Der Herzinfarkt – ein Wett­lauf ge­gen die Zeit

Durch ein gu­tes und vor al­lem schnel­les Zu­sam­men­spiel zwi­schen den No­t­ärz­ten und den um­lie­gen­den Kran­ken­häu­sern mit Herz­ka­the­ter­platz ver­stirbt heu­te nur noch ein Bruch­teil der Be­trof­fe­nen.

Kurier Magazine - Herz - - MEDICO SPEZIAL HERZINFARKT - VON MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF UND THE­RE­SA GIRARDI

» Rund 9000 Li­ter Blut pumpt un­ser Herz täg­lich. Da­durch wer­den al­le wich­ti­gen Or­ga­ne mit Sau­er­stoff ver­sorgt. „Bis­her ha­ben Men­schen noch kei­ne Ma­schi­ne ent­wi­ckelt, die ei­ne sol­che Pump­leis­tung über 80 Jah­re hin­weg täg­lich feh­ler­frei er­brin­gen könn­te“, ver­an­schau­licht Bern­hard Metz­ler, Kar­dio­lo­ge an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für In­ne­re Me­di­zin in Innsbruck, die Funk­ti­on ei­nes un­se­rer wich­tigs­ten Or­ga­ne. Wenn es al­ler­dings zu ei­ner Herz­er­kran­kung kommt, kann es mit­un­ter le­bens­ge­fähr­lich wer­den. So et­wa beim Herzinfarkt. Die Zahl der Be­trof­fe­nen in Ös­ter­reich ist auf rund 20.000 im Jahr ge­stie­gen. Der Grund für die­se ho­he Zahl? Un­ser Herz ist ei­gent­lich für kör­per­li­che An­stren­gung ge­baut. Be­wegt man sich über Jah­re kaum, ist über­ge­wich­tig, raucht und lei­det noch da­zu un­ter Stress, so kann sich das ir­gend­wann rä­chen. „Rund 30 Pro­zent al­ler durch Herz­er­kran­kun­gen ver­ur­sach­ten To­des­fäl­le sind durch das Rau­chen be­dingt“, be­tont Metz­ler. Ein ho­her Blut­cho­le­ste­rin­wert, Dia­be­tes mel­li­tus und ho­her Blut­druck sind zu­sätz­lich Ri­si­ko­fak­to­ren.

EIN SCHLEICHENDER PRO­ZESS. „Es kommt zu schlei­chen­den Ve­rän­de­run­gen an den Ge­fäß­in­nen­wän­den, die zu ei­ner plötz­li­chen Ge­rinn­sel­bil­dung in ei­nem der Herz­kranz­ge­fä­ße füh­ren kön­nen“, er­klärt Ja­kob Dör­ler, eben­falls Kar­dio­lo­ge an der Inns­bru­cker Kli­nik. Der Vor­gang zieht sich meis­tens über Jah­re hin, oh­ne dass ir­gend­wel­che An­zei­chen auf die durch Abla­ge­run­gen ver­eng­ten Ge­fä­ße hin­deu­ten. „Die Fol­ge ist, dass das Ge­fäß­vo­lu­men ir­gend­wann kom­plett ver­stopft oder in­so­weit blo­ckiert wird, dass der Herz­mus­kel nur noch un­zu­rei­chend mit Sau­er­stoff und Nähr­stof­fen ver­sorgt wird.“In dem nun nicht mehr aus­rei­chend mit Blut ver­sorg­ten Be­reich kommt es zum Ab­ster­ben von Herz­mus­kel­ge­we­be. Je nach Lo­ka­li­sa­ti­on des In­fark­tes un­ter­schei­det man ei­nen Vor­der-, Sei­ten- oder Hin­ter­wand-in­farkt. Ob ein Herzinfarkt ganz „stumm“ab­läuft, mit hef­ti­gen Schmer­zen ver­bun­den ist oder im schlimms­ten­fall­sog­arz­um­so­for­ti­gen Herz­tod führt, hängt von Grö­ße und La­ge des ver­stopf­ten Herz­kranz­ge­fä­ßes ab. Bei den Be­trof­fe­nen äu­ßert sich ein Herzinfarkt meist durch plötz­lich auf­tre­ten­des Bren­nen in der Brust und star­ke Schmer­zen, die nicht sel­ten in Ar­me, Schul­tern oder den Kie­fer aus­strah­len. Auch Brus­ten­ge, Übel­keit, Ma­gen­schmer­zen und Un­wohl­sein kön­nen An­zei­chen für ei­ne dro­hen­de Atta­cke sein (sie­he auch Sei­te 113). „Tre­ten aus hei­te­rem Him­mel Be­schwer­den im Brust­be­reich auf, die län­ger als 15 Mi­nu­ten an­hal­ten und auch in kör­per­li­cher Ru­he be­ste­hen blei­ben, so soll­te auf je­den Fall die Ret­tung ver­stän­digt­wer­den“,fasst­dör­ler­die­vor­zei­chen zu­sam­men. Je nach­dem, wie groß das Are­al ist, das von der Blut­ver­sor­gung ab­ge­schnit­ten wird, kann das Herz sei­ner Funk­ti­on noch teil­wei­se nach­ge­hen oder stirbt lang­sam ab. Bei ei­nem kom­plet­ten Ver­schluss ste­hen die Chan­cen da­her am bes­ten, wenn in­ner­halb von ei­ner bis drei St­un­den nach dem Er­eig­nis be­han­delt wird. „Man spricht auch von der gol­de­nen ers­ten St­un­de. Da­nach nimmt das Ri­si­ko für blei­ben­de Schä­den rasch zu. Je län­ger die Un­ter­ver­sor­gung an­hält, des­to mehr Herz­ge­we­be stirbt in der Re­gel ab,“so der Ex­per­te.

