KIN­DER SET­ZEN EI­NEN SPIE­GEL VOR

Die Fa­mi­li­en­psy­cho­lo­gin Sa­bi­ne Wirns­ber­ger plä­diert im Ge­spräch für mehr Ge­las­sen­heit in der Er­zie­hung und schil­dert, wie El­tern die­se er­rei­chen kön­nen.

Kurier Magazine - Kinder - - Gelassenheit Üben Gesunde Kinder - VON MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

»Vie­le el­tern sind heu­te un­si­cher, wie sie ih­re Kin­der er­zie­hen sol­len. Die Vor­stel­lung, dass er­zie­hung vor al­lem da­durch statt­fin­det, dass Er­wach­se­ne stän­dig auf den Nach­wuchs ein­re­den und ihn kor­ri­gie­ren, gilt als über­holt. Denn Kin­der ler­nen vor al­lem vom el­ter­li­chen Vor­bild. Wie ger­ne wür­de man da­her ei­nen mög­lichst ent­spann­ten um­gang pfle­gen und auf Her­aus­for­de­run­gen ge­las­sen re­agie­ren. Doch klei­ne Trotz­köp­fe schaf­fen es nicht sel­ten, ei­nen der­art auf die Pal­me zu brin­gen, dass von Ge­las­sen­heit kei­ne Spur mehr zu er­ken­nen ist. „Das ist ganz na­tür­lich“, be­ru­higt Sa­bi­ne Wirns­ber­ger vom In­sti­tut für Fa­mi­li­en för­de­rung. Dies­te iri­sche Kin­der -, Ju­gend-und Fa­mi­li­en­psy­cho­lo­gin er­klärt, wie man sich für sol­che si­tua­tio­nen wapp­nen kann. Ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis, Selbst­be­wusst­sein und Acht­sam­keit ge­gen­über den ei­ge­nen Wün­schen sind ge­fragt.

Wie fin­det man die Ba­lan­ce zwi­schen lo­cke­ren Zü­geln und den­noch kon­se­quen­ter Er­zie­hung? Sa­bi­ne Wirns­ber­ger:

Kin­der ler­nen am meis­ten über Be­ob­ach­tung, man nennt das auch Mo­dell­ler­nen. Sie sind im­mer ein Spie­gel der Er­wach­se­nen. Des­halb soll­ten sich el­tern auch selbst mehr be­ob­ach­ten. Was sie be­wusst über die Er­zie­hung steu­ern kön­nen, macht ei­gent­lich nur ei­nen ge­rin­gen Teil aus. Kin­der wer­den oh­ne­hin im­mer an die Gren­zen ge­hen, so weit, bis ein „Halt!“kommt. El­tern kom­men da­durch na­tür­lich in emo­tio­na­le Si­tua­tio­nen, in de­nen sie viel­leicht nicht so re­agie­ren, wie sie ger­ne wür­den. Ein Streit muss aber nichts Schlech­tes sein: Kon­flik­te aus­zu­tra­gen ist so­gar wich­tig. Gren­zen ge­ben nun ein­mal Halt und Ori­en­tie­rungs­hil­fe. Kind er­ler­nen nur, wenn Si­tua­tio­nen emo­tio­nal auf­ge­la­den sind.

Wie weiß man, wo man die Gren­zen set­zen soll?

Man muss sich als El­tern­teil dar­über be­wusst wer­den, wel­che Re­geln man wich­tig fin­det und ob man sie wirk­lich durch­set­zen kann. Die­se re­geln soll­te man im­mer gleich hand­ha­ben und auch ein­for­dern, denn Am­bi­va­lenz ist schlecht in der Er­zie­hung. Wenn das Kind erst um zwölf Uhr nach Hau­se kommt statt wie ver­ein­bart um zehn Uhr und kei­ne kon­se­quen­zen er­fährt, wird es den Zeit­punkt in Zu­kunft im­mer wei­ter hin­aus­zö­gern.

Kin­der ver­lan­gen viel auf­merk­sam­keit.

Kin­der ver­lan­gen zwar viel Auf­merk­sam­keit, brau­chen aber nicht so viel, wie sie for­dern.

Wie viel Auf­merk­sam­keit be­nö­ti­gen sie denn tat­säch­lich?

