DER TAG, AN DEM DIE KLIMTS VER­BRANN­TEN

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON GE­ORG LEYRER

Was mit den Fa­kul­täts­bil­dern in Schloss Im­men­dorf ge­schah.

In ei­nem Schloss im Wein­vier­tel la­ger­ten zahl­rei­che wert­vol­le Ge­mäl­de, dar­un­ter zehn Öl­bil­der von Gus­tav Klimt. Am letz­ten Kriegs­tag ging al­les in Flam­men auf – ge­legt wur­de der Brand von den ab­zie­hen­den deut­schen Sol­da­ten. Und die Klimts wa­ren ver­lo­ren.

KUNSTVERLUST. Das Feu­er flamm­te über Ta­ge hin­weg im­mer wie­der auf. Der Brand, der am 8. Mai 1945 be­gann, soll von ab­zie­hen­den SS-Trup­pen ge­legt wor­den sein. Er währ­te so lan­ge, bis von de­mSchloss nur noch die Grund­mau­ern stan­den, die we­ni­ge Jah­re spä­ter we­gen Ein­sturz­ge­fahr ganz ab­ge­ris­sen wur­den. Schloss Im­men­dorf im Wein­vier­tel war Ge­schich­te. Und mit ihm auch zehn Öl­ge­mäl­de und meh­re­re Zeich­nun­gen von Gus­tav Klimt, die heu­te vie­le, vie­le Mil­lio­nen wert wä­ren. Dar­un­ter: Die drei so­ge­nann­ten Fa­kul­täts­bil­der Klimts, die der Ju­gend­stil­ma­ler auf Auf­trag der Uni­ver­si­tät Wi­en er­stell­te und dann, nach ei­nem wüs­ten Streit über die Aus­füh­rung, mit pri­va­ter Un­ter­stüt­zung zu­rück­kauf­te. Zwei der drei Bil­der wa­ren ent­eig­net aus der Samm­lung Le­de­rer, der wich­tigs­ten Pri­vat­samm­lung von Wer­ken Gus­tav Klimts. Die Ös­ter­rei­chi­sche Ga­le­rie – heu­te: Bel­ve­de­re – ver­wal­te­te die Bil­der. Heu­te wä­re das „ein ganz kla­rer Re­sti­tu­ti­ons­fall“, sagt Pro­ve­ni­en­z­for­scher Le­on­hard Wei­din­ger, der sich aus­führ­lich mit Schloss Im­men­dorf be­schäf­tigt und da­zu auch ei­ne Aus­stel­lung ku­ra­tiert hat. Doch die­se Fra­ge konn­te man sich nicht mehr stel­len, die Bil­der ver­brann­ten mit vie­len an­de­ren Kunst­schät­zen. Es war ei­ner der größ­ten Kunst­ver­lus­te des Zwei­ten Welt­kriegs in Ös­ter­reich, der im heu­ri­gen Klimt­jahr – er starb vor 100 Jah­ren – er­neut ins Be­wusst­sein ge­rät.

WAS WÄ­RE, WENN … Be­reits En­de April 1945 war die Ro­te Ar­mee öst­lich von Im­men­dorf an­ge­kom­men. Dann stand die Front, schil­dert Wei­din­ger. „Es gab dort zur Zeit des Bran­des kei­ne hef­ti­gen Kämp­fe.“Erst Mo­na­te spä­ter gab es ei­nen Po­li­zei­be­richt zum Feu­er, in dem nicht ein­mal der Na­me Klimts („Klimsch“) rich­tig ge­schrie­ben war. Ver­läss­li­che Zeu­gen­aus­sa­gen aus den letz­ten Kriegs­stun­den gibt es „na­tur­ge­mäß“, sagt Wei­din­ger, kaum. Wie bei an­de­ren der­art pro­mi­nen­ten Ver­lus­ten un­ter un­kla­ren oder zu­min­dest un­do­ku­men­tier­ten Um­stän­den (et­wa dem Bern­stein­zim­mer) rank­ten sich bald Ge­rüch­te – dass es viel­leicht doch nicht die SS war, die den Brand leg­te, dass die Rus­sen die Klimts mit­ge­nom­men ha­ben. Was wä­re, wenn …? Könn­te es sein, dass je­mand zu­vor noch das ei­ne oder an­de­re Klimt­bild ge­ret­tet (al­so ge­stoh­len) hat?

