Es­sen, bis die Mü­dig­keit kommt Was hin­ter dem Mit­tags­tief steckt

Sie bricht kurz nach dem Mit­tag­es­sen über uns her­ein: die Mü­dig­keit. Was hin­ter der sin­ken­den Ener­gie­kur­ve und dem gro­ßen Gäh­nen steckt und wel­che Maß­nah­men da­bei hel­fen, die post­pran­dia­le Mü­dig­keit zu über­win­den.

Kurier Magazine - Herbst - - MEDICO | INHALT - VON JU­LIA GSCHMEIDLE­R

» Und plötz­lich geht nichts mehr. Eben saß man noch hoch kon­zen­triert, aber mit knur­ren­dem Ma­gen am Schreib­tisch. Und nach ei­ner schnel­len Mahl­zeit zu Mit­tag baut sich auf ein­mal die Mü­dig­keit wie ei­ne Mau­er vor ei­nem auf und droht ei­nen zu er­drü­cken. Post­pran­dia­le Som­n­o­lenz heißt der Fach­be­griff für die­se Mü­dig­keit nach dem Mit­tag­es­sen, die vie­len Men­schen den Ar­beits­all­tag er­schwert. Welt­weit be­schäf­ti­gen sich Wis­sen­schaf­ter mit dem Phä­no­men, um ei­nen Er­klä­rungs­an­satz für die Schläf­rig­keit zu fin­den – und die­se da­durch aus­brem­sen zu kön­nen. Doch die Er­geb­nis­se sind kon­tro­vers. Ei­ne der äl­tes­ten Er­klä­run­gen, war­um wir nach dem Mit­tag­es­sen mü­de wer­den, be­zieht sich auf die Ver­dau­ung. Der ge­sam­te Ver­dau­ungs­trakt ist nach den Mahl­zei­ten stär­ker durch­blu­tet und der Blut­fluss in Ge­hirn und Mus­ku­la­tur da­durch re­du­ziert. Re­sul­tat: Wir wer­den mü­de. Die­ser Er­klä­rung stimmt auch der Wie­ner Neu­ro­lo­ge Gün­ther Poss­nigg zu. Den­noch hält er es für wahr­schein­lich, dass die En­dor­phin-Aus­schüt­tung ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le spielt. „Da­für spricht auch, dass die Mü­dig­keit nicht so­fort kommt, son­dern mit ei­ner ge­wis­sen Ver­zö­ge­rung“, meint der Arzt. »

En­dor­phi­ne sind et­wa in der Um­schal­tung im ve­ge­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tem von Sym­pa­thi­kus auf Pa­ra­sym­pa­thi­kus ent­schei­dend. Sie ver­stär­ken näm­lich die Über trä­ger sub­stanz Ace­tyl­cho­lin – ein Trans­mit­ter vom an­ge­spann­ten, ge­stress­ten Zu­stand in ei­ne ent­spann­te Pha­se, in der ver­daut wird. Da­her geht Neu­ro­lo­ge Poss­nigg auch da­von aus, dass war­me und koh­len­hy­drat rei­che Ge­rich­te, die ver­mehrt zu­rEn­dorp hin aus­schüt­tung füh­ren, auch ein grö­ße­res Mit­tags­tief aus­lö­sen. Ei­ne kon­tro­vers ge­führ­te De­bat­te, sind man­che Wis­sen­schaf­ter doch der Auf­fas­sung, dass be­son­ders Ei­weiß und Salz in­der Nah­rung für die Mü­dig­keit ver­ant­wort­lich sind.

BIORHYTHMU­S. Ei­ne wei­te­re Er­klä­rung für die post­pran­dia­le Mü­dig­keit ist der zir­ka­dia­ne Rhyth­mus. Das ist der 24-Stun­den-Takt, in dem wir uns be­we­gen. Die­se in­ne­re Uhr be­sagt, dass sich – von Mensch zu Mensch un­ter­schied­lich – al­le 70 bis 110 Mi­nu­ten ein be­stimm­ter Rhyth­mus von Leis­tungs­fä­hig­keit und Tiefs wie­der­holt. „Wenn ich ei­ne Pau­se ne­gie­re, was sehr oft im Be­rufs­le­ben vor­kommt, wird der Wunsch da­nach nach wei­te­ren 80 bis 90 Mi­nu­ten noch

„Un­ser Kör­per er­freut sich an ei­ner ge­misch­ten fett­ar­men Mahl­zeit aus Ge­mü­se, Ei­wei­ßquel­le und Koh­len­hy­drat­lie­fe­ran­ten und dankt mit ei­ner bes­se­ren Leis­tungs­kur­ve. Isst man sich bis zum An­schlag satt, macht das un­se­re Ver­dau­ung platt.“Ed­burg Ed­lin­ger, BSc, Diä­to­lo­gin www.er­na­eh­rungs­ma­nage­ment.at

