MU­SIK ALS THE­RA­PIE

Wie wirkt Mu­sik auf die Psy­che, hat je­der Mensch ei­nen Zu­gang zu ihr und wann kann sie the­ra­peu­tisch ein­ge­setzt wer­den? Ein Ge­spräch mit dem Lei­ter des In­sti­tuts für Mu­sik­the­ra­pie Tho­mas Ste­ge­mann.

Kurier Magazine - Magen-Darm - - Seele & Psyche Medico - Univ-.prof. Tho­mas Ste­ge­mann Uni­ver­si­tät für Mu­sik und dar­stel­len­de Kunst Wi­en

Was ist die De­fi­ni­ti­on von Mu­sik­the­ra­pie? Tho­mas Ste­ge­mann: Die eng­li­sche Mu­sik­the­ra­pie-pio­nie­rin Ma­ry Priest­ley hat es so um­schrie­ben: „Mu­sik­the­ra­pie be­deu­tet Ent­de­ckun­gen und Wun­der, Är­ger und Freu­de – es geht da­bei je­doch im­mer um Mu­sik und Men­schen.“Ei­ne kür­ze­re De­fi­ni­ti­on könn­te lau­ten: Mu­sik­the­ra­pie ist der ge­ziel­te Ein­satz von Mu­sik im Rah­men ei­ner the­ra­peu­ti­schen Be­zie­hung.

Wel­che Ar­ten der Mu­sik­the­ra­pie gibt es? Grund­sätz­lich kann man zwi­schen re­zep­ti­ver und ak­ti­ver Mu­sik­the­ra­pie (MTH) un­ter­schei­den. Bei re­zep­ti­ver MTH geht es um das Hö­ren von Mu­sik, die ent­we­der vom Mu­sik­the­ra­peu­ten ge­spielt wird oder von ei­nem Ton­trä­ger wie­der­ge­ge­ben wird. Bei der ak­ti­ven MTH spie­len Mu­sik­the­ra­peu­ten und Pa­ti­en­ten ge­mein­sam – häu­fig in frei­er Im­pro­vi­sa­ti­on.

Wie wirkt sich Mu­sik auf un­se­re Psy­che aus? Mu­sik wirkt in sehr kom­ple­xer Wei­se auf Kör­per und Psy­che. Neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Er­geb­nis­se zei­gen u. a. ei­ne Ak­ti­vie­rung des lim­bi­schen und des Be­loh­nungs­sys­tems. Dar­über hin­aus spielt si­cher­lich die Wir­kung von Mu­sik auf die Arou­sal-sys­te­me – Ak­ti­vie­rung oder Ent­span­nung – ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Die stim­mungs­he­ben­de und stress­re­du­zie­ren­de Wir­kung von Mu­sik zeigt wie­der­um Ef­fek­te auf an­de­re Kör­per­sys­te­me, zum Bei­spiel auf un­ser Im­mun­sys­tem. Die Re­duk­ti­on von Stress, Schmerz und Ängs­ten durch Mu­sik ist wis­sen­schaft­lich recht gut ab­ge­si­chert.

Bei der Be­hand­lung wel­cher Sym­pto­me und Krank­hei­ten las­sen sich mit­hil­fe von Mu­sik­the­ra­pie be­son­ders gu­te Er­geb­nis­se er­zie­len? MTH wird mitt­ler­wei­le in vie­len Be­rei­chen er­folg­reich ein­ge­setzt. Das Al- ters­spek­trum reicht von der Neo­na­to­lo­gie (MTH mit Früh­ge­bo­re­nen) bis zum Ho­s­piz-be­reich (MTH im Rah­men der Ster­be­be­glei­tung). In Ös­ter­reich, wo MTH seit fast 60 Jah­ren aka­de­misch ver­an­kert ist, sind die klas­si­schen Ein­satz­be­rei­che Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie, Psych­ia­trie und Psy­cho­so­ma­tik. MTH scheint un­ter an­de­rem be­son­ders dort in­di­ziert zu sein, wo es um Kon­takt und Kom­mu­ni­ka­ti­on jen­seits der ge­spro­che­nen Spra­che geht: Das gilt bei­spiels­wei­se für Pa­ti­en­ten mit ei­nem Syn­drom re­ak­ti­ons­lo­ser Wach­heit („Wach­ko­ma“), für von De­menz Be­trof­fe­ne oder auch für Ge­flüch­te­te, die schwe­re Trau­ma­ti­sie­run­gen zu ver­ar­bei­ten ha­ben. Aus­sa­ge­kräf­ti­ge For­schungs­er­geb­nis­se lie­gen u. a. für Au­tis­mus, De­pres­si­on und Schi­zo­phre­nie vor.

