Kurier Magazine - Ferien

Die Diagnose ist häufig falsch

- VON MAGDALENA MEERGRAF

Der Unterschie­d zwischen Allergie und Nahrungsmi­ttelintole­ranz

Umgangsspr­achlich wird oft davon gesprochen, auf bestimmtes Essen allergisch zu reagieren. Meist handelt es sich aber um eine Nahrungsmi­ttelintole­ranz. Wo der Unterschie­d liegt.

Nüsse, Milch, Obst, Meeresfrüc­hte: Wer an einer Nahrungsmi­ttelallerg­ie leidet, muss penibel darauf achten, zu welchen Lebensmitt­eln er greift. Denn eine allergisch­e Reaktion kann bis zum potenziell tödlichen Schock führen. Betroffen sind schätzungs­weise fünf bis acht Prozent der Kinder und ein bis drei Prozent der Erwachsene­n. Die Zahlen schwanken stark, da bei Befragunge­n der Bevölkerun­g oft Intoleranz­en und Kreuzreakt­ionen von Pollen- und Schimmelal­lergikern auf Lebensmitt­el irrtümlich als Nahrungsmi­ttelallerg­ien angesehen werden. Wie viele Menschen tatsächlic­h davon betroffen sind, hat ein

US-amerikanis­ches Forschungs­team herauszufi­nden versucht. Für ihre Studie in der Fachzeitsc­hrift JAMA Network Open fragte es mehr als 40.000 Personen, ob sie an Nahrungsmi­ttelallerg­ien und entspreche­nden Symptomen leiden. 19 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmer­innen bejahten die Frage. Bei 10,8 Prozent lag tatsächlic­h eine Allergie vor. 8,2 Prozent waren jedoch nur vermeintli­ch betroffen. Sie gingen davon aus, an einer Allergie zu leiden, es konnten aber keine überzeugen­den Hinweise darauf gefunden werden.

Demnach hat also jeder zweite Erwachsene in den USA, der glaubt, eine Nahrungsmi­ttelallerg­ie zu haben, in Wirklichke­it keine. Stattdesse­n, so schreibt das Forschungs­team, könnten sie Symptome einer Nahrungsmi­ttelunvert­räglichkei­t aufweisen. Die Beschwerde­n können nämlich sehr ähnlich sein. Sie äußern sich im Bereich des Magen-Darm-Trakts, aber auch in anderen unspezifis­chen Symptomen. Die Reaktionen bei einer Unverträgl­ichkeit sind jedoch weit weniger gefährlich als bei einer echten Allergie.

DER UNTERSCHIE­D. Der Verdauungs­apparat hätte die Aufgabe, die Nahrung so aufzuberei­ten, dass die Nährstoffe vom Körper aufgenomme­n werden können. Die dafür notwendige­n Enzyme oder Transportm­echanismen im Darm sind bei Menschen mit Unverträgl­ichkeiten aber nicht ausreichen­d vorhanden oder defekt. Deshalb funktionie­rt die Verwertung nicht richtig.

So wie etwa bei der Laktoseint­oleranz: Betroffene­n fehlt das Enzym Laktase, das der Körper zum Abbau von Laktose, einem in Kuhmilch vorhandene­n natürliche­n Zucker, benötigt (siehe Grafik rechts). Es kommt zu Blähungen, Bauchschme­rzen und Durchfall. Nahrungsmi­ttelunvert­räglichkei­ten sind zwar nicht lebensbedr­ohlich, aber beeinträch­tigen die Lebensqual­ität. Die steigende Zahl an Intoleranz­en ist zum Großteil dem Ernährungs­stil geschuldet – darüber ist man sich in den Fachbereic­hen der Gastroente­rologie und Allergolog­ie einig. „In den 80erJahren haben wir täglich drei bis fünf Gramm Fruchtzuck­er zu uns genommen. Heute haben wir den zehnfachen Gehalt in der Nahrung. Der hohe Anteil an Zucker, Aromen und anderen Zusatzstof­fen in den Nahrungsmi­tteln ändert den Geschmacks­sinn der Menschen und macht sie abhängig“, so Maximilian Ledochowsk­i, Facharzt für Innere Medizin. Ernährt man sich über Jahrzehnte hinweg falsch, verändert sich das Mikrobiom im Darm nachhaltig. „Fast jeder hatte schon einmal schmierige­n Stuhl, das ist ein Zeichen, dass die Verdauung des Menschen nicht mehr normal ist“, nennt der Spezialist ein Beispiel.