BES­SE­RE AKUT­VER­SOR­GUNG. Zeit ist al­so Herz­mus­kel­ge­we­be. Be­steht ein Ver­dacht, so wird vom Not­arzt be­reits vor Ort die Be­schwer­de­sym­pto­ma­tik ge­prüft und ei­ne Initi­al­dia­gno­se mit­tels EKG durch­ge­führt. Durch me­di­ka­men­tö­se Maß­nah­men und mit ei­nem Herz­ka­the­ter wird an­schlie­ßend ver­sucht, den Ge­fäß­ver­schluss zu öff­nen. „Die Akut­ver­sor­gung hat sich we­sent­lich ver­bes­sert. Durch die im­mer bes­ser struk­tu­rier­ten Herzinfarkt-netz­wer­ke, al­so durch das Zu­sam­men­spiel zwi­schen Haus- bzw. No­t­ärz­ten und dem nächs­ten Kran­ken­haus mit ei­nem Herz­ka­the­ter­platz, wur­de die Zeit deut­lich ver­kürzt, in der der Herz­mus­kel nach ei­nem Herzinfarkt zu we­nig oder kein Blut be­kommt“, zieht Metz­ler ei­ne po­si­ti­ve Bi­lanz. Das be­stä­tigt »

„Be­trof­fe­ne wer­den bin­nen Mi­nu­ten ins nächst­ge­le­ge­ne Herz­ka­the­ter­la­bor ge­bracht.“Ja­kob Dör­ler, Kar­dio­lo­ge Uni­ver­si­täts­kli­nik Innsbruck

Zeit ist Herz­mus­kel­ge­we­be! Denn ver­stopft ein Ge­fäß, wird der Herz­mus­kel nur noch un­zu­rei­chend mit Sau­er­stoff und Nähr­stof­fen ver­sorgt

auch Kol­le­ge Ja­kob Dör­ler: „Be­trof­fe­ne wer­den bin­nen Mi­nu­ten ins nächst­ge­le­ge­ne Herz­ka­the­ter­la­bor ge­bracht – wenn nö­tig auch mit Ret­tungs­hub­schrau­ber.“Dort wird das Blut­ge­rinn­sel ab­ge­saugt oder das Ge­fäß ge­dehnt und durch ei­nen Stent – ein Me­tall­git­ter, das an die Ge­fäß­in­nen­wand ge­presst wird – ge­stützt. Bei op­ti­ma­ler Ver­sor­gung er­holt sich der Herz­mus­kel schon nach we­ni­gen Ta­gen wie­der. Das be­deu­tet al­ler­dings nicht, dass der Pa­ti­ent oder die Pa­ti­en­tin so­fort ent­las­sen wird.

