„SPORT IST EIN UNGLAUBLICHES TRANS­PORT­MIT­TEL“

Ru­dolf Ed­lin­ger ließ als Ra­pid-Prä­si­dent die Rol­le des Ver­eins in der NS-Zeit auf­ar­bei­ten. Als Prä­si­dent des Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chivs or­tet er be­denk­li­che Ten­den­zen.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - INHALT - VON ALEX­AN­DER HU­BER

Ru­dolf Ed­lin­ger über die Rol­le Ra­pids in der NS-Zeit.

IN­TER­VIEW. Ru­dolf Ed­lin­ger war bis 2000 der letz­te SPÖ-Fi­nanz­mi­nis­ter, bis 2013 führ­te der ge­lern­te Schrift­set­zer als Prä­si­dent den SK Ra­pid. Be­son­ders am Her­zen liegt dem 78-Jäh­ri­gen sein Eh­ren­amt als Prä­si­dent im Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stan­des. Als Ra­pid mit Stolz an den Ti­tel des „Deut­schen Meis­ters 1941“er­in­ner­te, traf die Kri­tik dar­an bei Ed­lin­ger ei­nen Nerv.

Wie kam es, dass Ra­pid als ers­ter Fuß­ball­ver­ein Ös­ter­reichs sei­ne Ge­schich­te in der NS-Zeit auf­ge­ar­bei­tet hat?

Ru­dolf Ed­lin­ger: 2009 wur­de Ra­pid 110 Jah­re alt, da­zu ha­ben wir Schal­ke ein­ge­la­den, al­so den Fi­nal­geg­ner beim Sieg in der Deut­schen Meis­ter­schaft 1941. Es gab mas­si­ve Kri­tik im Fuß­ball­ma­ga­zin „Bal­leste­rer“, dass wir uns ei­nes Ti­tels be­rüh­men, oh­ne auf die be­son­de­ren Um­stän­de hin­zu­wei­sen. Das stimmt, und da hab’ ich mich über mich selbst ge­är­gert. Be­son­ders mit mei­ner po­li­ti­schen Ein­stel­lung und der Funk­ti­on als Prä­si­dent im Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stands hät­ten wir selbst viel frü­her dar­auf kom­men kön­nen. Die Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung hat in Ös­ter­reich ge­ne­rell spät be­gon­nen.

Wie ha­ben Sie das da­mals mit­er­lebt?

Erst 1991 hat Bun­des­kanz­ler Vra­nitz­ky fest­ge­stellt, dass Ös­ter­reich nicht nur Op­fer, son­dern auch Tä­ter war. An­de­rer­seits ist klar, dass nicht je­der, der mit­ge­macht hat, ein über­zeug­ter Na­zi war. Da­wa­ren vie­le Mit­läu­fer da­bei. Die mehr­heit­li­che Mei­nung der Be­völ­ke­rung war aber ge­gen die neue Dy­na­mik bei die­sem The­ma. Da hieß es eher „Oh­ren zu“.

Wie lief die Au­f­ar­bei­tung bei Ra­pid ab?

Wir ha­ben 2009 ei­ne his­to­ri­sche Ar­beit, be­grün­det auf wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten, be­schlos­sen. Das hat ein-

ein­halb Jah­re ge­dau­ert, be­tei­ligt wa­ren die Jour­na­lis­ten vom „Bal­leste­rer“und His­to­ri­ker vom Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv. Von mir gab es kei­ne Ein­schrän­kun­gen, au­ßer, dass die Ar­beit in ei­ner all­ge­mein ver­ständ­li­chen, nicht zu wis­sen­schaft­li­chen Spra­che ver­öf­fent­licht wer­den soll. Das soll­te für die brei­te Mas­se zu­gäng­lich sein – mitt­ler­wei­le gibt es die drit­te Auf­la­ge.

Im Ra­pi­de­um gibt es die „La­de, die nicht zu­geht“. Die In­hal­te be­han­deln Ra­pid in der NS-Zeit. Wes­sen Idee war das?

Ich weiß es nicht, ich hal­te sie aber für un­glaub­lich wich­tig. Über die­se La­de re­det je­der, der in das Ver­eins­mu­se­um kommt. Fast je­der ver­sucht zu­erst, sie zu schlie­ßen und kommt dann da­hin­ter, wie in­ter­es­sant die In­hal­te sind.

Ein Er­geb­nis der Un­ter­su­chun­gen ist, dass kein Ra­pid-Spie­ler bei der NSDAP Mit­glied war. Hat Sie das über­rascht?

Ja, weil si­cher vie­le an­ge­spro­chen wur­den. Die Mehr­heit der Fans kam aus der Ar­bei­ter­schicht und die war für rech­te Par­tei­en im­mer ein gro­ßes Ziel. Da hat Mut da­zu ge­hört, als Ra­pi­dSpie­ler nicht zur Par­tei zu ge­hen. Al­f­red Kör­ner ist ei­ner der letz­ten Spie­ler, der da­von er­zäh­len kann: Sei­ner Erin- ne­rung nach hat die Po­li­tik im Ver­ein so we­nig Rol­le wie mög­lich ge­spielt.

Ein an­de­res Er­geb­nis lau­tet: Ein Spie­ler wur­de spä­ter we­gen Kriegs­ver­bre­chen ver­ur­teilt …

… auf der an­de­ren Sei­te sind elf Spie­ler im Krieg ge­fal­len. Mir war wich­tig, dass nichts ver­schwie­gen wird. His­to­ri­sche Tat­sa­chen zäh­len – Punkt.

Es ist öf­ter zu hö­ren, dass sich die Ju­gend nicht mehr mit den Na­zi­ver­bre­chen be­schäf­ti­gen will. Ist das gut 70 Jah­re da­nach ver­ständ­lich oder ge­fähr­lich?

