DAS GROS­SE LOS­LAS­SEN

Wenn Kyle und Ca­ry mit ih­ren Kun­den fer­tig sind, be­sit­zen die­se oft nur mehr die Hälf­te ih­res Haus­rats. Man­che we­ni­ger. Wie es ge­lingt, Kram los­zu­wer­den, der be­las­tet, be­schrei­ben die Ein­rich­tungs­pro­fis in ih­rem Buch.

Kurier Magazine - Wohnen - - Inhalt - VON VE­RE­NA RANDOLF

Ca­ry Te­lan­der For­tin und Kyle Loui­se Qui­li­ci über das Aus­mis­ten

» Es ist das Kleid, das seit den Nul­ler­jah­ren auf sei­nem Bü­gel im Schrank hängt, weil es er­in­ne­run­gen weckt. An Näch­te, die durch ge­tanzt wur­den, und an ro­man­ti­sche Be­geg­nun­gen. Nur geht der reiß­ver­schluss seit den ba­bys, die den durch­zech­ten, ro­man­ti­schen St­un­den folg­ten, nicht mehr zu. Es ist die gi­tar­re, die im eck im schlaf­zim­mer steht und auf de­ren Sai­ten Staub an­setzt, weil der Griff zur Fern­be­die­nung nach den Acht-st­un­den-ar­beits­ta­gen ver­hei­ßungs­vol­ler ist. Und es ist der Ent­saf­ter,g anz hin­ten im Kü­chen­schrank, der­s­moot­hiespr esst, di­e­nie­so gut sein kön­nen, dass sich der auf­wand lohnt, end­los lang an der An­rich­te zu leh­nen und Ka­rot­ten­res­te aus den Ge­rät-rit­zen zu wi­schen. „Weg­da­mit“, pos­tu­lie­ren­ca­ry­te­lan­der­for­ti­n­und­ky­le­loui­se­qui­li­ci. Die bei­den Us-ame­ri­ka­ne­rin­nen sind Er­fin­de­rin­nen des „New Mi­ni­ma­lism“, wie sie ih­re mo­der­ne „we­ni­ger ist mehr “- be­we­gung nen­nen. Ess­ind­we­der As­ke­se noch Kon­sum ver­wei­ge­rung, die dieb ei­den jun­gen frau­en pre­di­gen, son­dern ein kri­ti­scher Um­gang mit Be­sitz. We­ni­ger Zeug, da­für hoch­wer­ti­ge­res. „Wann“, fra­gen sich For­tin un­dQui­li­ci,di ein ei­ner ei­ge­nen Agen­tur Kli­en­ten beimEnt­rüm­peln­be ra­ten ,„ wur­den wir von zu­frie­de­nen men­schen zu maß­lo­sen Kon­su­men­ten von Din­gen, die wir nicht brau­chen?“Von Din­gen, die jah­re­lang un­be­nützt auf­be­wahrt wer­den und die ei­ge­nen vier Wän­de zum La­ger­raum ab­wer­ten.

UN­GLAUB­LI­CHE ZAHL.

In ei­nem durch­schnitt­li­chen Haus­halt be­fin­den sich 300.000 Ge­gen­stän­de, rech­nen die bei­den in ih­rem buch„sim­pli­fy your ho­me“, das 2018 im Kne­se­beck Ver­lag er­schie­nen ist, vor .„ viel zu viel Zeug “, meint Fort in. Durch­schnitt­lich wan­der­te in neu­er ge­gen­stand am Tag in die Haus­hal­te west­li­cher Län­der – ein be­stell­tes Buch, ein neu­es Paar Stie­fel, Trai­nings­ge­wand. „Un­se­re Kul­tur hat ein Ge­rüm­pelPro­blem, das nicht nur dar­in liegt, dass stän­dig neu­er kram ins haus kommt, son­dern viel­mehr an der gro­ßen Sel­ten­heit, mit der Din­ge un­ser Zu­hau­se wie­der ver­las­sen“, ha­ben Ca­ry Te­lan­der­for­ti­n­und­ky­le­loui­se­qui­li­ci­fest­ge­stellt. Ih­re Kli­en­ten grau­en sich oft da­vor, Schrän­ke zu öff­nen, weil hin­ter den Tü­ren das Cha­os herrscht. Dass die Zeit zum Ent­rüm­peln reif ist, zeigt sich, wenn sich dies­hirts in schrän­ken so hoch sta­peln, dass man nicht mehr an die un­te­ren ran­kommt, oh­ne dass der Turm kippt. Wenn es mehr Zeit er­for­dert, ei­ne Pfan­ne aus dem Wirr­warr an koch ge­schirr im dreh schrank zu be­frei­en, als da­mit zu ko­chen. Und wenn man ein Ord­nungs­sys­tem braucht. „Ein­fa­cher Tipp: Wer ein Ord­nungs­sys­tem braucht, hat zu viel Zeug.“