Wei­din­ger hält das für un­wahr­schein­lich – al­lein aus prak­ti­schen Über­le­gun­gen. Die drei Fa­kul­täts­bil­der Klimts et­wa wur­den auch des­halb auf Schloss Im­men­dorf ge­la­gert, weil nur dort ei­ne ent­spre­chend gro­ße Ein­gangs­tür vor­han­den war – man muss­te die Bil­der nicht vom Rah­men ab­span­nen. „So et­was Gro­ßes nimmt die lo­ka­le Be­völ­ke­rung eher nicht mit“, sagt Wei­din­ger. Im­men­dorf war ei­nes von über 100 Ge­bäu­den – Schlös­ser, Pfarr­hö­fe, auch Kir­chen – rund um Wi­en, in de­nen Kunst­wer­ke ge­la­gert wur­den – aus den an­de­ren Ber­gungs­stel­len weiß man, dass „die Ver­lus­te durch Mit­nah­men ge­ring wa­ren“. Wenn et­was aus an­de­ren La­gern ent­nom­men wur­de, wa­ren das eher prak­ti­sche Din­ge – Mö­bel, Tep­pi­che, Por­zel­lan. Und nicht zu­letzt war Klimt da­mals zwar be­kannt, aber kei­nes­wegs so all­ge­gen­wär­tig wie heu­te. Bei Auk­tio­nen hät­ten gro­ße Klimt­bil­der wohl 20.000 Reichs­mark er­zielt, schätzt Wei­din­ger. „Aber das Por­zel­lan der Fa­mi­lie Bloch-Bau­er wur­de mit 500.000 Reichs­mark be­wer­tet.“So über­stie­gen die Ver­lus­te, die das MAK, das Haupt­ein­la­ge­rer in Im­men­dorf war, ver­zeich­nen muss­te, da­mals „bei Wei­tem den Wert der Klimts“. Das wert­volls­te in Im­men­dorf ge­la­ger­te Ein­zel­stück war der Möch­lin­ger Schrein, ei­ne aus Holz nach­ge­bau­te go­ti­sche Ka­pel­le.

SELT­SA­ME GE­SCHICH­TE. Man kann da­von aus­ge­hen, dass al­les ver­brannt ist, sagt Wei­din­ger. Und er­zählt dann ei­ne „ganz selt­sa­me Ge­schich­te“aus den letz­ten Kriegs­wo­chen: „Man weiß, dass es ein Wehr­machts­kom­man­do gab, das aus ver­schie­de­nen Ber­gungs­stel­len be­son­ders wert­vol­le Ob­jek­te ab­ge­zo­gen hat, die dann wei­ter im Wes­ten­wie­der auf­tauch­ten. Ob das ei­ne Pri­vat­in­itia­ti­ve war, wis­sen wir nicht. Aus Im­men­dorf ist aber nach der­zei­ti­gem Stand ab­so­lut gar nichts auf­ge­taucht.“In­ter­es­sant ist auch, sagt der His­to­ri­ker, dass drei Klimt­ge­mäl­de – „Aus dem Reich des To­des“, „Mal­ce­si­ne am Gar­da­see“und „Gas­tein“– in Klimt-Werk­ver­zeich­nis­sen als in Im­men­dorf ver­brannt ge­führt wer­den. „Al­ler­dings gibt es kei­nen Hin­weis, dass die­se Bil­der je­mals in Im­men­dorf wa­ren.“

„So et­was Gro­ßes wie die Fa­kul­täts­bil­der Gus­tav Klimts nimmt die lo­ka­le Be­völ­ke­rung eher nicht mit. Aus prak­ti­schen Grün­den.“

Le­on­hard Wei­din­ger, Pro­ve­ni­en­z­for­scher

„Schu­bert am Kla­vier“: Ei­nes der Wer­ke Klimts, die mit dem Brand in Im­men­dorf ver­lo­ren gin­gen

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