Auf­merk­sam be­deu­tet, Raum zu ge­ben. Ab­war­ten, was vom Kind selbst kommt und dies auf­grei­fen. Das gibt dem Kind das Ge­fühl, ge­se­hen zu wer­den. Ein Bei­spiel: Nicht gut ist, wenn der Va­ter den Turm baut und das kind nur da­ne­ben steht. Bes­ser ist, wenn das kind den turm baut und der Va­ter fragt, wie er hel­fen kann. Dann kann es sa­gen: „Gib mir die Stei­ne“. Kin­der, die per­ma­nent im Fo­kus der El­tern ste­hen, ler­nen nicht ab­zu­war­ten und an­de­ren Raum zu ge­ben. Sie kön­nen des­halb schlecht mit an­de­ren Kin­dern um­ge­hen.

Wie merkt man als el­tern­teil, dass man zu viel Be­schüt­zer in­stinkt an­den Tag legt?

Ich glau­be, man kann das selbst an sich nicht gut er­ken­nen. Man er­kennt das eher an­den pro­ble­men, die dar­aus ent­ste­hen. Wen nein Kind kaum Freund­schaf­ten schlie­ßen kann, ängst­lich ist, Über­nach­tun­gen bei Freun­den nicht mög­lich sind. Wenn es un­ter Tren­nungs­ängs­ten lei­det und des­halb nicht bei Schul­aus­flü­gen da­bei sein möch­te. Das kommt da­her, dass es sich selbst nichts zu­traut.

Wel­che Kon­se­quen­zen kann das „He­li­c­op­ter Pa­ren­ting“ha­ben?

Wenn Kin­der das Ge­fühl ver­mit­telt be­kom­men, die wel­ti st vol­ler­ge fah­ren, wer­den sie sich nicht so frei­ent wi­ckeln kön­nen. Je nach Alt er­ha­ben Kin­der Ent­wick­lungs auf­ga­ben, et­wa selbst­stän­dig wer­den, Freund schaf­ten schlie­ßen und so wei­ter. In die­sem fall sind sie in ih­rer Ent­wick­lung hin­ten an.

Es soll al­so ei­nen kla­ren Rah­men­ge­ben, in­ner­halb des­sen die Kin­der aber mög­lichst viel Frei­heit ha­ben. Wie viel kann und muss man den Kin­dern selbst zu­trau­en?

Kin­der brau­chen Ver­bun­den­heit und Ein ge­bun­den­heit in Fa­mi­lie und All­tag, auf der an­de­ren sei­te brau­chen sie Au­to­no­mie und Selbst­stän­dig­keit. Das sind die bei­den ele­men­ta­ren Po­le. Wenn bei­des aus­rei­chend vor­han­den ist, soll­te man al­les da­zwi­schen nicht über­be­wer­ten. Dann darf man kin­der auch ein­fach mal ma­chen las­sen.

Woran er­kennt man, ob bei­des vor­han­den ist?

An­hand von Kon­flik­ten. El­tern soll­ten sich die fra­ge stel­len: Auf wel­chen der bei­den Po­le be­zieht sich der Kon­flikt? Kin­der­spie­geln, was­nicht­passt.

Ge­las­sen­heit üben, das klingt so ein­fach. Aber als el­tern ist man ja zu­sätz­lich dem Druck des Um­felds aus­ge­setzt.

Man kann es nie al­len recht ma­chen, so sehr man sich be­müht. Kin­der sind nicht per­fekt, El­tern sind nicht per­fekt, Fa­mi­li­en­le­ben ist nicht per­fekt. Wich­tig ist es, viel zu la­chen und schö­ne Zei­ten zu ver­brin­gen, da­mit man für stür­mi­sche Zei­ten ge­wapp­net ist. Ich ra­te al­len El­tern, dar­auf zu schau­en, dass es ih­nen selbst gut geht. Die Kin­der lau­fen mit. «

„Kin­der ler­nen am meis­ten über Be­ob­ach­tung, man nennt das auch Mo­dell­ler­nen. Was El­tern be­wusst über die Er­zie­hung steu­ern kön­nen, macht ei­gent­lich nur ei­nen ge­rin­gen Teil aus.“Mag. a Dr. in Sa­bi­ne Wirns­ber­ger, Kin­der-, Ju­gend- und Fa­mi­li­en­psy­cho­lo­gin

Ein Streit muss nichts Schlech­tes be­deu­ten: Kin­der ler­nen von emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen Si­tua­tio­nen

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.