MEHR FREI­RAUM.

Platz und Klar­heit in sei­nem Zu­hau­se zu schaf­fen, sei wich­tig, so­die­au­to­rin­nen, um­si­ch­auf Din­ge kon­zen­trie­ren zu kön­nen, die wirk­lich von Be­deu­tung sind. Per­sön­li­che Be­zie­hun­gen zum Bei­spiel. „Dein äu­ße­rer raum re­flek­tiert dei­nen in­ne­ren ge­müts­zu­stand “, so lau­tet ihr Cre­do. Wer den Groß­teil sei­ner Frei­zeit da­mit ver­bringt, ge­kauf­te Din­ge zu ord­nen, zu su­chen, zu or­ga­ni­sie­ren oder zu säu­bern, sol­le über sei­nen Be­zug zu be­sitz nach­den­ken, fin­den fort in un­dQui­li­ci. Voll ge­räum­te­zi mm er­las­sen ih­ren be­woh­nern kei­nen Platz zum At­men .»

Das Über­la­de­ne des Rau­mes über­trägt si­ch­auf­das­ge­müt. Einee­r­fah­rung, die die­bei­de­nus- ame­ri­ka­ne­rin­nen selbst mach­ten: Ge­fan­gen in ei­nem kreis­lauf, in dem Glück sehr nah am „Kau­fen“lag, drück­ten sie ir­gend­wann die stop­pTas­te :„ Wir glau­be nim­mer, mehr Wahl­mög­lich­kei­ten ma­chen uns frei­er und er­lau­ben uns ein hö­he­res Maß an Er­fül­lung und krea­ti­vi­tät“,m eint ca­ry For­tin, „da­bei zeigt sich, dass mehr Wahl­mög­lich­kei­ten das ge­naue Ge­gen­teil von Frei­heit be­deu­ten. Sie über­for­dern und ver­wir­ren uns und ma­chen uns un­zu­frie­den .“

ECH­TE RE­DUK­TI­ON.

Es sind nur sechs Glä­ser, die in den Re­ga­len von For­t­ins mo­der­ner, auf­ge­räum­ter kü­che in san Fran­cis­co ste­hen. Mehr nicht. In die füllt sie Was­ser, teu­ren und bil­li­gen Wein oder­s­moot­hi es und saft .„ kom­men mehr als sechs Leu­te zu Be­such– was sel­ten pas­siert– bor­ge ich mir ein­fach Glä­ser aus.“Wenn fort in un­dqui­li­ci ih­re kli­en­ten zu Hau­se be­su­chen, kommt es nicht sel­ten vor, dass die se­mit bis zu 70 pro­zent we­ni­ger Be­sitz da­ste­hen, wenn die Ent­rüm­ple­rin­nen die Woh­nung wie­der ver­las­sen. Die Ein­rich­tungs­pro­fis sor­tie­ren Haus­hal­te nach Ka­te­go­ri­en, nicht nach Zim­mern. Wird in der Ka­te­go­rie „Klei­dung“aus­ge­mis- tet, tra­gen sie sämt­li­ches Ge­wand aus Klei­der­kas­ten, Gar­de­ro­be, Kel­ler­und Dach­bo­den zu­sam­men und ent­schei­den mit den kun­den, was blei­ben darf und was nicht. Dop­pelt vor­han­de­nes, Zer­schlis­se­nes, nicht mehr Pas­sen­des oder Un­ge­nütz­tes lan­det bei ka­ri­ta­ti­ven Ver­ei­nen, im Müll oder auf Ver-

