„Ha­ben Män­ner über­haupt noch das Recht zu re­gie­ren?“

Ab 1919 durf­te end­lich auch Sie mit­be­stim­men. Ös­ter­reich war beim Frau­en­wahl­recht Vor­rei­ter.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - AUFBRUCH - – SU­SAN­NE MAUTH­NER-WE­BER

„Raus mit den Män­nern aus dem Reichs­tag, und raus mit den Män­nern aus dem Land­tag, und raus mit den Män­nern aus dem Her­ren­haus, wir ma­chen draus ein Frau­en­haus!“

Die Gen­der­for­sche­rin und His­to­ri­ke­rin Ga­b­ri­el­la Hauch zi­tiert ger­ne aus dem Chan­son von Fried­rich Hol­la­en­der, das die Stim­mung un­ter den Frau­en nach dem Ers­ten Welt­krieg ganz gut zeigt: „Da­mals ha­ben Frau­en laut dar­über nach­ge­dacht, ob die Män­ner nach der mensch­li­chen Ka­ta­stro­phe des Welt­krie­ges über­haupt noch das Recht ha­ben, zu re­gie­ren.“

Der Ers­te Welt­krieg war ein Mo­bi­li­sa­tor für die Frau­en. „Da­mals be­gann ei­ne um­fas­sen­de, al­le Schich­ten durch­drin­gen­de Dis­kus­si­on über das Frau­en­wahl­recht, das sie sich in wei­ten Tei­len Eu­ro­pas zwi­schen 1918 und 1922 erstrit­ten.“

IN­NO­VA­TIV. Ös­ter­reich war un­ter den Vor­rei­tern. Hauch: „Mei­ner Mei­nung nach ist es si­gni­fi­kant, dass in den so­ge­nann­ten Ver­lie­rer­staa­ten des Ers­ten Welt­krie­ges Frau­en das Wahl­recht zu­erst be­kom­men ha­ben.“Sub­text: Wir wol­len es bes­ser ma­chen!

Auch dar­an zei­ge sich, wie in­no­va­tiv Ös­ter­reich war, denkt die His­to­ri­ke­rin Hei­de­ma­rie Uhl: „In Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en gab es bei­spiels­wei­se noch lan­ge viel mehr Be­schrän­kun­gen für Frau­en in Sa­chen Wahl­recht.“Von deutsch­na­tio­na­ler und christ­lich­so­zia­ler Sei­te gab es auch Wi­der­stand. „Aber weil die So­zi­al­de­mo­kra­tie be­reits so wich­tig für das Funk­tio­nie­ren des Staa­tes war, wur­de das Frau­en­wahl­recht trotz­dem ein­ge­führt“, sagt Hauch. Ge­dankt ha­ben es die Frau­en den Lin­ken nicht: „Sie ha­ben – bis zu den Na­tio­nal­rats­wah­len 1930 – mehr­heit­lich kon­ser­va­tiv ge­wählt.“Trotz­dem schaff­ten es bei den ers­ten Wah­len am 16. Fe­bru­ar 1919 sie­ben weib­li­che so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ab­ge­ord­ne­te ins Par­la­ment, dar­un­ter Adel­heid Popp und The­re­se Schle­sin­ger. Von den Christ­lich­so­zia­len wur­de nur Hil­de­gard Bur­jan ent­sandt.

NEUE FRAU. Die Frau­en­fra­ge blieb üb­ri­gens Jahr­zehn­te „die ideo­lo­gi­sche Ein­falls­schnei­se“, sagt Gen­der­for­sche­rin Hauch: „Da war plötz­lich die Fi­gur der neu­en Frau, die öko­no­misch un­ab­hän­gig ist, die die Ehe nicht mehr als Ver­sor­gungs­an­stalt be­trach­te­te, die sich gar die Le­bens­part­ner selbst wäh­len will, freie Lie­be in­klu­si­ve. Die Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se wa­ren ein Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt für die, die die Mo­der­ne woll­ten und für die, die sie nicht woll­ten. Da­her hat der au­to­ri­tä­re Ständestaat ab 1934 auch die po­li­tisch ver­an­ker­te Gleich­be­rech­ti­gung der Frau­en in der so ge­nann­ten Mai­ve­r­fas­sun­gen zu­rück­ge­nom­men.“Mit 1938 ka­men dann Mut­ter­tag und Mut­ter­kreuz.

Dass es bis 1968 dau­ern soll­te, ehe das The­ma Gleich­be­rech­ti­gung end­gül­tig auf­brach, kann sich heu­te kei­ner mehr vor­stel­len. Hauch: „Das ist die Klam­mer zwi­schen den drei Ach­ter-Jah­ren. Neue Frau­en­be­we­gung, neu­es Fa­mi­li­en­recht, Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Ab­trei­bung und Ho­mo­se­xua­li­tät, Dis­kus­sio­nen rund um die Haus­ar­beit – all das ist in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg be­reits dis­ku­tiert wor­den.“

Die So­zi­al­de­mo­kra­tin­nen im Par­la­ment im Jahr 1919: Adel­heid Popp, The­re­se Schle­sin­ger, An­na Bo­schek, Em­my Freund­lich, Ma­ria Tusch, Ama­lie Sei­del (von links vor­ne nach rechts hin­ten)

Dür­fen die, die den Krieg ver­ur­sacht hat­ten, Män­ner näm­lich, wei­ter be­stim­men? Das frag­ten Frau­en 1918

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