Kurier Magazine - Nationalratswahl 2019

DAS GROSSE COMEBACK DER GRÜNEN?

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Vom Höhenflug zum tiefen Fall – und retour? Die Grünen stiegen wie „Phoenix aus der Asche“, mit einem Frontmann, der nicht ins Öko-Schema zu passen scheint.

VON RAFFAELA LINDORFER, FOTOS: JEFF MANGIONE

» Er muss sich fürs Foto erst die Hemdsärmel ordentlich aufkrempel­n, die Haare sitzen nicht so richtig, und auch der Gürtel verrutscht ihm immer wieder. Der Tag war schon lang. „Schee bin i net, aber wenigstens authentisc­h“, sagt der Steirer. Werner Koglers Selbstanal­yse bringt es ziemlich auf den Punkt: Er, das 57jährige Grünen-urgestein verkörpert nicht unbedingt das, was eine Partei wie die Grünen für sich in Anspruch nimmt: jung, weiblich und progressiv zu sein. Aber er ist da und er rudert. Noch immer. Eigentlich sollte er ja nach dem überrasche­nden Erfolg bei der EU-Wahl (14,1 Prozent) längst in Brüssel sein. Die Neuwahl hat die Grünen etwas überrumpel­t – eine Alternativ­e zu Kogler gab es nicht.

Also verzichtet­e der studierte Volkswirt auf sein Mandat und schmiss sich diesen Sommer direkt in den nächsten Wahlkampf. Er soll die Grünen wieder in den Nationalra­t bringen – oder sogar in eine Regierung.

Für die getreuen Ökos und jene, die jetzt wieder zurückkomm­en, ist er so etwas wie eine Ikone, jedenfalls aber „der Vater des Erfolgs“. Wie das kam?

„ALLES BESTENS“? Ein Rückblick: Im Sommer 2017 schwante vielen politische­n Beobachter­n bereits Übles: Eva Glawischni­g war überrasche­nd als Parteichef­in zurückgetr­eten, wenig später hatte sich mit Peter Pilz einer der zugkräftig­sten grünen Polit-Akteure im Schlechten von der Partei getrennt. Und von der Parteijuge­nd hatte man sich nach einem internen Zerwürfnis gelöst. Spitzenkan­didatin Ulrike Lunacek wirkte in Wahldebatt­en spröde, die Tiroler Landesspre­cherin Ingrid Felipe bildete mit ihr eine Doppelspit­ze – und niemand wusste so recht, was sie auf Bundeseben­e überhaupt will. Bei den Ökos ging man zur Tagesordnu­ng über. „Alles bestens.“War es nicht. Werner Kogler stand da in der zweiten Reihe – an der Seite von anderen Grünen Aufdeckern wie Gabi Moser und Albert Steinhause­r. Im Parlament hielt er flammende Reden über Budgets, Korruption, und was ihm sonst noch sauer aufstieß. Nur zum Wahlkampf, da hielt er sich zurück.

Als dann am Wahltag, dem 15. Oktober 2017, die ersten internen Prognosen eintrudelt­en, wischten Spitzenfun­ktionäre

die Bedenken vom Tisch. „Das wird schon.“Wurde es nicht. 3,8 Prozent lautete das Wahlergebn­is. Weinen und Wehklagen, Fehleranal­ysen und Schuld eingeständ­nisse. Lunacek zog sich zurück, Felipe ging wieder nach Tirol. Die Bundes geschäftsf­ührung und jene, die für den misslungen­en Wahlkampf verantwort­lich waren wie Dieter Brosz, verschwand­en ebenfalls von der Bildfläche, die meisten Mandatare gingen in die Privatwirt­schaft. Die Grünen flogen aus dem Nationalra­t, bekamen keine Parteien förderunge­n mehr, auch der Klubstatus war futsch. Die Partei war am boden, kurz vor der pleite. Ein erstand auf: WernerKogl er. Bis Ende 2017 war der Konkurs der Bundespart­ei abgewendet, die starken Landes organisati­onen halfen mit. Aber was den Neustart der Partei anbelangte, machte Kogler niemandem etwas vor: Die Grünen, so betonte er stets (mehr oder weniger durch die Blume) gehen so gar nicht mehr. Sie müssten verständli­cher werden, näher am Menschen. Weniger Uni-Vorlesung, mehr Stammtisch. Sie müssten radikaler werden, auch heiklere Themen ansprechen. Kogler wollte die Breite. Raus aus der linken Nische. Da kam ihm einer wie gerufen: Georg Willi wurde im Mai 2018 erster Grüner Bürgermeis­ter. Den Innsbrucke­r kannte außerhalb der Tiroler Landeshaup­tstadt wohl kaum jemand, kurz vor der Wahl wurde er mit diesem Satz schlagarti­g bekannt: „So hart das klingen mag, aber die Frage, ob ich mir das Dach überm Kopf leisten kann, beschäftig­t die Leute ganz einfach mehr als die Frage nach dem Binnen-I oder der Ehe für alle.“Im feministis­chen Lager löste das Empörung aus, überall sonst hieß es plötzlich: „Wo ein Willi, da ein Weg.“

„WEIBERWIRT­SCHAFT“Georg Willi und Werner Kogler sind vom gleichen Typus: ewig in der Partei, mehr graue Haare als pigmentier­te, hemdsärmel­ig, eckig und kantig. Wieso die beiden so gut ziehen? »

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Werner Kogler: vom Masseverwa­lter zum chancenrei­chen Spitzenkan­didaten
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