Hy­po NÖ: Der eins­ti­ge Welt­klub

Hy­po NÖ war das bes­te Da­men-Team in Eu­ro­pa. Der Glan­zist­längst­ver­blasst.Meis­ter­wur­de­man­den­noch.

Kurier Magazine - Handball - - INHALT - FLO­RI­AN PLAVEC

Der Ab­stieg des acht­fa­chen Cham­pi­ons-le­ague-sie­gers

Es war ei­ne hit­zi­ge Dis­kus­si­on, die si­cham 30. Ok­to­ber 2009 in der Sport­re­dak­ti­on des KURIER ent­wi­ckel­te. Mehr noch, ein Streit, fast ei­ne Schreie­rei un­ter Kol­le­gen, wie es sie sonst nie gibt. Was war ge­sche­hen? Zwei Jun­gRe­dak­teu­re hat­ten es ge­wagt, dem „po­si­tiv Ver­rück­ten“Gun­nar Prokop das Ad­jek­tiv ab­zu­spre­chen. Die Al­tKol­le­gen wa­ren em­pört ob der Ma­jes­täts­be­lei­di­gung und der KURIER-Schlag­zei­le „Der Film­riss“.

Was war ge­sche­hen?

Tags zu­vor hat­te Hy­po NÖ ei­ne Cham­pi­ons-Le­ague-Par­tie in der Süd­stadt ge­spielt. 27:27 stand es sie­ben Se­kun­den vor dem En­de, Geg­ner Metz star­te­te ei­nen Kon­ter und die Spie­le­rin lief plötz­lich ge­gen ein Hin­der­nis. Sport­di­rek­tor, Trai­ner und Zam­pa­no Gun­nar Prokop hat­te ein paar Schrit­te ins Feld ge­macht und die Spie­le­rin auf­lau­fen las­sen. Prokop hat Metz den mög­li­chen Sieg ge­stoh­len, ein schwe­res sport­li­ches Foul auf dem Spiel­feld be­gan­gen und auch ein mensch­li­ches bei den In­ter­views da­nach. „Wir hät­ten ja ein Tor be­kom­men kön­nen“, sag­te er da­mals. Oder: „Tak­tisch war es rich­tig.“

Prokop wur­de für drei Jah­re ge­sperrt, spä­ter wur­de die Sper­re auf ein Jahr re­du­ziert.

Kei­ne an­de­re Epi­so­de zeigt so deut­lich, wie Gun­ner Prokop auf dem Handball-Feld ge­tickt hat. Für den Er­folg, und da­von hat­te Prokop reich­lich, war ihm fast je­des Mit­tel recht (sie­he In­ter­view auf Sei­te 44).

RÜ­CKEN­DE­CKUNG. Prokop stammt aus ei­ner Fa­mi­lie mit sie­ben Kin­dern. Der Erst­ge­bo­re­ne, Lud­wig, war 20 Jah­re äl­ter. Als Sport­me­di­zi­ner und Do­ping­jä­ger mach­te er sich ei­nen Na­men. Gun­nar war der ein­zi­ge der fünf Bu­ben, der nicht stu­dier­te. Die Ma­tu­ra hol­te er in der Ma­tu­ra­schu­le nach. Schon wäh­rend sei­ner Aus­bil­dung zum Sport­leh­rer lern­te er Lie­se Sy­ko­ra ken­nen. Prokop wur­de ihr Trai­ner, sie wur­de sei­ne Frau, Olym­pia-Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ne­rin im Fünf­kampf 1968 und spä­ter In­nen­mi­nis­te­rin. 2006 starb sie völ­lig un­er­war­tet. Zum Auf­wär­men ließ Prokop sei­ne Leicht­ath­le­tin­nen manch­mal Handball spie­len. Sie grün­de­ten ei­nen Ver­ein, im ers­ten Jahr in der Staats­li­ga wur­den sie Zwei­te, 1977 erst­mals Meis­ter. Der Rest ist Ge­schich­te.

RÜCK­GRAT. 1987 stand das Team erst­mals im Cham­pi­ons-Le­ague-Fi­na­le.De­rend­gül­ti­geDurch­bruch­ge­lang 1989 mit dem Fi­nal­sieg ge­gen das als un­schlag­bar gel­ten­de Team von Spar­tak Kiew. Sie­ben wei­te­re Cham­pi­ons­Le­ague-Sie­ge folg­ten, Prokop wur­de eu­ro­pa­weit be­kannt für sein Ge­brüll an der Out­li­nie. In Ru­mä­ni­en setz­te es nach ei­nem Spiel Ohr­fei­gen, in Skop­je wur­de er von ei­nem Row­dy nie­der­ge­schla­gen, in Un­garn flog ein St­ein. Prokop hat stets po­la­ri­siert.

Er war vom Er­folg be­ses­sen und ord­ne­te dem al­les un­ter. Er wand­te um­strit­te­ne Trai­nings­me­tho­den an, er ließ sei­ne Spie­le­rin­nen ein­bür­gern, er fiel durch se­xis­ti­sche Sprü­che auf. „Frau­en ge­hö­ren hin­ter den Herd“, sag­te er, als Lie­se In­nen­mi­nis­te­rin wur­de. Nach der fol­gen­den Auf­re­gung kor­ri­gier­te er: „Hin­ter dem

„Manch­mal ist es gut, wenn man um den Platz in der Mann­schaft kämp­fen muss.“ Mar­tin Ma­tusch­ko­witz (Meis­ter­trai­ner)

Herd ist die Wand. Frau­en ge­hö­ren vor den Herd.“

Prokop pro­vo­zier­te, und er pro­vo­zier­te ger­ne. Das Meis­te, was er sag­te, mein­te er ernst. Sein Aus­ras­ter ge­gen Metz 2009 war der An­fang vom En­de. Im Ju­ni 2010 trat er zu­rück, kurz vor sei­nem 70. Ge­burts­tag. „Mit Mit­tel­maß kann ich mich nicht iden­ti­fi­zie­ren“, sag­te er da­mals, nach­dem ei­ni­ge sei­ner Wunsch­spie­le­rin­nen nicht ver­pflich­tet wor­den wa­ren.

