INTOLERANZEN

SIE SIND KEI­NE KRANK­HEIT:

Kurier Magazine - Magen-Darm - - Unverträglichkeiten Magen- Darm - VON JU­LIA GSCHMEIDLER

» Kramp­far­ti­ge Bauch­schmer­zen, Blä­hun­gen, Übel­keit, Völ­le­ge­fühl, Durch­fall oder Ver­stop­fung – ei­ne Viel­zahl an Ver­dau­ungs­be­schwer­den kann auf ei­ne Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­keit hin­wei­sen, wo­durch es noch schwie­ri­ger für vie­le Men­schen wird, die­se rich­tig zu deu­ten. Oft wer­den Sym­pto­me wie Kopf­schmer­zen, Ab­ge­schla­gen­heit oder Herz­ra­sen auch gar nicht erst mit ei­ner In­to­le­ranz in Ver­bin­dung ge­bracht. Im Ge­gen­satz zu ei­ner Le­bens­mit­tel­all­er­gie ist bei ei­ner In­to­le­ranz das kör­per­ei­ge­ne Abwehrsystem nicht be­tei­ligt und es kommt zu kei­ner Im­mun­re­ak­ti­on. Viel­mehr hat der Kör­per nicht ge­nug von be­stimm­ten En­zy­men oder Trans­port­pro­te­inen, um be­stimm­te Nah­rungs­be­stand­tei­le wie bei­spiels­wei­se Lak­to­se, Fruk­to­se und Hist­amin ab­zu­bau­en oder im Kör­per auf­zu­neh- men ( sie­he Gra­fik auf Sei­te 109). Dies kann dann zu den oben ge­nann­ten Sym­pto­men füh­ren.

DIE MÖG­LI­CHEN UR­SA­CHEN. Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten und -intoleranzen sind meist nicht an­ge­bo­ren, sie kön­nen sich durch Stö­run­gen der Darm­flo­ra oder or­ga­ni­sche Ur­sa­chen wie Gas­tri­tis, Zö­li­a­kie, Mor­bus Crohn und Co­li­tis ul­ce­ro­sa ent­wi­ckeln. Aber

Auch wenn Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten kei­ne Er­kran­kung dar­stel­len, sind sie meist Sym­pto­me ei­ner sol­chen und for­dern ärzt­li­che Ab­klä­rung.

auch ge­sun­de Pa­ti­en­ten und Pa­ti­en­tin­nen ha­ben oft das Ge­fühl, dass ih­nen ge­wis­se Nah­rungs­mit­tel nicht gut­tun. „Ich ver­glei­che das mit ei­nem Klei­dungs­stück, das ob­jek­tiv kei­nen Man­gel hat und am Klei­der­ha­ken schön aus­sieht, die Trä­ge­rin sich da­rin aber nicht wohl­fühlt“, er­klärt der Gas­tro­en­te­ro­lo­ge von Ärz­te im Zen­trum in St. Pöl­ten, Bern­hard An­ger­mayr, die­ses Phä­no­men.

MODEERSCHEINUNG. Ge­ra­de die Lak­to­se-in­to­le­ranz hat sich zu ei­ner Modeerscheinung ent­wi­ckelt, auf wel­che die Wirt­schaft re­agiert hat. Selbst Le­bens­mit­tel wie Hart­kä­se, die oh­ne­hin kei­ne oder nur Spu­ren von Lak­to­se ent­hal­ten, wer­den als lak­to­se­frei be­wor­ben. Ei­ne Um­fra­ge des Kon­su­ment im ver­gan­ge­nen Jahr hat er­ge­ben, dass 43 Pro­zent der Um­fra­ge­teil­neh­mer an­ge­ge­ben ha­ben, lak­to­se- in­to­le­rant zu sein, ob­wohl sich nur 27 Pro­zent auch tat­säch­lich aus­tes­ten lie­ßen. Laut Ös­ter­rei­chi­scher Ge­sell­schaft für Er­näh­rung sind über­haupt nur zehn bis 15 Pro­zent der ös­ter­rei­chi­schen Be­völ­ke­rung lak­to­s­ein­to­le­rant. Wer es nicht ist und den­noch nur lak­to­se­freie Pro­duk­te kon­su­miert, bei dem kann es pas­sie­ren, dass die Lak­to­se auf Dau­er so­gar schlech­ter ver­tra­gen wird, so der Ex­per­te. »

