SCHMERZ, LASS NACH!

Men­schen mit ei­nem Reiz­darm lei­den un­ter ei­nem er­höh­ten ab­do­mi­nel­len Schmerz­emp­fin­den. Bauch­hyp­no­se und Er­näh­rungs­um­stel­lung sind zwei mög­li­che Be­hand­lungs­an­sät­ze.

Kurier Magazine - Magen-Darm - - Reizdarm Magen- Darm - VON MAGDALENA MEERGRAF

„Sie spü­ren, wie sich die Mus­keln ent­span­nen“, be­ginnt Eli­sa­beth Schart­ner mit ru­hi­ger Stim­me die Hyp­no­se. Die In­ter­nis­tin sitzt auf ei­nem Ses­sel, vor ihr lie­gen acht Pa­ti­en­ten und Pa­ti­en­tin­nen mit ge­schlos­se­nen Au­gen auf Mat­ten am Bo­den. Zum vier­ten Mal schon ha­ben sie sich heu­te hier im vier­ten Stock im Barm­her­zi­ge Schwes­tern Kran­ken­haus in Wi­en-ma­ria­hilf ein­ge­fun­den. So un­ter­schied­lich sie sind, eint die­se Men­schen doch ein ähn­li­ches Schick­sal: Bauch­schmer­zen, Bauch­krämp­fe, ex­tre­me Durch­fäl­le oder krank­haf­te Ver­stop­fun­gen und vor al­lem die da­mit ein­her­ge­hen­de psy­chi­sche Be­las­tung. Sie al­le lei­den un­ter dem Reiz­darm­syn­drom – ei­ne Stö­rung in der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen dem Ge­hirn und den Ner­ven­zel­len im Darm. Letz­te­re kom­men mit der Re­gu­lie­rung der Darm­be­we­gung durch­ein­an­der und mel­den dem Ge­hirn schon bei ei­ner nor­ma­len Deh­nung der Ma- gen- oder Darm­wand durch Nah­rung und Ga­se völ­lig un­be­grün­det: Schmerz! Be­reits früh­zei­tig wer­den auch Völ­le­ge­fühl, Span­nun­gen oder Krämp­fe aus­ge­löst. Je nach Stu­die sind zwi­schen zehn und 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung von ei­nem Reiz­darm­syn­drom be­trof­fen, da­von über­wie­gend Frau­en.

UR­SA­CHEN UND AUS­LÖ­SER. Die ge­nau­en Ur­sa­chen die­ser rein auf die Ver­dau­ungs­or­ga­ne be­schränk­te Über­emp­find­lich­keit sind nicht gänz­lich ge­klärt. Weit­ge­hend ei­nig ist man sich in Fach­krei­sen mitt­ler­wei­le, dass die Er­kran­kung in ei­ner Ve­rän­de­rung des Mi­kro­bi­oms ih­ren Ur­sprung hat. Die­se kann wie­der­um durch ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Er­eig­nis­sen wie et­wa enor­me Stress­si­tua­tio­nen, ei­ne nicht be­han­del­te Lak­to­se­un­ver­träg­lich­keit oder zu Be­ginn durch ei­ne in­fek­tiö­se Ma­gen-darm-er­kran­kung aus­ge­löst wer­den. So viel­fäl­tig die »

Aus­lö­ser und auch die kör­per­li­chen und see­li­schen Be­schwer­den sein kön­nen, so un­ter­schied­lich ge­stal­tet sich auch die Be­hand­lung. Ei­ni­ge Sym­pto­me las­sen sich durch­aus me­di­ka­men­tös be­han­deln. Ne­ben Arz­nei­mit­teln, die di­rekt auf die Ver­stop­fung oder den Durch­fall wir­ken, ha­ben bei Men­schen mit chro­ni­schen und kaum be­ein­fluss­ba­ren Schmer­zen An­ti­de­pres­si­va zur Än­de­rung der Schmerz­schwel­le ei­nen gu­ten Er­folg ge­zeigt. Aber auch die Wir­kung von phy­si­ka­li­schen und psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Me­tho­den ist nicht zu un­ter­schät­zen.

DIA­GNO­SE. Die rich­ti­ge Be­hand­lung be­ginnt zu­nächst ein­mal mit der kor­rek­ten Dia­gno­se. Die­se wird erst dann ge­stellt, wenn ei­ne or­ga­ni­sche Ab­klä­rung er­folgt ist und al­le an­de­ren für die Be­schwer­den in­fra­ge kom­men­den Ur­sa­chen aus­ge­schlos­sen wer­den konn­ten. Das er­folgt un­ter an­de­rem durch Blut- und Stuhl­tests oder ei­ne Ma­gen- und Darm­spie­ge­lung. Des Wei­te­ren stellt das Ge­spräch das wich­tigs­te Mit­tel zur Dia­gno­se­fin­dung dar, was viel Zeit und Er­fah­rung er­for­dert. Nicht sel­ten ma­chen Be­trof­fe­ne ei­nen re­gel­rech­ten Ärz­te­ma­ra­thon durch, bis sie schluss­end­lich ei­ne ad­äqua­te The­ra­pie er­hal­ten. Je­der Mensch muss sehr in­di­vi­du­ell be­trach­tet wer­den. So kön­nen eben Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten ge­nau­so ei­ne Rol­le spie­len, wie De­pres­si­on oder Angst­stö­run­gen.