stär­ker“, sagt Poss­nigg. Wenn sich das mehr­mals wie­der­ho­le, sei das Loch um 14 Uhr be­son­ders tief. Wo­bei dem Ex­per­ten auch wich­tig zu be­to­nen ist, dass nicht je­der Mensch zwi­schen 14 und 15 Uhr den to­ta­len Tief­punkt hat, son­dern die­ser je nach Rhyth­mus vom Zeit­punkt des Auf­wa­chens weg in­di­vi­du­ell un­ter­schied­lich ist. Poss­nigg, der auch als Psych­ia­ter tä­tig ist, rät, die zir­ka­dia­nen Pau­sen für die Mit­tag­es­sen zu nut­zen, da dies stark zur Psy­cho­hy­gie­ne bei­tra­gen wür­de. Ge­ra­de bei Burn-out-Pa­ti­en­ten se­he er, dass sie ih­re vom Kör­per an­ge­kün­dig­ten Pau­sen nicht wirk­lich wahr­neh­men könn­ten. Da­her sei es um­so wich­ti­ger, die ta­ges­ryhth­mi­schen Pau­sen ernst zu neh­men und nicht zu über­spie­len. Bleibt die Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen un­ser Ess­ver­hal­ten auf das so­ge­nann­te „Schnit­zel­ko­ma“hat. Laut Diä­to­lo­gin Ed­burg Ed­lin­ger be­stim­me et­wa die Es­sens­men­ge die Stär­ke der Mü­dig­keit. „Je grö­ßer das auf­ge­nom­me­ne Nah­rungs­vo­lu­men ist, um­so stär­ker wird der Ver­dau­ungs­trakt durch­blu­tet, wo­durch Ge­hirn und Ar­beits­mus­ku­la­tur mit we­ni­ger Sau­er­stoff ver­sorgt sind“, sagt sie. Wich­tig sei auch, gut zu kau­en. Zu we­nig zer­klei­ner­te Nah­rung for­de­re den Ver­dau­ungs­trakt und sor­ge für ei­nen or­dent­li­chen Tief­gang in Sa­chen Leis­tungs­fä­hig­keit und Wohl­be­fin­den. „Zu­dem sor­gen fett­rei­che, ge­räu­cher­te oder an­de­re schwer ver­dau­li­che Spei­sen für ei­ne lan­ge Ma­gen­ver­weil­dau­er“, sagt die Ex­per­tin.

ARZT­BE­SUCH. Die durch­schnitt­li­che Dau­er des Mü­dig­keits­ein­bruchs ist schwer zu be­zif­fern, wird die­ser doch von so vie­len Fak­to­ren be­ein­flusst. Diä­to­lo­gin Ed­lin­ger rät, die post­pran­dia­le Mü­dig­keit ärzt­lich ab­klä­ren zu las­sen, wenn sie zu ei­nem so star­ken Ver­lust an Ar­beits­leis­tung führt, dass Ar­beits­kol­le­gen oder Vor­ge­setz­te ei­nen dar­auf auf­merk­sam ma­chen oder der ei­ge­ne Lei­dens­druck zu groß ist. Denn auch ein Ei­sen- oder Vit­amin-B12-Man­gel könn­te ei­ne Ur­sa­che für star­ke Mü­dig­keit sein. Auch ei­ne diä­to­lo­gi­sche Ab­klä­rung mit Er­näh­rungs­ana­mne­se kann hel­fen. Bei­spiels­wei­se füh­ren lan­ge Ess­ab­stän­de zu Ener­gie­man­gel und Leis­tungs­ab­fall. Da­mit pro­vo­zie­re man zu gro­ße Mahl­zei­ten mit un­kon­trol­lier­tem Ess­ver­hal­ten, so die Ex­per­tin. „Ei­ne bes­se­re Mahl­zei­tenv er­tei­lung kann sehr ef­fek­tiv sein ,“sag­tEdl ing er. Die Diä­to­lo­gin warnt vor vor­ei­li­gen Schlüs­sen :„ Viel zu häu­fig glau­ben Men­schen, dass sie ei­ne Un­ver­träg­lich­keit oder All­er­gie auf Nah­rungs­mit­tel ha­ben. Bei­spiels­wei­se hat man kei­ne Un­ver­träg­lich­keit auf Wei­zen, wenn man sich nach zwei Tel­lern Nu­del­ge­richt über un­er­wünsch­te Be­schwer­den wun­dert.“Da­bei wä­re ein Tel­ler ver­mut­lich gut ver­träg­lich ge­we­sen. Gut ver­träg­li­che Re­zep­te fürs Mit­tag­es­sen fin­den Sie auf der Fol­ge­sei­te. «

„Das Mit­tags­tief zu nut­zen, um sich zu re­ge­ne­rie­ren, wä­re ein un­glaub­lich wich­ti­ger Fak­tor.

Da sich dies vie­le nicht ein­rich­ten kön­nen, ist es bes­ser, kei­ne gro­ßen Mahl­zei­ten zu sich zu neh­men.“

Dr. Gün­ther Poss­nigg, Fach­arzt für Neu­ro­lo­gie und Psych­ia­trie

„Schnit­zel­star­re“: Wenn die Mü­dig­keit nach dem Mit­tag­es­sen über­hand­nimmt

Laut ei­ner Stu­die führt be­reits der Duft von Kaf­fee zu ei­ner Leis­tungs­stei­ge­rung Tipps­ge­gen da­sEs­sens­ko­ma 5

Das bes­te Mit­tel ge­gen die Mü­dig­keit nach dem Es­sen ist ein Spa­zier­gang an der fri­schen Luft. Ge­hen bringt nicht nur den Kreis­lauf in Schwung, son­dern auch das Ge­hirn

Nach dem Mit­tag­es­sen Fens­ter öff­nen: Sau­er­stoff kur­belt die Hirn­ak­ti­vi­tät wie­der an

Ge­gen das Gäh­nen: Ein be­le­ben­des Ge­spräch oder ge­mein­sa­mes La­chen wirkt an­re­gend

Ein Po­wer­nap von 10 bis 15 Mi­nu­ten kann die Ak­kus wie­der auf­la­den – ist aber nicht für je­den ge­eig­net

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