UN­TER BEOBACHTUNG. Er­lei­det ei­ne Per­son ei­nen Herzinfarkt, wird sie meis­tens ei­ne Wo­che sta­tio­när be­ob­ach­tet und die Ri­si­ko­fak­to­ren, die zu die­ser ge­fähr­li­chen Si­tua­ti­on ge­führt ha­ben, aus­rei­chend ab­ge­klärt. Wäh­rend Be­we­gungs­man­gel, Blut­hoch­druck, ein zu ho­her Cho­le­ste­rin­spie­gel und an­hal­ten­der Stress nach­weis­lich zur ko­ro­na­ren Herz­er­kran­kung füh­ren, sind tat­säch­li­che In­farkt­aus­lö­ser oft phy­si­sche Stress­mo­men­te: „Ein kör­per­li­ches Be­las­tungs­er­eig­nis bei schlech­ter Fit­ness kann oft die Spit­ze des Eis­ber­ges sein. Ein Klas­si­ker hier­zu­lan­de ist das mor­gend­li­che Schnee­schau­feln im Win­ter. Gro­ße An­stren­gung bei Käl­te ist ge­ra­de bei äl­te­ren Per­so­nen ein we­sent­li­cher Trig­ger­fak­tor“, be­rich­tet Ja­kob Dör­ler. Bei an­de­ren kann es je­doch auch aus hei­te­rem Him­mel pas­sie­ren: häu­fig in der Nacht oder in den frü­hen Mor­gen­stun­den.

SE­KUN­DÄR­PRÄ­VEN­TI­ON. Im Fol­gen­den gilt es, den Be­trof­fe­nen Maß­nah­men zur in­di­vi­du­el­len Le­bens­stil­mo­di­fi­ka­ti­on nä­her­zu­brin­gen und durch ei­ne me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung ei­ne Se­kun­där­pro­phy­la­xe vor­zu­neh­men. Da es bei Vor­schä­di­gung nicht sel­ten zu ei­nem Fol­gein­farkt kommt, ist es um­so wich­ti­ger, al­le mög­li­chen Ri­si­ko­fak­to­ren ernst zu neh­men. „Man muss sich be­wusst sein, dass die Wahr­schein­lich­keit, ei­nen er­neu­ten In­farkt zu er­lei­den, grö­ßer ist, als wenn man noch nie ein Er­eig­nis hat­te“, warnt der Ti­ro­ler Ex­per­te. „Der Pa­ti­ent soll­te sich da­her kon­se­quent an die me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie hal­ten und je­g­li­che Stres­so­ren im Be­ruf und Pri­vat­le­ben mi­ni­mie­ren.“Da­ne­ben sind Be­we­gung und Sport nach ei­nem Herzinfarkt fast ge­nau­so wich­tig wie die re­gel­mä­ßi­ge Ein­nah­me von Me­di­ka­men­ten. Durch scho­nen­des Auf­bau­trai­ning kann die Pump-funk­ti­on der ver­blei­ben­den Herz­mus­ku­la­tur deut­lich ge­stärkt wer­den. Auch wirkt es po­si­tiv ge­gen Über­ge­wicht und auf den Fett­stoff­wech­sel. Er­höh­te kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit hilft den Be­trof­fe­nen au­ßer­dem, wie­der ak­tiv am Le­ben teil­zu­neh­men.

RÜCKLÄUFIGE STERBERATE. Schluss­end­lich gilt es noch ein­mal die po­si­ti­ve Ent­wick­lung zu be­to­nen: Wer heu­te ei­nen Herzinfarkt er­lei­det, hat nicht nur dank der Ent­wick­lun­gen in der Akut­kar­dio­lo­gie bes­se­re Chan­cen, das un­mit­tel­ba­re Er­eig­nis zu über­le­ben. Be­son­ders kran­ke und al­te Pa­ti­en­ten und Pa­ti­en­tin­nen ster­ben des­halb im­mer sel­te­ner an ei­nem Herzinfarkt. Be­trof­fe­ne kön­nen au­ßer­dem bei kon­se­quen­ter Se­kun­där­prä­ven­ti­on und Ein­hal­tung der me­di­ka­men­tö­sen The­ra­pie­vor­ga­ben auf ei­ne weit­ge­hend nor­ma­le Le­bens­er­war­tung hof­fen. Zwar bleibt oft­mals ei­ne chro­ni­sche Herz­schwä­che, die so­ge­nann­te Herz­in­suf­fi­zi­enz, zu­rück. Al­ler­dings gibt es auch hier mitt­ler­wei­le gu­te Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten.

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