Hat je­der Mensch ei­nen Be­zug zur Mu­sik? Im Prin­zip ist je­der Mensch emp­fäng­lich für Mu­sik. Bei ma­xi­mal fünf Pro­zent der Men­schen liegt je­doch ei­ne Amu­sie vor. Die­se kann an­ge­bo­ren oder er­wor­ben sein, zum Bei­spiel in­fol­ge von neu­ro­lo­gi­schen Er­kran­kun­gen wie et­wa ei­nem Schlag­an­fall. Die­se Men­schen kön­nen Mu­sik nicht als sol­che wahr­neh­men und Mu­sik nicht ge­nie­ßen.

Kann Mu­sik Men­schen da­zu brin­gen, sich mehr und schnel­ler zu öff­nen? Frü­her wur­de MTH tat­säch­lich häu­fig als „Do­sen­öff­ner“für die ver­ba­len The­ra­pi­en an­ge­se­hen, d. h. das, was in der MTH an Emo­tio­nen auf­tauch­te, wur­de in der Ge­sprächs­psy­cho­the­ra­pie auf­ge­grif­fen und be­ar­bei­tet. Heut­zu­ta­ge ist die Re­fle­xi­on des­sen, was in der MTH mu­si­ka­lisch zum The­ma wird, auch auf ver­ba­ler Ebe­ne Teil der Be­hand­lung. Ge­ne­rell ist die mu­si­ka­li­sche Ebe­ne ei­ne Chan­ce, an The­men her­an­zu­kom­men, die auf der ver­ba­len Ebe­ne (noch) nicht ar­ti­ku­lier­bar sind. Ent­schei­dend da­bei ist, ob je­mand be­reit ist, sich dar­auf ein­zu­las­sen.

Es heißt im­mer Dur macht glück­lich, Moll trau­rig. Mu­sik ist je­doch auch viel So­zia­li­sa­ti­on – wo­mit man das Ge­hör­te ver­bin­det, das muss al­so nicht zwangs­läu­fig stim­men? Tom Fritz (MPI Leip­zig) hat ei­nem Stamm in Nord-ka­me­run (Ma­fa), der vor­her kei­nen Kon­takt zu west­li­cher Mu­sik hat­te, Mu­sik mit un­ter­schied­li­chen Stim­mun­gen vor­ge­spielt und hat die Pro­ban­den auf­ge­for­dert, die­se Stü­cke emo­tio­na­len Ge­sichts­aus­drü­cken zu­zu­ord­nen. Die Stu­die zeig­te, dass es of­fen­sicht­lich uni­ver­sa­le Mecha­nis­men der Zu­ord­nung von Ba­sis­e­mo­tio­nen gibt. Al­ler­dings ist der Ef­fekt, den das Ton­ge­schlecht, al­so Dur oder Moll hat, durch­aus ab­hän­gig von der mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on. Man den­ke nur an die vie­len „hei­ter-le­ben­di­gen“Moll­stü­cke, die sich zum Bei­spiel im Gyp­sy Jazz à la Djan­go Rein­hardt fin­den las­sen.

Die ak­ti­ve Ver­wen­dung von Mu­sik im All­tag zur Emo­ti­ons­be­ein­flus­sung wird erst in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­mehrt un­ter­sucht. Richard von Ge­or­gi hat selbst ei­ge­ne For­schungs­ar­bei­ten durch­ge­führt. „Die Pu­ber­tät ist des­halb so ent­schei­dend, weil sich der Ju­gend­li­che mit dem ei­ge­nen Ge­fühls­le­ben aus­ein­an­der­setzt, in die­ser Pha­se be­kommt Mu­sik ih­ren emo­tio­na­len Stel­len­wert“, so von Ge­or­gi. Ein wei­te­res span­nen­des An­wen­dungs­ge­biet ist der Ein­satz von Mu­sik für Ge­sund­heits­pro­zes­se. „Men­schen, die ei­ne be­son­ders ho­he Emo­tio­na­li­tät auf­wei­sen, sind krank­heits­an­fäl­li­ger. Mit­hil­fe von Mu­sik kön­nen sie je­doch ler­nen, ih­re Be­find­lich­keit ab­zu­dämp­fen, es ent­steht ein Me­dia­tor­ef­fekt. In­dem sich der Mensch sei­ner Sen­si­bi­li­tät be­wusst ist, ent­wi­ckelt er ei­ne Stra­te­gie, um da­ge­gen­zu­wir­ken“, meint der Ex­per­te.

