Ich zu­erst

Wie­viel Ego­is­mus braucht der Mensch?

Kurier Magazine - Kinder - - Inhalt - VON BAR­BA­RA STIE­GER

» Erst kommt das Fres­sen, dann kommt die Moral“, heißt es be­reits in Ber­told Brechts Drei­gro­schen­oper. Mit dem spruch spielt er auf die un­ter­schie­de zwi­schen Ar mund Reich an. Denn wer ge­nug Geld und Es­sen für ein sorg­lo­ses Le­ben hat, pre­digt gern vom ho­hen Ross der Moral, wie sich an­de­re zu ver­hal­ten ha­ben. Doch aus­ge­rech­net in Zei­ten des Wohl­stan­des scheint es, als wür­de uns moral zu­neh­mend ab­han­den kom­men. Ober­fläch­lich be­trach­tet zu­min­dest.

SELBST BES PI EGEL UN G.

„War­ums­ind Men­schen über­haupt be­reit, et­was her­zu­ge­ben? Ein ra­tio­na­ler Mensch wird im­mer sei­nen Ge­winn ma­xi­mie­ren wol­len “, ant­wor­tet Ent­wick­lungs - psy­cho­lo­gin Stefanie Höhl auf mei­ne Fra­ge, war­um ei­ni­ge Men­schen ego­is­ti­scher sind als an­de­re. Auch ei­ne Sicht­wei­se, denk eich, und auch an­sät­ze wie :„ je­der ist sich selbst der nächs­te“und„ Wenn je­der an sich denkt, ist an al­le ge­dacht“. Al­len Un­ken­ru­fen zum trotz, dass wir al­le zu klei­nen ichAG S ver­kom­men, un­se­re So­li­da­ri­tät ver­küm­mert un­d­sic hin­ein er selbst­be spie­geln­den end­los­schlei­fe die er­de nur noch um uns selbst dreht, se­hen vie­le Phi­lo­so­phen, Psy­cho­lo­gen und Öko­no­men un­ser Ver­hal­ten auf lan­ge Sicht auf der al­tru­is­ti­schen Sei­te. »

Hat der gu­tea lt eho­mooe­co­no­mi­cus, der ra­tio­na­le Agent und Nut­zen­ma­xi­mie­rer, der nur auf sich ach­tet, aus­ge­dient? Ja, denn geht es nach dem So­zio­lo­gen Dirk­hel­bing, ist­der­menschkein­ho­mo oe­co­no­mi­cus, son­dern ein Ho­mo so­cia­lis. „Wir ha­ben in ei­ner Stu­die mit­tels Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on den so­zia­len Aus­tausch zwi­schen Ein­zel­per­so­nen über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg nach­ge­stellt“, so Hel­bing. In der Aus­gangs­la­ge wa­ren al­le Ak­teu­re nur auf den ei­ge­nen Vor­teil be­dacht. Sie kön­nen zu­sam­men­ar­bei­ten, doch es be­steht der an­reiz, dass sie mehr für sich her­aus­ho­len, wenn sie es nicht tun. A bund zu wer­den men­schen mit ei­ner ge­wis­sen freund­lich­keit ge­bo­ren. Die meis­ten Ak­teu­re sind ei­gent­lich ko­ope­ra­ti­ons­be reit–so­lan­ge ih­re Nach­barn aber nicht ko­ope­rie­ren, tun sie es auch nicht. Weil sie sich nicht aus- nut­zen las­sen wol­len. Hin und wie­der kommt es zur ge­burt ei­nes men­schen, der zur be­din­gungs­lo­sen ko­ope­ra­ti­on be­reit ist. Lan­det die­ser in­mit­ten von Ego­is­ten, ha­ter­k­eine­chan­ce. Er­wird nur aus­ge­nutzt und hat kei­ne Nach­kom­men – die Ge­sell­schaft bleibt ego­is­tisch .„ Wird er aber in die Nach­bar­schaft vonKo­o­pe rat ions wil­li­gen ge­bo­ren, gibt es ei­nen Do­mi­no­ef­fekt. Die Nach­barn fan­gen an, zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, schal­ten von ego­is­tisch auf ko­ope­ra­ti­ves Ver­hal­ten um. Weil der Al­tru­is­mus die in ih­nen an­ge­leg­te Vor­lie­be zur freund­lich­keit an­spricht. In­der Si­mu­la­ti­on ha­ben sich die Al­tru­is­ten durch­ge­setzt. Und das wer­den sie sich auch im rea­len Le­ben“, ist der Ex­per­te über­zeugt.

ICH-BE­WUSST­SEIN.

In ei­nem YouTube-in­ter­view geht der Phi­lo­soph Richard da­vidp recht noch wei­ter und meint, wir hät­ten ei­ne An­triebs­fe­der zum Gu­ten in uns. „Das Gu­te ist zwar nichts Ab­so­lu­tes, aber in ei­ner Ge­sell­schaft kann man sich sehr schnell dar­über ei­ni­gen, was gut ist“, meint Precht. Psy­cho­lo­gin Stefanie Höhl spricht von in­trin­si­scher Mo­ti­va­ti­on, die zu­tiefst in uns ver­wur­zelt ist. „Mit et­wa ein­ein­halb jah­ren ent­wi­ckelt das Kind ein Ich-be­wusst­sein und schon zu die­sem zeit­punkt ist es auch be­reit, an­de­ren zu hel­fen. Mi­cha­el To­ma­sel­lo hat für sei­ne Stu­die Kin­der ne­ben Er­wach­se­nen plat­ziert. Die Er­wach­se­nen ha­ben ei­nen Ge­gen­stand fal­len las­sen, den sie in wei­te­rer Fol­ge nicht mehr er­rei­chen konn­ten. Die meis­ten Kin­der hal­fen – und zwar ganz oh­ne da­zu auf­ge­for­dert zu wer­den“, weiß die Ex­per­tin. Mit dem Tei­len ver­hält es sich da schon an­ders. „Al­les meins“lau­tet bis zum Grund­schul­al­ter die vor­herr­schen­de De­vi­se, erst dann be-

