WAR­UM WIR KRANK WER­DEN

Ein Ge­spräch mit Andrea Podcz­eck-schweig­ho­fer über Le­bens­stil, so­zio­öko­no­mi­schen Sta­tus und me­di­zi­ni­schen Be­hand­lungs­fort­schritt als Ein­fluss­fak­tor in Hin­blick auf Herz-kreis­lauf-er­kran­kun­gen.

Kurier Magazine - Herz - - KARDIOLOGISCHE GESELLSCHAFT - VON THE­RE­SA GIRARDI

» Andrea Podcz­eck-schweig­ho­fer ist Prä­si­den­tin der Kar­dio­lo­gi­schen Ge­sell­schaft. Sie pu­bli­ziert un­ter an­de­rem zu Gen­der­kar­dio­lo­gie und den erst spät er­forsch­ten Herz­er­kran­kun­gen un­ter Frau­en, die Herz­pro­ble­me mit­un­ter fälsch­li­cher­wei­se als Män­ner­pro­ble­me be­trach­ten. Die Me­di­zi­ne­rin ver­folg­te vor dem Me­di­zin­stu­di­um jour­na­lis­ti­sche Zie­le und be­gann ein Phi­lo­so­phie­stu­di­um, das ihr bis heu­te ei­ne zu­sätz­li­che Sicht­wei­se auf den Men­schen er­mög­licht.

Wie steht es um die Herz­ge­sund­heit der Ös­ter­rei­che­rin­nen und Ös­ter­rei­cher? Andrea Podcz­eck-schweig­ho­fer: So­wohl die Sterb­lich­keit als auch die Ma­ni­fes­ta­ti­on von kar­dio­vas­ku­lä­ren Er­kran­kun­gen ist in den vo­ri­gen Jahr­zehn­ten im­mer mehr zu­rück­ge­gan­gen. Der me­di­zi­ni­sche Be­hand­lungs­fort­schritt, die kon­se­quen­te Blut­druck­ein­stel­lung und das­wis­sen­um­die­ri­si­ko­fak­to­ren­zei­gen Wir­kung. Man kann sa­gen: Die Le­bens­er­war­tung in Ge­sund­heit nimmt zu. Gleich­zei­tig be­las­tet das zu­neh­men­de Le­bens­al­ter aber das Ge­fäß­sys­tem. Herz und Kreis­lauf sind zu­sätz­li­chen An­for­de­run­gen aus­ge­setzt. Ab ei­nem Al­ter von et­wa 70 stel­len Herz-kreis­lauf-er­kran­kun­gen die mit Ab­stand häu­figs­te To­des­ur­sa­che dar.

Vie­le Pro­zes­se der Ge­fäß­al­te­rung lau­fen schlei­chend. Um­so wich­ti­ger ist die Primärprävention. Was ist da­mit ge­meint? Es sind im­mer noch zu vie­le Men­schen adi­pös, be­we­gen sich zu we­nig und rau­chen zu viel. Primärprävention meint das An­set­zen bei den be­kann­ten Ri­si­ko­fak­to­ren – mög­lichst be­reits im Kin­des­al­ter. Viel­fach sind Klein­kin­der ja bei­spiels­wei­se­nicht­ein­mal­mehr­ans­lau­fen ge­wöhnt. Sie wer­den mit dem Au­to in den Kin­der­gar­ten ge­bracht und von der Schu­le ab­ge­holt. Zu we­nig Be­we­gung und schlech­te Er­näh­rung kön­nen sich in Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen, Adi­po­si­tas un­d­blut­hoch­druck­nie­der­schla­gen,mit ge­fähr­li­chen Fol­gen.

Gib­tes­per­so­nen­grup­pen,die­be­son­ders ge­fähr­det sind? Ob ein Mensch er­krankt, hängt zu ei­nem nicht un­be­trächt­li­chen Teil vom so­zio­öko­no­mi­schen Sta­tus ab. Das gilt auch für die Se­kun­där­prä­ven­ti­on. Wir ha­ben Da­ten, die be­sa­gen, dass der so­zia­le Sta­tus star­ken Ein­fluss dar­auf nimmt,wie­gut­sich­je­mand­nach­ei­nem über­stan­de­nen Herzinfarkt er­holt und wie die Per­son ih­ren Le­bens­stil fort­an än­dert. Da­ne­ben gibt es ge­ne­ti­sche Fak­to­ren, die aber nicht auf den Groß­teil der Herz­kran­ken zu­tref­fen.

Wie gut ist die Ver­sor­gungs­la­ge? Wir ha­ben das Glück, ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Akut­ver­sor­gung zu ha­ben. Das führt­da­zu,das­sim­mer­mehr­men­schen ein kar­di­ales Er­eig­nis über­le­ben. Als Fol­ge nimmt die Zahl der Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten mit chro­ni­scher Herz­in­suf­fi­zi­enz zu. Wir ge­hen mitt­ler­wei­le von­rund300.000men­schen­aus,die­an ei­ner Herz­schwä­che lei­den. Ent­spre­chen­de Ver­sor­gungs- und Be­hand­lungs­pro­gram­me gibt es aber nur punk­tu­ell – et­wa in Ti­rol, Salzburg und teil­wei­se in Wi­en. Wür­den nach recht­zei­ti­ge­mer­ken­nen­die­rich­ti­gen­the­ra pie­schrit­te­ein­ge­lei­tetund­die­be­trof­fe­nen zu Hau­se be­treut wer­den, könn­ten vie­le teu­re Spi­tals­auf­nah­men und zu frü­he To­des­fäl­le ver­hin­dert wer­den.

Nicht zu­letzt ist die The­ra­pie­treue der Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten ein The­ma? Lei­der er­rei­chen längst nicht al­le Men­schen mit ko­ro­na­ren Herz­krank­hei­ten die­vor­ge­se­he­nen­be­hand­lungs­zie­le.die Da­ten sind alar­mie­rend: Et­wa ein Vier­tel der Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten nach Herzinfarkt hält sich nicht an die ver­schrie­be­ne­me­di­ka­ti­on.knapp­die­hälf­te da­von löst nach Ent­las­sung aus dem Kran­ken­haus nicht ein­mal das ers­te Re­zept­ein.wei­te­re25pro­zent­ver­nach­läs­si­gen die Me­di­ka­men­ten­ein­nah­me im Lau­fe des ers­ten Jah­res. Nach ei­nem be­reits über­stan­de­nen kar­di­ale­n­er­eig­ni­sist­das­ri­si­ko­für­ein­zwei­tes um­so höher. Hier scheint das Ver­ständ­nis für die Le­bens­be­droh­lich­keit der Er­kran­kung noch nicht aus­rei­chend ver­an­kert.

Prim. Prof. Dr. Andrea Podcz­eck-schweig­ho­fer lei­tet die 5. Med. Ab­tei­lung mit Kar­dio­lo­gie des SMZ Süd in Wi­en

Es sind zu vie­le Men­schen adi­pös, be­we­gen sich zu we­nig und rau­chen zu viel – hier setzt die Primärprävention an

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