„Auf der an­de­ren Sei­te scha­det man nicht sei­ner Ge­sund­heit, wenn man lak­to­se­häl­ti­ge Pro­duk­te zu sich nimmt, wenn man lak­to­s­ein­to­le­rant ist“, sagt An­ger­mayr. Auf­schluss dar­über kann bei­spiels­wei­se ein H2-atem­test lie­fern. „Er gilt als Gold­stan­dard für die Dia­gnos­tik bei Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten wie Fruk­to­se-, Lak­to­se-, Sor­bit­in­to­le­ranz oder auch zur Fest­stel­lung ei­ner bak­te­ri­el­len Fehl­be­sied­lung des Dünn­darms“, sagt Ca­ro­li­ne Son­nen­berg, Diä­to­lo­gin am All­er­gie­zen­trum Wi­en West. Der H2-atem­test ist ein­fach durch­führ­bar und we­nig be­las­tend für den Pa­ti­en­ten. Die­ser be­kommt ei­ne wäss­ri­ge Lö­sung von Milch-, Trau­ben- oder Frucht­zu­cker bzw. Sor­bit zu trin­ken, an­schlie­ßend wird der Was­ser­stoff­wert in der Atem­luft er­mit­telt – ein Vor­gang, des­sen Re­sul­tat bei rich­ti­ger Durch­füh­rung sehr aus­sa­ge­kräf­tig ist. Soll­te der Test kei­ne In­to­le­ranz nach­wei­sen, je­doch wei­ter­hin Be­schwer­den be­ste­hen oder soll­ten bei In­to­le­ranz trotz Di­ät die Be­schwer­den blei­ben, emp­fiehlt der In­ter­nist Bern­hard An­ger­mayr ei­nen Fach­arzt für Gas­tro­en­te­ro­lo­gie und He­pa­to­lo­gie auf­zu­su­chen.

LEBENSUMSTELLUNG? Er­hält der Pa­ti­ent die Dia­gno­se ei­ner Fruk­to­seo­der Lak­to­s­ein­to­le­ranz, be­deu­tet das nicht, dass er auf be­stimm­te Nah­rungs­mit­tel kom­plett ver­zich­ten muss, denn häu­fig wer­den klei­ne Men­gen des ent­spre­chen­den Le­bens­mit­tels vom Kör­per to­le­riert. „Es gilt, nach und nach an­hand ei­nes Er­näh­rungs­pro­to­kolls her­aus­zu­fin­den, wel­che Men­ge in wel­cher Häu­fig­keit vom Kör­per gut ver­tra­gen wird. Am bes­ten wird das wei­te­re Vor­ge­hen mit ei­nem Diä­to­lo­gen in­di­vi­du­ell an­ge­passt“, sagt Son­nen­berg. Auch der Gas­tro­en­te­ro­lo­ge ist der Mei­nung, dass die Do­sis das Gift ma­che und Be­schwer­den auch von der Ta­ges­zeit und der Zu­sam­men­set­zung der Darm­flo­ra ab­hän­gig sei­en.

SELBST­TESTS. Tests für die Ei­gen­an­wen­dung zu Hau­se, die über ein paar Bluts­trop­fen Auf­schluss über ge­ne­rel­le Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten, Fruk­to­se- und Lak­to­s­ein­to­le­ranz so­wie über Hist­amin- und Glu­ten­un­ver­träg­lich­keit Aus­kunft ge­ben sol­len, se­hen bei­de Ex­per­ten kri­tisch. Nach Er­kennt­nis­sen der me­di­zi­ni­schen Wis­sen­schaft sei­en Blut­tests, die An­ti­kör­per (IGG4) ge­gen Nah­rungs­mit­tel nach­wei­sen, nicht ge­eig­net, Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten nach­zu­wei­sen. „Die Tests wei­sen le­dig­lich nach, dass der Or­ga­nis­mus ein ge­wis­ses Nah­rungs­mit­tel kennt, nicht je­doch, ob er es als Freund oder Feind wahr­nimmt“, sagt Fach­arzt An­ger­mayr. Bei Ver­dacht auf ei­ne Le­bens­mit­te­lun­ver­träg­lich­keit bleibt im ers­ten Schritt – meist nach ei­nem Selbst­ver­such – nur der Gang zum Arzt, der dann die wei­te­ren Schrit­te un­ter­nimmt. «

„Durch den Kon­sum von Fer­tig­pro­duk­ten, in de­nen oft Fruk­to­se ein­ge­setzt wird, kann die in­di­vi­du­el­le To­le­ranz­schwel­le schnel­ler er­reicht wer­den.“Mag. Ca­ro­li­ne Son­nen­berg, BSC, Diä­to­lo­gin

„Frü­her wa­ren Ver­dau­ungs­be­schwer­den eher ein Ta­bu­the­ma, heu­te traut man sich, da­von zu re­den.“Doz. Dr. Bern­hard An­ger­mayr, FA f. I nne­re Me­di­zin & Gas­tro­en­te­ro­lo­gie und He­pa­to­lo­gie

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