Traum vom Drit­ten Weg

1968 wur­de der Ver­such, das Re­gime in der Tsche­cho­slo­wa­kei frei­er und mensch­li­cher zu ge­stal­ten, über­rollt. Ös­ter­reich wur­de zum Asyl­land: Die Po­li­tik zö­ger­te, die Men­schen hal­fen.

Kurier Magazine - Die 8er Jahre - - DURCHBRUCH - VON KON­RAD KRAMAR

PRA­GER FRÜH­LING. Ein Re­vo­lu­tio­när woll­te er nie sein, le­dig­lich ein Re­for­mer, der ei­ne ma­ro­de Wirt­schaft in Gang zu brin­gen ver­such­te. Und doch sa­hen die Plä­ne des Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers Ota Šik ei­nen voll­stän­di­gen Um­bruch­der so­zia­lis­ti­schen Pl­an­wirt­schaft in der Tsche­cho­slo­wa­kei vor.

Der Ho­lo­cau­st­über­le­ben­de wur­de zum Mas­ter­mind der neu­en „hu­ma­nen Wirt­schafts­de­mo­kra­tie“, die wäh­rend des Pra­ger Früh­lings ge­plant wur­de. Das bis­he­ri­ge so­zia­lis­ti­sche Sys­tem, so mach­te Šik deut­lich, ha­be sich über­lebt und müs­se grund­le­gend neu über­dacht wer­den, um­end­lich das zu schaf­fen, wor­an der „Staats­ka­pi­ta­lis­mus“bis­her ge­schei­tert war: Wachs­tum.

Da­für müs­se die Pl­an­wirt­schaft durch ei­ne „so­zia­lis­ti­sche Markt­wirt­schaft“ab­ge­löst wer­den. In die­ser soll­ten die ein­zel­nen Fir­men und Be­trie­be, die von den Ar­bei­tern ver­wal­tet wur­den, selbst ent­schei­den, was sie pro­du­zie­ren wür­den. Der Markt, so for­mu­lier­te es der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, sei der wich­tigs­te Me­cha­nis­mus, um die „ein­sei­ti­gen Pro­du­zen­ten-In­ter­es­sen durch die Kon­su­men­ten-In­ter­es­sen aus­zu­ba­lan­cie­ren“.

NIE­DER­GE­SCHLA­GEN. In Mos­kau stand man dem „Drit­ten Weg“, wie die Wirt­schafts­re­for­men ge­nannt wur­den, an­fangs po­si­tiv ge­gen­über, sehr rasch wur­de er aber als „Re­stau­ra­ti­on des Ka­pi­ta­lis­mus“ver­ur­teilt. Im Au­gust 1968 wal­zen die Pan­zer der War­schau­er-Pakt-Trup­pen den „Pra­ger Früh­ling“bru­tal nie­der. Ei­ne mi­li­tä­ri­sche Über­macht über­rollt das Land bin­nen we­ni­ger Stun­den.

Die ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung hat­te ei­nen Plan aus­ge­ar­bei­tet, falls die­ser Fall ein­tre­ten wür­de. Das Bun­des­heer soll­te die ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze zur Tsche­cho­slo­wa­kei si­chern. Doch dann wur­de die ös­ter­rei­chi­sche Po­li­tik am fal­schen Fuß er­wischt: Bun­des­kanz­ler Jo­sef Klaus war eben­so wie ei­ni­ge Mi­nis­ter auf Ur­laub und da­her nicht zu er­rei­chen. Erst Stun­den spä­ter ka­men Re­gie­rung und Ge­ne­rä­le zu­sam­men, um über die La­ge zu be­ra­ten. Er­geb­nis: Zu­rück­hal­tung. Ös­ter­reich fühl­te sich auch im Lich­te des Ein­mar­sches in der Tsche­cho­slo­wa­kei zur Neu­tra­li­tät ver­pflich­tet.

ZU­RÜCK­HAL­TEND. Ein Grund für die Zu­rück­hal­tung war, dass man das Ver­hält­nis zur So­wjet­uni­on nicht be­las­ten woll­te. Die lan­gen Ver­hand­lun­gen mit der So­wjet­uni­on über den Staats­ver­trag la­gen erst 13 Jah­re zu­rück. Die ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung ver­zich­te­te schließ­lich dar­auf, die Gren­ze durch das Bun­des­heer zu si­chern. Statt­des­sen blie­ben die Sol­da­ten 30 Ki­lo­me­ter im Lan­des­in­ne­ren sta­tio­niert. Die Vor­sicht der Staats­spit­ze wur­de nicht von al­len Ös­ter­rei­chern gou­tiert – vie­le Men­schen wa­ren durch die ge­walt­tä­ti­gen Vor­gän­ge beim Nach­barn ver­un­si­chert, was der ÖVP-Re­gie­rung Klaus ei­nen Image­ver­lust be­scher­te. Im März 1970 ge­wann die SPÖ un­ter dem Vor­sit­zen­den Bru­no Kreis­ky die Wahl.

Von der Nie­der­schla­gung des „Pra­ger Früh­lings“bis zur end­gül­ti­gen Grenz­schlie­ßung sei­tens der CSSR im Ok­to­ber 1969 ist Ös­ter­reich Erst­auf­nah­me- und Asyl­land für Zehn­tau­sen­de Flücht­lin­ge. Mehr als 200.000, da­von et­wa 50.000 Ju­go­sla­wi­en-Tou­ris­ten, de­nen durch ei­ne Sper­re der un­ga­ri­schen Gren­zen der Weg in die Hei­mat ver­sperrt ist, sind es al­lei­ne bis De­zem­ber 1968.

GRA­FIK: ORTEGA | FO­TOS: CTK / PIC­TU­RE­DESK.COM , DPA, ISTOCK

Ver­kehrs­schil­der wer­den über­malt, um die Trup­pen zu ver­wir­ren

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.