kaufs­platt­for­men. Das gilt für Klei­dung wie für Kü­che­nu­ten­si­li­en und Toi­let­ten­ar­ti­kel. Sät­ze wie „Viel­leicht brau­che ich das noch!“oder „Das nicht, das lie­be ich!“las­sen die bei­den nicht gel­ten. Vor al­lem Lie­be sei ein über die Ma­ße stra­pa­zier­ter Be­griff, wenn es um Ge­gen­stän­de geht.

DER REI­HE NACH.

Ih­re Auf­räum­pro­zes­se star­ten die bei­den Pro­fis im­mer mit Klei­dung. „Die ist im­mer be­son­ders hei­kel. Im Grun­de ist Klei­dung die Grund­la­ge un­se­rer Be­zie­hung zur ma­te­ri­el­len­welt. Si­eis­tun­se­re­zwei­te Haut, be­schützt uns vor Wind und Wet­ter und gibt Wär­me und Ge­bor­gen­heit,“er­klärt Kyle Qui­li­ci. Der emo­tio­na­le Wert, den Klei­der, Schu­he, Hand­ta­schen und Ac­ces­soires für vie­le ha­ben, kommt noch hin­zu. „Wir ra­ten un­se­ren Kun­den im­mer, sich zu fra­gen: „Wel­che Ta­sche wür­dest du mit­neh­men, wür­de dein H aus­bren­nen? Nur die tei­le, die sie wirk­lich mö­gen, die zu ih­nen pas­sen und ih­ren Stil un­ter­strei­chen, dür­fen blei­ben.“Weil sich Men­schen un­ter­schied­lich schwer­tun, ha­ben die bei­den aus der Pra­xis vier Arche­ty­pen de­fi­niert, die beim Weg­wer­fen ver­schie­de­ne Schwach­stel­len ha­ben: Der emo­tio­na­le typ zum bei­spiel, der sich be­son­ders un­gern von Sou­ve­nirs, Ge­schen­ken und hand­ge­schrie­be­nen Kar­ten trennt oder der prak­ti­sche Typ, der Din­ge „für den Fall“auf­hebt.

LEICH­TER ENT­SPAN­NEN.

„Es ist ein Lern­pro­zess, aber so­bald man es schafft, sich von Din­gen zu tren­nen, die man nicht braucht, fühlt man sich leich­ter.“In ei­nem Haus­halt, in dem die So­cken­schub­la­de nicht „voll“ist, wenn sie sich nur noch mit zwei Hän­den zu­pres­sen lässt, son­dern dann, wenn je­des Paar So­cken gut sicht­bar sei­nen Platz hat, lässt es sich ein­fa­cher ent­span­nen .„ sa­chen weg zu­ge­ben hat für die meis­ten Leu­te et­was Be­frei­en­des“, er­klärt­ky­le­qui­li­ci.„ober­fläch­lich be­trach­tet hel­fen wir Men­schen, ihr Zu­hau­se auf­zu­räu­men, aber ei­gent­lich füh­ren wir über­las­te­te, er­schöpf­te Men­schen durch ei­nen Häu­tungs­pro­zess – bis sie er­ken­nen, was ih­nen wirk­lich wich­tig ist.“Der schlich­tes­te Rat der bei­den Ein­rich­tungs-pro­fis: „Kram lässt sich lang­fris­tig am bes­ten re­du­zie­ren, in­dem man ihn erst gar nicht ins Haus lässt.“

Für wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu New Mi­ni­mal­sim die Sei­te mit der Gra­tis-app „Short­cut Re­a­der“scan­nen

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