PSY­CHO­SO­MA­TIK. Des­halb kommt der Psy­cho­so­ma­tik ein be­son­ders ho­her Stel­len­wert zu, denn sie be­rück­sich­tigt in glei­chem Aus­maß bio­lo­gi­sche, psy­chi­sche und so­zia­le Fak­to­ren der Be­trof­fe­nen. Die spe­zi­fisch auf den Bauch ge­rich­te­te Hyp­no­se, wie sie an der Reiz­darmam­bu­lanz in der III. Me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung für In­ne­re Me­di­zin und Psy­cho­so­ma­tik an­ge­bo­ten wird, soll be­son­ders je­nen Men­schen hel­fen, de­nen bis­her kei­ne an­de­re The­ra­pie­maß­nah­me Lin­de­rung ge­bracht hat. Lan­ge als Ho­kus­po­kus ab­ge­tan, ver­än­dert sich die­ses Bild lang­sam. Der Ein­satz der Be­hand­lung für die­ses weit ver­brei­te­te Lei­den wur­de im Jahr 1984 von Pro­fes­sor Pe­ter Whor­well in Man­ches­ter ent­wi­ckelt. Un­ter an­de­rem konn­te er zei­gen, dass sich die Über­emp­find­lich­keit des Ver­dau­ungs­trakts beim Reiz­darm­syn­drom da­durch nor­ma­li­sie­ren kann. Dies ha­ben auch nach­fol­gen­de kon­trol­lier­te Stu­di­en be­stä­tigt. Im Jahr 2013 zeig­te zum Bei­spiel ei­ne Ar­beits­grup­pe rund um die Wie­ner Psy­cho­the­ra­peu­tin und Gas­tro­en­te­ro­lo­gin Ga­b­rie­le Mo­ser, dass die Grup­pen­hyp­no­se zu­sätz­lich zur me­di­ka­men­tö­sen Stan­dard­be­hand­lung ei­ne hoch­ef­fi­zi­en­te The­ra­pie beim Reiz­darm­syn­drom ist. In die Un­ter­su­chung wur­den 90 Per­so­nen ein­ge­schlos­sen, bei de­nen her­kömm­li­che The­ra­pi­en kei­ne Lin­de­rung brach­ten. Die ei­ne Hälf­te der Be­trof­fe­nen wur­de me­di­ka­men­tös und mit un­ter­stüt­zen­den Ge­sprä­chen be­han­delt. Die an­de­re nahm ne­ben der me­di­ka­men­tö­sen The­ra­pie auch an zehn wö­chent­li­chen Hyp­no­se­sit­zun­gen teil. 61 Pro­zent der Hyp­no­se­grup­pe zeig­ten nach Be­hand­lungs­en­de ei­ne Ver­bes­se­rung der Be­schwer­den. In der an­de­ren Grup­pe wa­ren es 41 Pro­zent. Auch die Ver­bes­se­rung der Le­bens­qua­li­tät war in der Hyp­no­se­grup­pe deut­lich bes­ser.

LAN­GE WARTELISTE. „Die Darm­mo­bi­li­tät wird po­si­tiv be­ein­flusst. Die Schmer­zen wer­den we­ni­ger und auch die psy­chi­sche Ge­sund­heit ver­bes­sert sich“, be­stä­tigt Ober­ärz­tin Eli­sa­beth Schart­ner. Das zeigt auch die ho­he Nach­fra­ge: Die Warteliste ist lan­ge. Denn trotz gu­ter Er­geb­nis­se in wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­su­chun­gen ist die Bauch­hyp­no­se in Ös­ter­reich erst mar­gi­nal ver­füg­bar. Und für vie­le Men­schen stellt sich auch die Kos­ten­fra­ge: An der Reiz­darmam­bu­lanz kos­tet ei­ne St­un­de zwar 20 Eu­ro, das Kon­tin­gent ist aber be­grenzt. Im nie­der­ge­las­se­nen Be­reich zahlt man bis zu 80 Eu­ro. Ziel ist es, dass die teil­neh­men­den Per­so­nen im An­schluss an den Kurs die Darm­hyp­no­se selbst mit­hil­fe ei­ner Au­dio-cd zu Hau­se an­wen­den kön­nen. Wie schnell die Be­hand­lung Wir­kung zeigt? „Man­che Pa­ti­en­ten berichten sehr schnell über ei­ne Ver­bes­se­rung ih­rer Sym­pto­me. Bei an­de­ren stellt sich erst nach meh­re­ren Wo­chen ein The­ra­pie­er­folg ein.“

