Der Arzt, der aus der Käl­te kommt

Der Eis­beu­tel­am­blut­er­guss ist be­kannt, doch­käl­te kann­weit mehr als bloß ab­schwel­lend wir­ken. Not­fall­me­di­zi­ner be­die­nen sich ih­rer, um­die­kör­per­tem­pe­ra­tur wie­der­be­leb­ter Pa­ti­en­ten her­un­ter­zu­küh­len. So wird das Ge­hirn vor Schä­den ge­schützt.

Kurier Magazine - Rheuma - - Inhalt - VON CORDULA PUCHWEIN

Käl­te-the­ra­pie – hilf­rei­cher Frost­schock?

» Tief­kühl-pom­mes-fri­tes kön­nen Le­ben ret­ten! Klingt ei­ni­ger­ma­ßen pa­ra­dox, die Ge­schich­te da­hin­ter hat tat­säch­lich aber ei­nen ernst­haf­ten Hin­ter­grund. In ei­nem bon­ner su­per­markt war ein 37- jäh­ri­ger Mann zu­sam­men­ge­bro­chen. Herz­in­farkt. Der her­bei­ge­eil­te not arzt mar­kus­fö­dis ch re­ani­mier­te den Be­wusst­lo­sen und pack­te ihn dann in je­de Men­ge Sa­ckerln mit Tief­kühl-pom­mes-fri­tes. Oben, un­ten, seit­lich – der Pa­ti­ent wur­de buch­stäb­lich auf Eis ge­legt. „Nur so“, sag­te der Not­fall­me­di­zi­ner Fö­disch spä­ter, „konn­te der Mann sei­nen Herz­still­stand oh­ne neu­ro­lo­gi­sche Schä­den über­ste­hen.“

The­ra­peu­ti­sche Hy­po­ther­mie heißt die Me­tho­de, mit der Men­schen mit Herz-kreis­lauf-ver­sa­gen wie Schlag­an­fall oder Herz­in­farkt be­reits wäh­rend oder di­rekt nach der Wie­der­be­le­bung ge­kühlt wer­den. Die Ab­sicht da­hin­ter ist ein­fach. Die Sen­kung der Kör­per­tem­pe­ra­tur auf 32 bis 34Grad Cel­si­us schützt den Or­ga­nis­mus, in­dem der Stoff­wech­sel ver­lang­samt wird. Da­zu muss man wis­sen: Spä­tes­tens 20 Se­kun­den nach ei­nem Herz­still­stand­komm­tes zur Be­wusst­lo­sig­keit, weil der Sau­er­stoff ra­send schnell auf­ge­braucht ist. Und die Un­ter­ver­sor­gung führt rasch zu wei­te­ren zell­schä­di­gen­den­ak­tio­nen. »

Da­bei flu­ten gif­ti­ge Stoff­wech­sel pro­duk­te wie ag­gres­si­ve freie Ra­di­ka­le und to­xi­scher Zell­ab­fall das Ge­we­be. Die Fol­ge: Das Blut über­säu­ert, das Ge­hirn schwillt an – Exo­dus. Doch be­vor es zum äu­ßers­ten kommt, greift die Kältethe­ra­pie. Oder wie Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Fritz S terz vom De­part­ment of Emer­gen­cy Me­di­ci­ne am Wie­ner AKH sa­lopp sagt: „Die Käl­te ist buch­stäb­lich heiß. Es ist ein­fach: Bei re­ani­mier­ten Pa­ti­en­ten nach ei­nem Herz­still­stand, die be­wusst­los sind, sinkt die Sau­er­stoff ver­sor­gung des­ge­hirn­sum50 Pro­zent. Den­noch bleibt der Sau­er­stoff­be­darf des Ge­hirns gleich. Die Ab­küh­lung hal­biert ihn. So wer­den Be­darf und Ver­sor­gung ein­an­der an­ge­gli­chen.“

