Jen­seits von 2000 Me­tern

Kurier Magazine - Zähne - - Medico Inhalt - VON ELGIN FEUSCHAR

Ein Be­such im Hö­hen­zen­trum Wi­en

» Vor zwei Jah­ren such­te der aus­tra­li­sche Berg­stei­ger Ro­bert Gro­pel die Me­di­en in sei­ner Hei­mat auf, um per­sön­li­che Ein­bli­cke in ei­ne tra­gi­sche Ge­schich­te zu ge­ben. Er und sei­ne Frau Ma­ria Stry­dom stan­den zehn Ta­ge vor dem In­ter­view knapp vor dem Gip­fel des Mount Eve­r­est, als sei­ne Frau ei­nen Zu­sam­men­bruch er­litt. Ih­re Be­schwer­den reich­ten von Übel­keit, Herz­ra­sen bis hin zu star­ken Kopf­schmer­zen, die­sich­zu­mende­hin ver­schlim­mer­ten und ihr knapp vor dem­ziel­das Le­ben kos­te­ten. Was­sich hier vor dem Gip­fel­kreuz des Eve­r­est ab­spiel­te, nennt sich in Fach­krei­sen AMS ( Acu­te Moun­tain Sick­ness) oder al­pi­ne Hö­hen­krank­heit und kann ab 2000 bis 2500 Me­ter wie aus dem Nichts auf­tre­ten. Grund da­für ist der ab­neh­men­de Luft­druck auf zu­neh­men­den Hö­hen­me­tern, denn so­mit wird we­ni­ger Sau­er­stoff in un­se­re Atem­we­ge und in­die­ro­ten­blut­kör­per­chen­ge­presst. In 5000Me­tern Hö­heb­ei­spiels­wei­se fühlt sich der Sau­er­stoff­ge­halt für un­se­ren Kör­per nur noch halb so hoch an wie auf Mee­res­hö­he. Mit ei­ner er­höh­ten Atem­fre­quenzund­ei­nem­ge­stei­ger­ten­ru­he­puls wird ver­sucht, die­ses De­fi­zit aus­zu­glei­chen. Ist die Ve­rän­de­rung zu schnell, kommt der Kör­per nicht nach und das kann zu Öde­men in Hirn oder Lun­ge füh­ren. Ein­zi­ges ef­fek­ti­ves Mit­tel ge­gen die „gefährliche Hö­he“in der Na­tur ist ein lang­sa­mer Auf- so­wie Ab­stieg mit aus­rei­chend Zeit zur Ak­kli- ma­ti­sie­rung. „Hö­he ist nichts an­de­res als ein Reiz, der auf das Sau­er­stoff­trans­port­sys­tem un­se­res Kör­pers ein­wirkt und ei­ne Re­ak­ti­on aus­löst. Ähn­lich wie Hit­ze, Käl­te oder Ge­wich­te“, er­klärt Alex­an­der Dau­me vom Hy­po­xia Me­di­cal Cen­ter, dem Hö­hen­zen­trum in Wi­en. Er ist Lei­ter die­ses In­sti­tuts und Wäch­ter­über­zwei­hö­hen­kam­mern, in de­nen Hö­hen­ver­hält­nis­se von bis zu 4400 Me­tern un­ter me­di­zi­nisch kon­trol­lier­ten Be­din­gun­gen si­mu­liert wer­den. Hier, im 9. Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk und weit weg von den im­po­san­ten For­ma­tio­nen des Eve­r­est, wird die „ge­sun­de­hö­he“für me­di­zi­ni­sche Zwe­cke ein­ge­setzt, um po­si­ti­ve Ef­fek­te zu er­zie­len und di­ver­se Krank­heits­bil­der zu ver­bes­sern.

DIEDOSISMACHTDASGIFT. Schon seit Jahr­hun­der­ten emp­feh­len Me­di­zi­ner bei be­stimm­ten re­spi­ra­to­ri­schen Er­kran­kun­gen den Auf­ent­halt in ge­bir­gi­gen Hö­hen. So­ge­nann­te „Luft­kur­or­te“wa­ren auch schon un­ter Kai­ser Franz Jo­seph I. be­liebt, denn dem Berg­kli­ma wur­de ei­ne gro­ße Heil­wir­kung im Be­reich der Lun­gen­er­kran­kun­gen nach­ge­sagt. „Bei Luft­kur­or­ten ist aus to­po­gra­fi­schen Grün­den die Luft we­ni­ger ver­un­rei­nigt. So­ge­nann­te Hö­hen­kur­or­te gibt es ab 1800 bis 2000 Me­tern. Bei ei­nem Auf­ent­halt von zwei Wo­chen sind die Ve­rän­de­run­gen me­di­zi­ni­scher Pa­ra­me­ter mess­bar“, er­klärt Dau­me. Die kör­per­li­che Reiz­schwel­le bei Hö­he liegt zwi­schen 2000 und 2500 Me­tern. Dar­un­ter spürt der Mensch kaum ei­ne Ve­rän­de­rung. In den Kam­mern des Hö­hen­zen­trums in Wi­en wer­den un­ter ärzt­li­cher Su­per­vi­si­on zwi­schen 3000 und 4400 Hö­hen­me­tern künst­lich si­mu­liert. Dies löst laut Dau­me fol­gen­de Ket­ten­re­ak­ti­on in »