BEGLEITSERVICE. Am An­fang war die Mu­sik, und sie war gut. Kin­der ste­hen meist al­len Ar­ten von Mu­sik vor­ur­teils­los ge­gen­über. Sie hö­ren die Schla­ger­lie­der der El­tern ge­nau­so wie ein Streich­quar­tett von Hay­den und lus­ti­ge Hör­bü­cher. Die Fra­ge, wie wir mit Mu­sik so­zia­li­siert wer­den, be­stimmt auch un­se­re Hör­ge­wohn­hei­ten. In der Kind­heit wech­seln die­se noch sehr häu­fig. „Die Selbst­re­gu­la­ti­on ist im Sin­ne der So­zia­li­sa­ti­on noch nicht ge­fes­tigt und stil­si­cher. Die Vor­lie­ben wech­seln stark und rich­ten sich nach der Um­ge­bung“weiß von Ge­or­gi. Rhyth­mi­sche Kom­po­nen­ten wie Mit­klat­schen und Mit­sin­gen ste­hen da­bei noch im Vor­der­grund. Und auch im Kin­der­zim­mer wird be­reits flei­ßig ge­streamt. Die Ver­wen­dung di­ver­ser elek­tro­ni­scher Ge­rä­te hat nicht nur Ein­fluss auf die Hör­ge­wohn­hei­ten, son­dern vor al­lem dar­auf, dass Mu­sik heu­te je­der­zeit zur Ver­fü­gung steht. Wäh­rend man sich frü­her die Lang­spiel­plat­ten ge­gen­sei­tig aus­ge­borg­te und die Hit­pa­ra­de im Ra­dio auf Kas­set­te auf­nahm, ist Mu­sik heu­te auf Knopf­druck un­ein­ge­schränkt ver­füg­bar. Ob Gol­den Ol­die oder der neu­es­te Song von Sam Smith – Com­pu­ter, Smart­pho­ne und Ta­blet ma­chen es mög­lich, zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit. Da­durch wird Mu­sik zum zen­tra­len Me­di­um, das uns beim Her­an­wach­sen vom Kind über den Ju­gend­li­chen bis zum Er­wach­se­nen be­glei­tet, sie ist »

bei un­se­rer Iden­ti­täts­ent­wick­lung so­zu­sa­gen „li­ve“da­bei. Mu­sik be­wegt uns durch die Zeit, al­ler­dings un­ter­schied­lich stark. Wäh­rend Kind­heit und Ju­gend­al­ter von den un­ter­schied­lichs­ten Tö­nen be­glei­tet wer­den, spie­len sie im Er­wach­se­nen­al­ter, be­dingt durch Be­rufs­tä­tig­keit und All­tags­stress, ei­ne eher un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. „Erst mit Pen­si­ons­an­tritt ge­winnt Mu­sik wie­der an Be­deu­tung. Zu­neh­mend auch als Res­sour­ce des Selbst­mu­si­zie­rens. Al­ler­dings fehlt hier­für das di­dak­ti­sche An­ge­bot für die im Al­ter an­de­ren An­for­de­run­gen wie im Be­reich der Mo­to­rik und Auf­nah­me­fä­hig­keit“, so der Ex­per­te.

GLÜCKS­BRIN­GER. Wer mit 65 Jah­ren mit dem Kla­vier­spie­len be­ginnt, wird es ver­mut­lich nicht zur sel­ben Vir­tuo­si­tät brin­gen wie ein Früh­star­ter. Ei­ne ge­wis­se Fer­tig­keit lässt sich den­noch er­rei­chen. Vor al­lem ganz per­sön­li­che Glücks­mo­men­te. Die­se Glücks­mo­men­te, die viel zi­tier­ten „Good Vi­bra- ti­ons“, be­gin­nen im In­stru­ment, be­rüh­ren Kör­per und See­le. Zu­dem wer­den Mo­to­rik und Kon­zen­tra­ti­on trai­niert. Mit ein Grund, war­um Mu­sik auch für die De­menz­for­schung ei­ne im­mer zen­tra­le­re Rol­le spielt. Mu­sik­ma­chen for­dert sämt­li­che Sin­ne und ist ei­ne ge­wal­ti­ge Sti­mu­lanz für das Ge­hirn – aus­schlag­ge­bend da­bei ist das ak­ti­ve Tun. Pas­siv Mu­sik er­le­ben ist je­doch nicht we­ni­ger ge­sund. Ei­ner von O2 in Auf­trag ge­ge­be­nen und von Patrick Fa­gan, Lehr­be­auf­trag­ter im Fach­ge­biet „Be­ha­viou­ral Sci­ence“an der Golds­miths Uni­ver­si­ty in Lon­don, durch­ge­führ­ten Un­ter­su­chung zu­fol­ge, reicht schon ein 20-mi­nü­ti­ger Kon­zert­be­such, um das ei­ge­ne Wohl­er­ge­hen maß­geb­lich zu stei­gern. Vor­aus­ge­setzt man ach­tet auf die Laut­stär­ke. Die soll­te näm­lich den Grenz­wert von 93 db nicht über­stei­gen – da­mit wir auch in Zu­kunft das Wun­der der Mu­sik in all sei­nen Fa­cet­ten hö­ren kön­nen. «

„Beim ge­mein­sa­men Er­le­ben von Mu­sik teilt man Ge­füh­le, das treibt den Spaß­fak­tor nach oben.“Prof. Dr. M. A. Dipl.- Psych. Richard von Ge­or­gi, SRH Hoch­schu­le der po­pu­lä­ren Küns­te i n Berlin

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.