Seit­dem hat er sich in der Süd­stadt nie wie­der se­hen las­sen.

RÜCK­SCHRITT. Heu­te ist es ru­hi­ger ge­wor­den um den Ver­ein. En­de Mai hol­te Hy­po NÖ zum 42. Mal in Fol­ge den Meis­ter­ti­tel. Seit 1976 heißt der Ös­ter­rei­chi­sche Da­men­meis­ter oh­ne Un­ter­bre­chung Hy­po Nie­der­ös­ter­reich – ei­ne Sie­ges­se­rie, die welt­weit wohl ein­zig­ar­tig ist. Stellt sich die Fra­ge: Ist Hy­po NÖ der­art über­ra­gend, oder fehlt die Kon­kur­renz? „Über­ra­gend wa­ren wir eh nicht, der Cup­sieg ist an Sto­ckerau ge­gan­gen.“Das sagt Mar­tin Ma­tusch­ko­witz. Der 49-Jäh­ri­ge ist seit 1993 (mit Un­ter­bre­chun­gen) bei Hy­po NÖ. Mit ihm ge­wann der Ver­ein un­ter an­de­rem 1997/’98 die Cham­pi­ons Le­ague. In der ver­gan­ge­nen Sai­son war er Chef­trai­ner der Hy­po-Da­men.

„Es ist nicht so, dass wir wie frü­her mit sie­ben oder zwölf Le­gio­nä­rin­nen auf­tre­ten“, sagt er. „Heu­er ha­ben wir nur noch mit ei­ner Le­gio­nä­rin ge­spielt. Die Spit­zen­spie­le­rin­nen aus der Prokop-Ära gibt es auch nicht mehr. Wir ha­ben im Gro­ßen und Gan­zen ei­ne Mann­schaft aus der ei­ge­nen Ju­gend, zu­min­dest aus ei­ner U 16 oder U 17.“Ver­än­dert ha­be sich seit der Pro­kopÄ­ra ei­ni­ges. Not­ge­drun­gen, wie er sagt, den Fi­nan­zen ge­schul­det. „Wir kön­nen uns auf dem in­ter­na­tio­na­len

Markt nicht mehr die Bes­ten aus­su­chen. Jetzt spie­len wir kei­nen Pro­fiHand­ball mehr. Es ist im­mer noch Leis­tungs­sport. Aber kein Hoch­leis­tungs­sport im Spit­zen­be­reich.“

Ei­ne ge­wis­se Be­las­tung sei es nun, dass Hy­po au­to­ma­tisch Meis­ter wer­den müs­se. „Man­chen fehlt da ein biss­chen das Ver­ständ­nis, bei die­sen Spie­le­rin­nen, die wir ha­ben“, sagt Ma­tusch­ko­witz – und er er­in­nert an ein Di­lem­ma im ös­ter­rei­chi­schen Frau­en-Handball: „Wir kön­nen nicht ein­fach sa­gen: Okay, wir neh­men ei­ne an­de­re Spie­le­rin. Wir ha­ben in Ös­ter­reich im Er­wach­se­nen-Be­reich vi­el­leicht 150 Hand­bal­le­rin­nen. Das ist zu we­nig für 18 oder 20 Mann­schaf­ten.“

Na­tür­lich ge­be es groß­ar­ti­ge Spie­le­rin­nen, er­fah­re­ne Trai­ner, doch es feh­le die Brei­te. „Manch­mal ist es gut, wenn man als Spie­le­rin um den Platz in der Mann­schaft kämp­fen muss. Um im Spit­zen­sport wei­ter­zu­kom­men, braucht man ei­nen Leis­tungs­druck. Und der ist der­zeit de­fi­ni­tiv nicht da.“Den­noch über­wie­gen die po­si­ti­ven Ein­drü­cke: „Es ist schon sehr schön, wenn man mit ei­ner Mann­schaft ar­bei­tet und dann sieht, wie et­was wei­ter­geht. Auch der Meis­ter­ti­tel war heu­er nicht selbst­ver­ständ­lich.“

RÜCK­BLICK. An die Zeit mit dem all­mäch­ti­gen Gun­nar Prokop denkt Ma­tusch­ko­witz oft zu­rück, und er tut dies gern. „Ich fand das da­mals schon toll. Es war auf al­le Fäl­le ei­ne viel lus­ti­ge­re Art, an den Spit­zen­sport her­an­zu­ge­hen“, sagt er. Scha­de sei al­ler­dings: „Ich glau­be, Prokop ist nicht in Frie­den ge­schie­den. Aus sei­ner Sicht ist das kein Spit­zen­sport mehr. Für ihn ist das ein Da­hin­plät­schern. Und das in­ter­es­siert ihn halt nicht.“–

Das letz­te gro­ße Fi­na­le: Hy­po NÖ (Mit­te: Ti­mea Toth) un­ter­lag 2008 in der Cham­pi­ons Le­ague Swe­ni­go­rod

Gun­nar Prokop im Jahr 1978 mit zwei Leicht­ath­le­tin­nen: Ma­ria Sy­ko­ra (li.) und ih­re Schwes­ter Lie­se Prokop

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