Der Not­fall­me­di­zi­ner hat sich schon vor 15 jah­ren wis­sen­schaft­lich mit­Hy­po­ther­mie aus­ein­an­der­ge­setzt und sei­ner­zeit die welt­weit größ­te Stu­die zu der Me­tho­de ge­macht. Die ver­öf­fent­li­chung im an­ge­se­he­nen„ New En­g­land Jour­na­lof Me­di­ci­ne“brach­te der Kältethe­ra­pie den Durch­bruch. Denn seit­her ist die­sein r et tungs­fahr­zeu gen und not auf­nah­men mehr und mehr im Ein­satz. Sterz: „Man ver­wen­det da­zu kal­te Luft, kal­te Flüs­sig­keit oder an­de­re Me­tho­den, um Pa­ti­en­ten nach ei­nem

EIS­ZEIT.

Herz­still­stand und Re­ani­ma­ti­on mög­lichst schnell für zwölf bis 24 St­un­den auf 32 bis 34 grad cel­si­us ab­zu­küh­len .“In der Pra­xis sieht das so: Hatein Not­arzt­wa­gen ei­nen Kühl­schrank mit kal­ter Koch­salz­lö­sung an Bord, kann der Not­arzt die Küh­lung be­reits wäh­rend der Fahrt via Infu­si­on be­gin­nen. In Kran­ken­häu­sern funk­tio­niert das mit Spe­zi­al­ka­the­tern schnel­ler und kon­trol­lier­ter. Mit er­folg. Gro­ße mul­ti zen­tri­sche Stu­di­en ha­ben ge­zeigt, dass durch­hy­po­ther­mie je­der sechs­te Pa­ti­ent ei­nen Herz­still­stand na­he­zu neu­ro­lo­gisch un­be­scha­det über­lebt. Da­mit ist wis­sen­schaft­lich be­wie­sen, was man zu­vor in­stink­tiv »

auch schon rich­tig ge­macht hat. Be­reits zu­zei­ten na­po­le­ons wuss­te man, dass ver­wun­de­te Sol­da­ten im Schnee eher über­leb­ten als am Feu­er. Auch Chir­ur­gen der Fünf­zi­ger­jah­re pack­ten Herz­kran­ke bei gro­ßen herz­ope­ra­tio­nen von oben bis un­ten in Eis–und führ­ten den Ein­griff oh­ne Herz-lun­gen-ma­schi­ne durch. Da­nach­wur­den die Pa­ti­en­ten lang­sam auf­ge­wärmt, bis ihr Herz wie­der zu schla­gen be­gann. In Si­bi­ri­en ope­rie­ren Ärz­te bis heu­te auf die­se Wei­se. In west­li­che­ren Ge­fil­den s in­des Kin­der-h erz chir­ur­gen,di ek­le in­ePa­ti en­ten bei Kör­per­tem­pe­ra­tu­ren von un­ter 30 Grad ope­rie­ren. In asi­en wird käl­te in form der Kryo­the­ra­pie bei Ge­bär­mut­ter hals­krebs ein­ge­setzt. Bei ver­dacht au fei­ne Tu­mor­vor­stu­fe wird Ri­si­ko­ge­we­be mit der Käl­te­son­de zum Abst­er­ben ge­bracht. In Ös­ter­reich wird die Käl­te the­ra­pie so­gar in­der au­gen­heil­kun­de ein­ge­setzt. Der Au­gen fach­arzt Franz­prs­ka­ve­chat in­den80er-jah­ren ei­ne ei­ge­ne Am­bu­lanz für Kryo­the­ra­pie des Au­ges ge­grün­det – da­mals ein neu­er The­ra­pie­zweig der Au­gen­heil­kun­de. Letzt­lich macht sich auch die Well­ness-, Fit­ness-und Schön­heits­in­dus­trie Käl­te auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ( sie­he Kas­ten) zu­nut­ze. Kältethe­ra­pi­en sind ak­tu­ell – oder, um es mit ei­nem Mo­de­wort­zu­sa­gen: coo­le­me­tho­de. «

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