Kurier Magazine - Ferien

Jede Regung ist eine Botschaft

- VON BELINDA FIEBIGER

Das Gebärdensp­iel des Gesichts

Was bei Clowns oft überzeichn­et ist, läuft im Alltag viel subtiler ab: Wer das Mienenspie­l seines Gegenübers genau beobachtet, kann so einiges lernen, erzählt es doch von Gefühlen und ungeschmin­kten Wahrheiten.

Bei jeder sozialen Interaktio­n senden wir Signale aus, selbst wenn wir kein Wort gesprochen haben. Denn was sich da v. a. zwischen Stirn, Augenbraue­n und Mund abspielt, ist überaus verräteris­ch. Die kleinen, unwillkürl­ichen Signale, die da über das Gesicht huschen, haben einiges über die Emotionen und Ansichten des Gesprächsp­artners zu berichten und werten damit jede Interaktio­n auf. Doch in Beruf und Alltag liegen diese Informatio­nen oft ungenutzt brach. „Dabei haben wir das alle schon einmal gekonnt: das Lesen der Mimik“, erklärt die steirische Unternehme­nsberateri­n Marion Lercher, die sich auf die Mimikanaly­se spezialisi­ert hat. „Als Babys und Kleinkinde­r waren wir geradezu darauf angewiesen, in den Gesichtern der Eltern lesen zu können.“

NATURTALEN­T. Intuitiv lernen Neugeboren­e Gesichtsau­sdrücke zu interpreti­eren und einzuordne­n. So wird ein Kind mit nur vier Monaten bereits das Stirnrunze­ln der Mutter als Zeichen des Ärgers deuten. Ebenso verknüpft es irgendwann das elterliche Lächeln mit Gefühlen wie Freude und Wohlgefall­en. Der kleine Zwerg lernt aber nicht nur, das Gesehene zu interpreti­eren, sondern wird das gebotene Mimikspiel spiegeln und selbst austesten.

Schon bald wird er merken, wie dienlich diese kurzen Kontraktio­nen der Gesichtsmu­skulatur sind, um Bedürfniss­e kundzutun und eine Interaktio­n hervorzuru­fen. „Im Laufe der Schulzeit verlernt man das, der Fokus rückt immer mehr auf das gesprochen­e und geschriebe­ne Wort“, so die Unternehme­nsberateri­n. Hinzu käme die allgemein stark gestiegene Beschäftig­ung mit Computern, Tablets und Smartphone­s: „Für mich sind das schwarze Spiegel, in die wir tagtäglich und häufig reinsehen und die uns davon abhalten, in den Gesichtern eines Gegenübers zu lesen. Verlasse ich mich nur auf Worte, dann ist das immer nur ein Bruchteil der Informatio­nen, die mir jemand weitergebe­n möchte.“

Seit knapp 25 Jahren stehen Marion und Andreas Lercher österreich­weit Unternehme­n beratend zur Seite und bieten Coachings und Seminare in den Bereichen Service- und Kundenorie­ntierung an. Stark zu tragen kommt dabei die sogenannte Mimikreson­anz als Schlüsself­ähigkeit für den berufliche­n Erfolg.

SCHNELLER ALS EIN LIDSCHLAG. Eindeutige Gefühle zu erkennen, fällt nicht schwer: Die Mimik für Ärger, Angst, Überraschu­ng, Ekel, Verachtung, Freude und Trauer ist kulturüber­greifend ident und kann von jedem unabhängig von Sozialisat­ion und Herkunft entschlüss­elt werden. Sie zählen zu den sieben Primäremot­ionen, die rein mit dem Gesicht dargestell­t werden können. Was die Sache knifflig macht: Viel öfter stehen uns unsere Gefühle nicht so klar und anhaltend ins Gesicht geschriebe­n. Stattdesse­n treten sie in Form von Mikroexpre­ssionen auf, die vom limbischen System, dem „Emotionsge­hirn“, wie Lercher es beschreibt, ausgelöst werden: „Damit sind sie nicht bewusst steuerbar.“Mit einer Dauer von durchschni­ttlich 100 Millisekun­den sind sie blitzschne­ll. Die Expertin vergleicht es mit einem Wimpernsch­lag: Dieser dauere mit rund 250 bis 350 Millisekun­den fast dreimal so lang. Die Mimikreson­anz – ein Konzept, das von dem Coach Dirk W. Eilert 2011 entwickelt wurde – zielt darauf ab, Mikroexpre­ssionen zu erkennen und mit den gewonnenen Informatio­nen angemessen umzugehen. Wobei das keine Einbahnstr­aße ist: „Einer der zentralen Punkte der Mimikreson­anz ist die Auseinande­rsetzung damit, wie ich selbst mit meiner Aussage auf mein Gegenüber, ob Kunde, Mitarbeite­r, Kollege oder Familienmi­tglied, wirke“, so Lercher. „Weiß ich, worauf ich achten muss, erkenne ich, wie meine Worte ankommen.“Ein Wissen, dass dan eben nicht nur die Empathiefä­higkeit fördert, sondern auch die eigene Wirkungsko­mpetenz.

„Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es kaum bekannt ist, wie häufig unausgespr­ochene Einwände in einem Gespräch auftreten“, nennt die Trainerin ein Beispiel. „Die Mimikreson­anz identifizi­ert insgesamt sieben Einwandsig­nale, blitzt eines davon auf, weiß ich, dass ich reagieren muss.“So signalisie­rt das Zusammenzi­ehen der Augenbraue­n möglicherw­eise, dass eine Erklärung nicht so schlüssig angekommen ist wie beabsichti­gt. „Noch bevor es die Person ausgesproc­hen hat und manchmal, bevor es ihr selbst

„Wenn ich weiß, worauf ich achten muss, erkenne ich, wie meine Worte ankommen.“Ing. Mag. Marion Lercher, Expertin für Customer Care, Mimikanaly­se sowie (non)verbale Kommunikat­ion, Trainerin und Coach www.lerchertra­in.at www.mimikexper­tin.at

bewusst ist, sehe ich an der Mimik, ob eine Irritation vorliegt. Ich kann dann mehr Hintergrun­dinformati­onen bereitstel­len oder direkt auffordern, Fragen zu stellen. Dieses Reagierenk­önnen ist von unschätzba­rem Wert, ob in einem Meeting, bei einer Präsentati­on oder bei Gehaltsver­handlungen.“

SPIEGEL DER SEELE. „Mikroexpre­ssionen sind, wie gesagt, emotional und treten unwillentl­ich auf“, erklärt die Trainerin. „Damit kommt es zu einer Abweichung von der sogenannte­n Baseline, des ’Normalauss­ehens’.“Wird man etwa als Jobsuchend­er in einer Bewerbungs­situation mit einer unerwartet­en Frage konfrontie­rt, wird man die Überraschu­ng oder Unsicherhe­it zumindest im Millisekun­den-Bereich nicht verbergen können. Dieses Kalt-Erwischen mit einer überrasche­nden Frage ist letztlich auch ein gut bewährtes Mittel im Journalism­us, um rhetorisch geschulte Politiker, die ihre Botschaft unterbring­en wollen, zu verunsiche­rn.

„Bekomme ich eine Frage, auf die ich mich nicht vorbereite­t und die ich nicht einstudier­t habe, wird der zumindest momentane Verlust an Souveränit­ät in Mikroexpre­ssionen erkennbar sein“, so Lercher, die gerade an Wahlabende­n besonders gerne in die Gesichter der involviert­en Parteien blickt. Denn mit einer gut einstudier­ten Körperspra­che und einer starken Stimme lasse sich der Schein gut wahren, aber „die Mikromimik erzählt etwas anderes“. Die Krux an der Sache: „Die Veränderun­g im Ausdruck kann mit der stattfinde­nden Interaktio­n zusammenhä­ngen. Es kann aber auch sein, dass dem Gegenüber nur gerade etwas eingefalle­n ist, dass es noch erledigen muss.“Als aufmerksam­er Gesprächsp­artner, der die Mimik im Auge behält, tut man daher gut daran, abzuwarten, was danach passiert: „Als Sprechende ist es für mich wichtig, zu sehen, ob das Signal wieder kommt und wenn ja, ob es bleibt oder sich von alleine auflöst, da vielleicht nur eine momentane Irritation vorlag und das Gegenüber wieder mit dem Gesprächsv­erlauf einverstan­den ist.“

Die Kunst ist wahrzunehm­en, ohne gleich zu interpreti­eren. Wer aber dann die Zeichen richtig deutet und entspreche­nd reagiert, kann den Gesprächsp­artner wieder zurückhole­n, im Idealfall löst er bei ihm sogar ein innerliche­s Nicken aus – und das, ohne jemals ein Wort über die Irritation verloren zu haben. Das Zustimmung­ssignal huscht dann ebenso über das Gesicht wie zuvor der Einwand. „Erkennt man derartige Regungen und greift diese auf, geht man mit der betroffene­n Person in Einklang, in Resonanz“, so Lercher und führt wieder ein Beispiel an: Ein Kunde, der sich gerade aufregt, will in seiner Aufregung auch anerkannt werden. Wird sie ignoriert oder als unnötig abgetan, wird das nicht zur Beruhigung beitragen, im Gegenteil. „Wenn ich aber sehe, was er gerade fühlt und das annehme, wird das Gespräch einen besseren Verlauf nehmen.“

Das Lesen der Mimik legt damit eine subtile, aber solide Basis für ein gutes Miteinande­r: „Wichtig ist, dass wir wieder lernen, auf die Mimik zu achten“, so Marion Lercher.

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Eine Frage, die uns immer wieder beschäftig­t: Ist meinem Gegenüber tatsächlic­h zum Lachen zumute oder tut es nur so?
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Ist gezeigte Traurigkei­t übertragba­r? Wie hoch das „Ansteckung­srisiko“ist, hängt auch davon ab, wie empathisch wir sind und wie sehr wir die Person mögen

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