Der Lei­ter des Hö­hen­zen­trums in Wi­en spricht über die po­si­ti­ven Ef­fek­te der „ge­sun­den Hö­he“, wie man da­mit re­spi­ra­to­ri­sche Krank­heits­bil­der ver­bes­sern und Sport­ler ganz le­gal do­pen kann.

un­se­rem Kör­per aus: „Die Che­mo­re­zep­to­ren an un­se­ren Hals­schlag­adern alar­mie­ren das Ge­hirn, dass sich die äu­ße­ren Um­stän­de ge­än­dert ha­ben und ei­ne Stra­te­gie ent­wi­ckelt wer­den muss. Un­s­er­ge­hir­n­als­sau­er­stoff­re­gu­lie­rer regt nun die At­mung an. Die Atem­we­ge er­wei­tern sich und es wird für ei­ne bes­se­re Be­lüf­tung der Lun­ge und der Ne­ben­höh­len ge­sorgt. Im nächs­ten Schritt wird das Blut aus den pe­ri­phe­ren Kör­per­par­ti­en ab­ge­zo­gen und in die obe­ren und un­te­ren Atem­we­ge ge­pumpt, um den Trans­port der ro­ten Blut­kör­per­chen zu be­schleu­ni­gen. So­mit wird nicht nur die Lun­ge, son­dern auch der Kopf in­klu­si­ve Stirn­höh­len und den Ne­ben­höh­len gut durch­blu­tet. Da die ro­ten Blut­kör­per­chen schnel­ler trans­por­tiert wer­den müs­sen, steigt un­ser Puls auch im Sit­zen merk­lich an.“Die po­si­ti­ven Ef­fek­te der Hö­he rei­chen da­bei von ei­ner ver­bes­ser­ten Durch­blu­tung, ak­ti­ven At­mung­bis hin zu ei­ner ent­schlei­men­den Wir­kung der obe­ren und un­te­ren Atem­we­ge. Bron­chi­tis, Asth­ma oder all­er­gi­scher­schnup­fen­wer­den­so­ef­fek­tiv be­han­delt. Aber auch sport­me­di­zi­ni­sche Trai­nings­maß­nah­men wer­den in Hö­hen­kam­mern durch­ge­führt und fal­len durch ih­re leis­tungs­stei­gern­den Ef­fek­te um­gangs­sprach­lich un­ter „le­ga­les Do­ping“.

140 JAH­RE HÖHENTHERAPIE. Be­reits der Kin­der­arzt Edu­ard Frie­de­rich von Pan­der hat­te An­fang des 20. Jahr­hun­derts ei­ne pneu­ma­ti­sche Kam­mer in Frank­furt er­rich­tet und sah be­son­ders gu­te Er­fol­ge bei der Be­hand­lung von Re­spi­ra­ti­ons­krank­hei­ten. Et­was spä- ter, im Ers­ten so­wie im Zwei­ten Welt­krieg, or­ga­ni­sier­te das Mi­li­tär für Kampf­pi­lo­ten „vor­kon­di­tio­nier­te“Auf­ent­hal­te in Un­ter­druck­kam­mern ( Hy­po­ba­re Kam­mern). Da­durch wur­de die Si­cher­heit im Luft­kampf über 4000 Me­tern vor­ab trai­niert und in­fol­ge auch ge­währ­leis­tet. Ab 1927 ka­men die ers­ten Keuch­hus­ten­flü­ge auf, da man be­ob­ach­te­te, dass sich ab 3000 Me­tern Hö­he die Sym­pto­me der Pa­ti­en­ten­ver­bes­ser­ten. Ab1953wur­den in Ös­ter­reich von der Us-air­force der­ar­ti­ge Flü­ge für Kin­der aus Wi­en, Linz und Salz­burg durch­ge­führt. Sport­me­di­zi­ni­sche Zwe­cke ha­ben sich ge­schicht­lich eher zu­fäl­lig er­ge­ben. „Das­hö­hen­trai­nin­gim­sport­war­qua­si ein me­di­zi­ni­sches Hop­pa­la. Im Rah­men der pan­ame­ri­ka­ni­schen Spie­le 1956 in Me­xi­co Ci­ty merk­ten die Ath­le­ten durch die Hö­hen­ex­po­si­ti­on ei­ne ver­min­der­te Aus­dau­er­leis­tung. Für die Olym­pi­schen Spie­le 1968 trai­nier­ten rus­si­sche und ost­deut­sche Sport­ler da­her vor­her scho­n­in­si­mu­lier­ten Hö­hen­ver­hält­nis­sen. Erst spä­ter nutz­te man die Hö­he, um im Fla­chen ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung zu er­zie­len“, blickt Dau­me zu­rück. Im Jahr 2000 wur­den an­hand der „Aus­tri­an Mo­de­ra­te Alti­tu­de Stu­dy“die po­si­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf das Herz- Kreis­lauf-lun­gen­sys­tem bei­pa­ti­en­ten­mi­tatem­wegs­er­kran­kun­gen wis­sen­schaft­lich be­legt – und da­mit war die „ge­sun­de Hö­he“als kom­ple­men­tä­re Be­hand­lungs­form eta­bliert. «

Mag. Alex­an­der Dau­me, Lei­tung Hy­po­xia Me­di­cal Cen­ter, Wi­en

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