kommt das Kind ein rea­lis­ti­sche­res, nicht mehr so über­zo­ge­nes Selbst­bild und ist zu­neh­mend be­reit, zu­guns­ten an­de­rer auf et­was zu ver­zich­ten. Die­se Pha­sen durch­zu­ma­chen ist wich­tig, um ein „ge­sun­der“Er­wach­se­ner, mit ei­nem„ ge­sun­den“Selbst­be­wusst­sein und ei­ner Por­ti­on „ge­sun­den“Ego­is­mus zu wer­den. „Kin­der mit so­zia­len ängs­ten kön­nen sich hin­ge­gen oft gar nicht durch­set­zen. Aus ih­nen wer­den meist Er­wach­se­ne mit so­zia­len Un­si­cher­hei­ten, de­nen es schwer­fällt, ih­re Be­dürf­nis­se ab­zu­gren­zen und Nein zu sa­gen“, meint Höhl. Sich zur Wehr set­zen, hin­ter­fra­gen und kein no­to­ri­scher Ja- Sa­gers ein–schnell gel­ten sol­che Ver­hal­tens­wei­sen als ego­is­tisch, ob woh­les doch viel eher ein „gut auf sich schau­en“ist. Um mit Os­car Wil­de zu spre­chen: „Ego­is­mus be­steht nicht dar­in, dass man sein le­ben nach sei­nen wün­schen lebt, son­dern dar­in, dass man von an­de­ren ver­langt, dass sie so le­ben, wie man es wünscht.“

ELLBOGENEINSATZ.

Doch­wann­kann man ei­nen Men­schen als Ego­is­ten be­zeich­nen? „Hier sind die Gren­zen flie­ßend, ei­ne kla­re De­fi­ni­ti­on gibt es nicht. Das hat auch viel mit sub­jek­ti­vem emp­fin­den zu­tun “, so­die­ex­pert in. Es sind oft die klei­nen Din­ge, an de­nen man Ego­is­ten er­kennt: Rück­sichts­los sor­gen sie da­für, dass sie das be­kom­men, was sie ge­ra­de wol­len. Da­bei ist ih­nen egal, ob an­de­re da­für zu­rück­ste­cken müs­sen. Vorm Su­per­markt schnap­pen sie ei­nem die Park­lü­cke vor der Na­se weg, am Geh­steig fällt es ih­nen nicht ein, auch nur ei­nen Mil­li­me­ter aus­zu­wei­chen, und in den Öf­fis ma­chen sie ih­ren Platz nicht für Men­schen frei, die ihn nö­ti­ger ha­ben. Schließ­lich ha­ben sie ja da­für be­zahlt. Mo­ti­ve für ego­is­ti­sches Ver­hal­ten sind, ne­ben ei­ner ge­rin­gen Frus­tra­ti­on s to­le­ranz, viel­fäl­tig. Oft ver­ber­gen sich hin­ter über­mä­ßi­gem el­len­bo­gen ein­satz gro­ße Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le .Um das zu er­rei­chen, was sie mei­nen er­rei­chen zu müs­sen, ge­hen sie rück­sichts­los vor. Häu­fig ha­ben Ego­is­ten auch ein­fach nur Angst, zu kurz zu kom­men. Da­bei ver­lie­ren sie dann ein ge­sun­des Maß aus den Au­gen. Dass da­für an­de­re zu­rück­ste­cken müs­sen, ist ih­nen egal. In vie­len Fäl­len ha­ben Ego­is­ten nie ge­lernt, sich in an­de­re ein­zu­füh­len. Sie ha­ben die Ein­stel­lung, dass ih­nen al­les zu­steht. Das Sich-in-an­de­re-ein­füh­len ist je­doc hauch nachn eu­ro wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en ei­ne Ei­gen­schaft, die eng mit ei­nem al­tru­is­ti­schen, dem Ge­gen­spie­ler des ego­is­ti­schen ver­hal­tens zu­sam­men­spielt( sie­he In­ter­view auf der nächs­ten Sei­te). »

„Lan­det ein Ak­teur in­mit­ten von Ego­is­ten, hat er kei­ne Chan­ce. Er wird nur aus­ge­nutzt und hat kei­ne Nach­kom­men – die Ge­sell­schaft bleibt ego­is­tisch.“Prof. Dirk Hel­bing, So­zio­lo­ge, am De­part­ment of Hu­ma­nities, So­ci­al and Po­li­ti­cal Sci­en­ces, Zü­rich

Bis zum Volks­schul­al­ter ha­ben Kin­der ein über­zo­ge­nes Bild von sich und über­schät­zen sich oft„Mit et­wa ein­ein­halb Jah­ren ent­wi­ckelt das Kind ein Ich-be­wusst­sein und auch zu die­sem Zeit­punkt ist das Kind be­reits be­reit, an­de­ren zu hel­fen.“Stefanie Höhl, Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gin am In­sti­tut für An­ge­wand­te Psy­cho­lo­gie, Uni­ver­si­tät Wi­en

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