Das Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv

ar­bei­tet viel in denSchu­len, or­ga­ni­siert Fahr­ten nach Maut­hau­sen und ähn­li­ches. Auch wenn die Jun­gen nicht so in­ter­es­siert sind, kann man sie so mit dem The­ma ver­traut ma­chen. Mich macht eher be­tre­ten, dass ich öf­ter von Äl­te­ren aus mei­ner Ge­ne­ra­ti­on hö­re: „Gib’ doch end­lich ei­ne Ru­he mit dem Gan­zen!“Das ist ei­nes der „Ge­heim- nis­se“, war­um ei­ne ganz spe­zi­el­le Par­tei so gro­ßen Zu­spruch in Ös­ter­reich ern­tet. Sol­che Ten­den­zen kom­men nicht von heu­te auf mor­gen, sie si­ckern lang­sam ein. Schau­en Sie nach Un­garn oder Po­len. Ich be­mer­ke sol­che Ten­den­zen auch in Ös­ter­reich. Wenn man nicht auf­passt, wer­den Din­ge Rea­li­tät, die man nicht für mög­lich ge­hal­ten hät­te.

In Ih­rem Vor­wort ha­ben Sie­ge­schrie­ben: „Kein ge­sell­schaft­li­cher Be­reich kann sich voll­stän­dig der Po­li­tik ent­zie­hen.“Ist es des­we­gen nö­tig, dass ein Fuß­ball­ver­ein po­li­ti­sche Fra­gen für sich klärt?

Al­le Be­rei­che ha­ben ei­ne Be­zie­hung zur Po­li­tik, auch wenn das man­che nicht glau­ben wol­len. Sport ist ein unglaubliches Trans­port­mit­tel, weil es vie­le in­ter­es­siert. Selbst als ich Fi­nanz­mi­nis­ter war, ha­be ich vie­le Zei­tun­gen hin­ten, al­so beim Sport, zu le­sen be­gon­nen. Be­son­ders nach Ra­pid-Sie­gen (lacht). Als Ra­pid-Prä­si­dent war es mir wich­tig, po­li­tisch zu al­len Äqui­dis­tanz her­zu­stel­len. Ich woll­te im Ku­ra­to­ri­um von al­len Par­tei­en Ver­tre­ter da­bei ha­ben, nur mit der FPÖ hab’ ich mir im­mer schwer ge­tan.

Wie geht es Ih­nen da­mit, wenn der Sport­mi­nis­te­re in rau­chen­der FPÖ­le­rist, der sich als Ra­pid-Fan dar­stellt?

Ich war über die­se Darstel­lung als Ra­pid-Fan über­rascht, weil ich Herrn Stra­che nie bei uns im Sta­di­on ge­se­hen ha­be. Aber es ist zu­läs­sig, auch wenn ich die In­hal­te und Ab­sich­ten der FPÖ aus dem tiefs­ten In­ne­ren mei­nes Her­zens ab­leh­ne. Ei­gent­lich ist es mir wurscht, was Herr Stra­che für Ra­pid emp­fin­det oder nicht.

Ra­pid hat die Ge­schich­te auf­ge­ar­bei­tet, da­nach Sturm, die Aus­tria ist da­bei – be­fürch­ten Sie, dass die Po­li­tik die­se Ar­beit un­ter dem Mot­to „Nie­mals ver­ges­sen“nicht mehr un­ter­stüt­zen wird?

Ich glau­be nicht, dass Fa­schis­mus-For­schung künf­tig be­hin­dert wer­den wird. Es ist be­dau­er­lich, dass es mitt­ler­wei­le kaum noch Zeit­zeu­gen gibt. Je­den­falls wer­den auch Par­tei­en, die am rech­ten Rand ste­hen, ab­strei­ten, dass sie ir­gend­et­was da­mit zu tun hät­ten. So wie sich heu­te man­che „Iden­ti­tä­re“nen­nen, frü­her sag­te man ganz ein­fach „Neo­na­zi“. Daist dann die Fra­ge: Was glaubt man?

Zum Schluss: Ra­pid hat nur fünf Wo­chen, zwi­schen En­de März und 1. Mai 1945 nicht ge­spielt. Ist das ei­ne Er­klä­rung für die Be­deu­tung des Fuß­balls?

Wenn ich da­mals Fuß­ball-Funk­tio­när ge­we­sen wä­re, hät­te ich auch ver­sucht, mög­lichst bald Spie­le aus­zu­tra­gen. Wenn al­les in Schutt und Asche liegt, gibt es ei­ne Sehn­sucht nach Nor­ma­li­tät. Fuß­ball kann Op­ti­mis­mus ver­mit­teln.

„Schau­en Sie nach Un­garn oder Po­len. Ich be­mer­ke sol­che Ten­den­zen auch in Ös­ter­reich. Wenn man nicht auf­passt, wer­den Din­ge Rea­li­tät, die man nicht für mög­lich ge­hal­ten hät­te.“

Ru­dolf Ed­lin­ger, Prä­si­dent im Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des Ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stan­des

Fi­na­le um die Groß­deut­sche Meis­ter­schaft 1941: Nach dem Hit­ler­gruß über­rasch­te die Mann­schaft von Ra­pid in Ber­lin mit dem le­gen­dä­ren 4:3 ge­gen Schal­ke

Er­in­ne­rung mit Stolz: Nach sei­ner Zeit als Fi­nanz­mi­nis­ter wur­de Ru­dolf Ed­lin­ger Ra­pid-Prä­si­dent, zum En­de der Ära be­kam er von den Spie­lern 2013 ein Tri­kot

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.