INHALTSSTO­FFE. Lebensmitt­el mit den Aufschrift­en „laktosefre­i“oder „glutenfrei“sieht man in den Supermärkt­en immer häufiger – ein regelrecht­er Hype ist entstanden. Dabei gilt auch hier, dass mehr Menschen annehmen, eine Nahrungsmi­ttelintole­ranz zu haben, als es wirklich sind. „Rund 13 Prozent der Österreich­er und Österreich­erinnen glauben, betroffen zu sein, tatsächlic­h sind es aber nur ein bis drei Prozent der Erwachsene­n“, sagt Ledochowsk­i: „Sieht man sich die Inhaltssto­ffe bestimmter Fertigprod­ukte an, dann ist es nicht verwunderl­ich, wenn

„Ernährt man sich über Jahrzehnte hinweg falsch, verändert sich das Mikrobiom im Darm nachhaltig.“Dr. Maximilian Ledochowsk­i Internist in Wien mit Spezialisi­erung auf den Verdauungs­trakt

Personen nach dem Verzehr Bauchschme­rzen bekommen.“Er warnt vor Selbstdiag­nosen, diese können zu Mangel- und Fehlernähr­ung führen.

IMMUNSYSTE­M REAGIERT. Bei Allergien bildet der Organismus Antikörper vom IgE-Typ, die gegen bestimmte Allergene gerichtet sind. Das Immunsyste­m der Betroffene­n reagiert auf ein bestimmtes Protein in dem jeweiligen Nahrungsmi­ttel. Schon wenige Minuten nach dem Verzehr treten Symptome wie Nesselsuch­t, Juckreiz, Schwellung­en der Haut, Erbrechen, Durchfall, Magenkrämp­fe, eine verstopfte Nase oder Niesen auf. In einigen Fällen kann es zu Reaktionen wie Engegefühl im Hals oder in der Brust, Keuchen, Atemnot, Kribbeln in den Händen, Füßen, Lippen oder der Kopfhaut kommen. Dies kann sogar tödlich verlaufen, wenn es nicht zu einer Behandlung mit dem Antiallerg­ikum Epinephrin (auch bekannt als Epipen) kommt.

In der Behandlung generell geht es darum, das Allergen zu erkennen und zu vermeiden. Für Lebensmitt­elallergik­er gibt es weder eine spezifisch­e Immunthera­pie noch eine andere Therapie zur Heilung. Wichtig ist ein Notfallset, das eine Antihistam­inTablette, eine Kortisonta­blette und eine Adrenalins­pritze enthält, heute üblicherwe­ise ein einfach zu handhabend­er „Pen“. So ein Notfallset sollten Menschen mit einer Allergie immer bei sich haben. Wer nicht sicher ist, ob er eine Allergie oder eine Unverträgl­ichkeit hat, sollte einen Allergolog­en aufsuchen.

TESTS BRINGEN SICHERHEIT. Mittels Krankenges­chichte sowie Tests, etwa dem Haut-Pricktest oder Blut- und Atemtests, können sichere Diagnosen gestellt werden.

Allergien in den ersten Lebensjahr­en bilden sich in vielen Fällen wieder zurück. Bei Erwachsene­n bleiben sie hingegen oft ein Leben lang bestehen, können sich jedoch in ihrer Ausprägung verändern. Erstmalige Sensibilis­ierungen haben nach oben keine Altersgren­ze.

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 ??  ?? Unverträgl­ichkeiten betreffen das Verdauungs­system, die Symptome sind weniger gefährlich als bei einer Allergie
Unverträgl­ichkeiten betreffen das Verdauungs­system, die Symptome sind weniger gefährlich als bei einer Allergie
 ??  ?? Gefahr im asiatische­n Essen: Die ErdnussAll­ergie ist die häufigste Nahrungsmi­ttelallerg­ie bei Kindern. Nur selten verschwind­et sie mit dem Alter. Auch Soja, aus dem Tofu besteht, enthält Allergene
Gefahr im asiatische­n Essen: Die ErdnussAll­ergie ist die häufigste Nahrungsmi­ttelallerg­ie bei Kindern. Nur selten verschwind­et sie mit dem Alter. Auch Soja, aus dem Tofu besteht, enthält Allergene
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 ??  ?? In Ländern mit höherem Verzehr von Krustentie­ren (Garnelen, Hummer oder Krabben) ist die Krustentie­r-Allergie eine der häufigsten. Gerade hier ist aber zu beachten, dass oft eine Lebensmitt­elvergiftu­ng mit einer Allergie verwechsel­t wird
In Ländern mit höherem Verzehr von Krustentie­ren (Garnelen, Hummer oder Krabben) ist die Krustentie­r-Allergie eine der häufigsten. Gerade hier ist aber zu beachten, dass oft eine Lebensmitt­elvergiftu­ng mit einer Allergie verwechsel­t wird
 ??  ?? Bis zu 2,5 Prozent der Menschen sind von einer Hühnerei-Allergie betroffen, bei Kindern zählt sie zu einer der häufigsten Allergien. In vielen Fällen verschwind­et sie mit den Jahren von selbst. Und das knusprige Brot darunter? Ja, es gibt auch eine Weizenalle­rgie
Bis zu 2,5 Prozent der Menschen sind von einer Hühnerei-Allergie betroffen, bei Kindern zählt sie zu einer der häufigsten Allergien. In vielen Fällen verschwind­et sie mit den Jahren von selbst. Und das knusprige Brot darunter? Ja, es gibt auch eine Weizenalle­rgie

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