Wie­der das Gras wach­sen hö­ren

WIE­DER DAS GRAS

Kurier Magazine - Zähne - - Medico Inhalt - VON BE­LIN­DA FIE­BI­GER

Was un­ter Gar­ten­the­ra­pie ver­stan­den wird

In Ös­ter­reich blüht die Gar­ten­the­ra­pie noch re­la­tiv un­be­merkt. Der en­ge Kon­takt mit der Na­tur wirkt Wun­der auf das Wohl­be­fin­den – zu­neh­mend spre­chen nicht nur me­di­zi­ni­sche, son­dern auch ge­sell­schaft­li­che und so­zia­le Grün­de da­für.

» Die Pa­ra­dei­ser müs­sen hoch­ge­bun­den wer­den – wäh­rend die meis­ten Gar­ten- oder Bal­kon­be­sit­zer das schnell und oh­ne groß zu über­le­gen ab­sol­vie­ren, kann die­se Tä­tig­keit bei be­stimm­ten Men­schen nach­hal­len. Näm­lich dann, wenn die Ar­beit in der Na­tur mit dem Set­zen neu­er Zie­le ver­bun­den ist und dar­aus Mo­ti­va­ti­on er­wächst. Dann kann die Er­le­di­gung ei­ner sol­chen Auf­ga­be so­gar ei­nem klei­nen (Zwi­schen-)sieg gleich­kom­men. Was so harm­los nach ei­nem biss­chen Gar­teln und lau­schi­gen Son­nen­ta­gen im Frei­en klingt, steht in ei­nem star­ken wis­sen­schaft­li­chen Bo­den: »

Die po­si­ti­ven Ef­fek­te der Gar­ten­the­ra­pie wer­den schon seit lan­ger Zeit ge­nutzt – die his­to­ri­schen Wur­zeln rei­chen gar bis ins Mit­tel­al­ter und Al­ter­tum zu­rück. In ih­rer mo­der­nen Form un­ter­stützt sie al­te, de­menz­kran­ke Men­schen und Sucht­kran­ke eben­so wie Pa­ti­en­ten in der Re­ha­bi­li­ta­ti­on oderauch­kin­de­rund­er­wach­se­ne mit Ent­wick­lungs­de­fi­zi­ten. Sie fängt beim Set­zen ei­nes Saat­korns an und reicht bis zur Um­set­zung um­fang­rei­cher Pro­jek­te. Die Gar­ten­the­ra­pie kennt da­mit vie­le Ziel­grup­pen, un­zäh­li­ge Set­tings und schöpft aus ei­nem Ex­per­ten-pool von­päd­ago­gen und Psy­cho­lo­gen über Me­di­zi­ner und Phy­sio­the­ra­peu­ten bis hin zu Kran­ken- und Al­ten­pfle­ger. Viel­leicht ist es ge­ra­de die­se Flui­de, die­ses Gren­zen­lo­se, wes­halb die Leis­tun­gen der Gar­ten­the­ra­pie in der Öf­fent­lich­keit we­ni­g­er­wahr­ge­nom­men­wer­den. Zu Un­recht.

FRUCHTBARER BO­DEN. „Im eu­ro­päi­schen Ver­gleich steht Ös­ter­reich sehr gut da“, er­klärt Bir­git Steininger, Pro­fes­so­rin an der Hoch­schu­le für Agrar- und Um­welt­päd­ago­gik in Wi­en und Lehr­gangs­lei­te­rin des Lehr­gangs „Gar­ten­the­ra­pie“, der in Ko­ope­ra­ti­on mit der Do­nau-uni­ver­si­tät Krems schon seit 2006 durch­ge­führt wird. „Wir sind da­mit im deutsch­spra­chi­gen Raum die am längs­ten durch­ge­hend be­ste­hen­de Aus­bil­dung auf universitärem Ni­veau.“Dass ein Auf­ent­halt im Grü­nen nicht nur zur Er­ho­lung und Ge­ne­sung von Krank­hei­ten taugt, weiß man schon seit dem 19. Jahr­hun­dert, als fort­schritt­li­che Psych­ia­ter ent­deck­ten, dass er auch in der Be­hand­lung psy­chisch kran­ker Men­schen ei­nen Bei­trag leis­ten kann. Heu­te lie­gen die Vor­bil­der vor al­lem in den USA und Ja­pan, die nach den Krie­gen in Ko­rea und Viet­nam ei­ne Form der Gar­ten­the­ra­pie ent­wi­ckel­ten, um trau­ma­ti­sier­te Sol­da­ten zu be­han­deln. Als sich die Er­fol­ge im­mer deut­li­cher ab­zeich­ne­ten, wur­de sie nach und nach auf an­de­re Fach­ge­bie­te aus­ge­wei­tet. „Wich­tig an­zu­mer­ken ist, dass sie kei­nen Er­satz für an­de­re The­ra­pie­for­men für See­le und Kör­per dar­stellt“, stellt Bir­git Steininger klar. „Sie ist als Er­gän­zung ge­dacht.“

Hob­by­gärt­ner kön­nen das Glück nach­emp­fin­den, das sich nach der er­folg­reich er­le­dig­ten Ar­beit ein­stellt. Auch ein Förs­ter wird Mo­men­te ha­ben, in de­nen er sei­nen Job an der fri­schen Luft ganz be­son­ders ge­nießt. Bei­de­pro­fi­tie­ren­vom­kon­takt­mit­der Na­tur, aber in bei­den Fäl­len ist das eher ei­ne will­kom­me­ne, aber zu­fäl­li­ge Be­gleit­erschei­nung. So­wohl Hob­by­gärt­ne­ral­sauch Förs­ter ha­ben pri­mär das Ziel, ih­re Ar­beit zu er­le­di­gen, beim Förs­ter kommt die Aus­sicht auf ein Ge­halt hin­zu. Bei der Gar­ten­the­ra­pie hin­ge­gen geht es dar­um, mit­hil­fe und Un­ter­stüt­zung der Na­tur, den ak­tu­el­len kör­per­li­chen, men­ta­len oder so­zia­len­zu­stand­ei­ner­per­son­zu­ver­bes­sern oder­zu­er­hal­ten. Die­ar­bei­tim­gar­ten – egal in wel­cher Au­s­prä­gung – ist da „nur“der Weg, der zu die­sem Ziel führt. Wäh­rend et­wa Schlag­an­fall­Pa­ti­en­ten vom Blu­men­zwie­belSet­zen oder Pflan­zen-um­top­fen ab­ge­lenkt sind, trai­nie­ren sie ei­gent­lich ih­re mo­to­ri­schen und sen­so­ri­schen »

Bir­git Steininger, Hoch­schu­le für Agrar- und Um­welt­päd­ago­gik

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