ER­NÄH­RUNG. Gu­te Er­fah­run­gen ha­ben Be­trof­fe­ne zum an­de­ren mit spe­zi­el­len Diä­ten ge­macht. Doch wie fin­det man den rich­ti­gen Weg im Dschun­gel der Er­näh­rungs­be­ra­ter? Am bes­ten be­ra­ten ist man durch ge-

schul­te Diä­to­lo­gen und Diä­to­lo­gin­nen. „Vor al­lem im In­ter­net sind sehr vie­le un­se­riö­se An­ge­bo­te zu fin­den, die in Be­zug zum Pro­dukt­ver­kauf ste­hen, die im bes­ten Fall nichts brin­gen und im schlech­tes­ten Fall so­gar scha­den kön­nen“, warnt Cor­ne­lia Rom­stor­ferBau­er, Diä­to­lo­gin am Ge­sund­heits­zen­trum Wi­en-nord der Wie­ner Ge­biets­kran­ken­kas­se. Ein Weg­kann bei­spiels­wei­se die so­ge­nann­te FOD- MAP-DI­ÄT sein, bei der schwer ver­dau­li­che Koh­len­hy­drat­be­stand­tei­le der Nah­rung re­du­ziert wer­den. Über meh­re­re Wo­chen hin­weg wird aus­ge­tes­tet, ob die Per­son auf Nah­rungs­mit­tel, die Lak­to­se, Fruk­to­se oder Zu­cker­aus­tausch­stof­fe ent­hal­ten, emp­find­lich re­agiert. Da­nach wird ein pas­sen­der Er­näh­rungs­plan er­stellt. Vom Ver­band der Diä­to­lo­gen Ös­ter­reichs wur­den da­für ein ei­ge­ner Be­ra­tungs- stan­dard, Pa­ti­en­ten­un­ter­la­gen und auch ein Koch­buch ent­wi­ckelt. Und wie viel kann die­se In­ter­ven­ti­on tat­säch­lich brin­gen? „ 75 Pro­zent der Be­trof­fe­nen re­agie­ren mit ei­ner Ver­bes­se­rung der Be­schwer­den, wenn über ei­nen Zei­t­raum von sechs bis acht Wo­chen fer­men­tier­ba­re Koh­len­hy­dra­te und Po­lyo­le aus der Nah­rung weg­ge­las­sen wer­den“, sagt Rom­stor­ferBau­er. Wich­tig ist zu wis­sen, dass »

die Di­ät kei­nes­falls zur Dauer­ernäh­rung ge­dacht ist und es ei­ne be­glei­ten­de Auf­bau­pha­se ge­ben muss. Par­al­lel ein Sym­ptom­ta­ge­buch zu füh­ren, kann au­ßer­dem be­son­ders hilf­reich sein.

GU­TES HINHÖREN. Nicht au­ßer Acht ge­las­sen wer­den soll­ten auch das Er­näh­rungs­mus­ter und der Le­bens­stil. Mahl­zeit­häu­fig­kei­ten, Por­ti­ons­grö­ße, Ess­tem­po, Ru­he und Ablen­kung beim Es­sen und Ge­nuss­mit­tel­kon­sum sind nur ei­ni­ge Fak­to­ren, die Be­schwer­den im Ver­dau­ungs­trakt be­ein­flus­sen. „Ei­ne ge­naue Ana­mne­se, gu­tes Hinhören und das Ernst­neh­men der An­lie­gen ge­hö­ren zu ei­ner wir­kungs­vol­len Be­treu­ung da­zu“, fasst Rom­stor­fer-bau­er zu­sam­men. Eli­sa­beth Schart­ner fügt hin­zu: „Das Um und Auf ist ei­ne gu­te Arzt-pa­ti­en­tenBe­zie­hung.“Des­halb ver­sucht sie, sich be­wusst Zeit für die An­lie­gen in der Grup­pe zu neh­men. Den Be­trof­fe­nen das Ge­fühl zu ge­ben, sie kön­nen im­mer wie­der kom­men. Al­les in al­lem ist al­so das Ver­ständ­nis der Be­han­deln­den da­für, dass die Be­schwer­den nicht ein­ge­bil­det sind und es be­reits wis­sen­schaft­li­che Er­klä­rungs­mo­del­le für das Lei­den gibt, be­son­ders wich­tig. «

„Vor al­lem im In­ter­net sind sehr vie­le un­se­riö­se An­ge­bo­te zu fin­den, die im bes­ten Fall nichts brin­gen und im schlech­tes­ten Fall so­gar scha­den kön­nen.“Cor­ne­lia Rom­stor­fer- Bau­er, BSC, Diä­to­lo­gin am Ge­sund­heits­zen­trum Wi­en-nord

„Das Um und Auf bei der Be­hand­lung des Reiz­darms ist ei­ne gu­te Arz­tPa­ti­en­ten-be­zie­hung.“OÄ Dr. Eli­sa­beth Schart­ner, Fach­ärz­tin für I nne­re Me­di­zin am Barm­her­zi­ge Schwes­tern Kran­ken­haus Wi­en

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