Wi­en.

Au­f­ar­bei­tung? Fehl­an­zei­ge! Nach dem Krieg hat­te man an­de­re Sor­gen: Die Unis und die Wis­sen­schaft sa­hen sich als in­stru­men­ta­li­sier­tes Op­fer und von den Na­zis miss­braucht. Vie­le NS-Pro­fi­teu­re konn­ten ih­re Kar­rie­ren ein­fach fort­set­zen. Erst Mit­te der 1990er-Jah­re wur­den ers­te Un­ter­su­chungs­kom­mis­sio­nen ein­ge­setzt – et­wa zur Rol­le von Edu­ard Pern­kopf (Vor­stand des Ana­to­mi­schen In­sti­tuts, ab 1938 zu­erst De­kan, dann Rek­tor), der für sei­nen welt­be­kann­ten Ana­to­mie-At­las auf die Lei­chen von NS-Op­fern zu­rück­ge­grif­fen hat­te.

Und die Ver­trie­be­nen? Der­pro­mi­nen­te Phy­si­ker Vic­tor Weiss­kopf be­ant­wor­te­te – wie vie­le an­de­re Wis­sen­schaft­ler – die Fra­ge, war­um er nicht nach Ös­ter­reich zu­rück­kehr­te: „Weil mich nie je­mand ge­fragt hat.“

Li­se Meit­ner Das weib­li­che Phy­sik­ge­nie emi­grier­te 1938

Ot­to Lo­ewi Der Phar­ma­ko­lo­ge kauf­te sich mit sei­nem No­bel­preis­geld los

Ma­rie Jaho­da Die be­kann­te So­zio­lo­gin stand vor dem Nichts, als sie in En­g­land an­kam

Er­win Schrö­din­ger Eben­falls Phy­sik­no­bel­preis­trä­ger, ging nach En­g­land

Karl Pop­per Der Phi­lo­soph hat ei­ne Stel­le in Neu­see­land an­ge­nom­men

Ju­li­us Tand­ler Der Me­di­zi­ner ver­lor sei­nen Job und ging in die So­wjet­uni­on

Paul La­zars­feld Der be­rühm­te So­zio­lo­ge emi­grier­te be­reits 1935 in die USA

Vic­tor Hess Phy­sik­no­bel­preis­trä­ger und 1938 frist­los ent­las­sen

Uni­ver­si­tät Wi­en 1938: Flam­men­de Re­den von NS-Ärz­ten un­ter Hit­lers Por­trät

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