Sprech­stun­de

SPRECH­STUN­DE / DA­TING-APPS

Kurier Magazine - Zähne - - Medico Inhalt - VON JU­LIA GSCHMEIDLER

Da­ting-apps und ih­re Fol­gen für die Be­zie­hung

Noch nie war es so ein­fach, Be­kannt­schaf­ten zu ma­chen und gleich­zei­tig so schwie­rig, die gro­ße Lie­be zu fin­den. Was macht die­se gro­ße Aus­wahl an po­ten­zi­el­len Part­nern mit uns? Das weiß Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Sa­rah Ru­bentha­ler.

Sa­rah Ru­bentha­ler Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Psy­cho­the­ra­peu­tin i.a.u.s führt ei­ne Pra­xis in Wi­en

Man­che For­scher be­zeich­nen das Auf­kom­men des On­li­ne­da­tings als größ­ten Ein­schnitt in der Be­zie­hungs­kul­tur seit dem Sess­haft­wer­den des Men­schen­vor10.000bis15.000jah­ren. Wie be­ur­tei­len Sie das? Sa­rah Ru­bentha­ler:

Der Ein­zug und das Auf­stre­ben des In­ter­nets in un­se­ren Haus­hal­ten – und da­mit auch das On­li­ne­da­ting– ha­ben­ei­ne­neue, leich­te, schnel­le, an­ony­me Per­spek­ti­ve des Ken­nen­ler­nens er­öff­net. Es war­ten of­fen­ba­run­zäh­li­ge­po­ten­zi­el­le­part­ner da drau­ßen, ver­steckt nur hin­ter ih­ren Bild­schir­men, ein paar Maus­klicks ent­fernt. Schon vor On­li­ne­da­ting­platt­for­men gab es Agen­tu­ren und Zei­tungs­an­non­cen, über die mög­li­che Part­ner ge­fun­den wer­den konn­ten. Neu ist die kom­mer­zi­el­le Part­ner­ver­mitt­lung so­mit na­tür­lich nicht, aber nie war der Zu­gang­ein­fa­cher und teil­wei­se so­gar kos­ten­los.

Vor ei­nem Jahr­zehnt gal­ten Men­schen, die­on­line­n­ach­der­gro­ßen­lie­be­ge­sucht ha­ben, no­ch­als­son­der­lin­ge. War­um­hat sich das Ih­rer Mei­nung nach ge­än­dert?

On­li­ne­da­ting ist si­cher Aus­druck un­se­rer ver­än­der­ten Ge­sell­schaft. Frü­her galt als Ver­sa­ger, wer mit 30 noch nicht den Part­ner fürs Le­ben ge­fun­den hat. Heu­te ha­ben sich die Prio­ri­tä­ten ver­scho­ben – das führt zu di­ver­sen Ve­rän­de­run­gen. Es gibt mehr Singles, vie­le möch­ten sich erst be­ruf­lich selbst ver­wirk­li­chen, be­vor sie sich bin­den; da Frau­en un­ab­hän­gi­ger wur­den, gibt es we­ni­ger wirt­schaft­li­che Zweck­ver­bin­dun­gen, Kin­der wer­den spä­ter ge­bo­ren. Mit­ten im stres­si­gen Ar­beits­le­ben ist On­li­ne­da­ting na­tür­lich ei­ne in­ter­es­san­te Al­ter­na­ti­ve. Es geht schnell, ist ef­fi­zi­ent, es gibt di­ver­se Fil­ter­ein­stel­lun­gen (Rau­cher, sport­lich) und Matching­sys­te­me, die uns „pas­sen­de“Part­ner vor­schla­gen sol­len. Nicht zu­letzt lässt sich On­li­ne­da­ting per­fekt in die Pau­sen un­se­res All­tags in­te­grie­ren. Tat­säch­lich ist es aber auch heu­te noch so, dass sich Paa­re nicht ou­ten wol­len, sich über die­se di­ver­sen Platt­for­men ken­nen ge­lernt zu ha­ben; ger­ne wird da et­was ge­flun­kert. Lie­be per Maus­klick – da fehlt of­fen­bar die ge­sell­schaft­lich er­war­te­te Ro­man­tik des Ken­nen­ler­nens.

Durch Da­ting-apps ha­ben wir das Ge­fühl, dass da drau­ßen Tau­sen­de bis Mil­lio­nen po­ten­zi­el­ler Part­ner war­ten. Was macht das mit uns?

Das kommt si­cher auch auf un­se­ren Cha­rak­ter, un­ser Bin­dungs­ver­hal­ten, un­se­re Ein­stel­lung und Ab­sich­ten an. Man­che sind mit dem Über­an­ge­bot schlicht über­for­dert. Es kann zu über­gro­ßen Er­war­tun­gen und An­sprü­chen an den po­ten­zi­el­len Part­ner füh­ren. Bei In­ter­net­be­kannt­schaf­ten be­steht ei­ne gro­ße Ge­fahr dar­in, meh­re­re, je­doch nur an der Ober­flä­che krat­zen­de, Ver­bin­dun­gen ein­zu­ge­hen. Man schreibt mit ver­schie­de­nen Nut­zern par­al­lel, fühlt sich im ers­ten Mo­ment gleich ein­mal nicht mehr so ein­sam, schafft es aber nicht, sich auf ei­ne ein­zel­ne Person tie­fer ein­zu­las­sen. Es könn­te ja bei den un­zäh­li­gen an­de­ren Su­chen­den noch et­was Bes­se­res da­bei sein. Üb­rig bleibt man­cher dann mit dem scha­len Ge­fühl de­ser­neu­ten­ver­sa­gens­bei­der­part­ner­su­che, und das, ob­wohl es doch so ein rie­si­ges An­ge­bot gibt. Men­schen, die glau­ben, dass sie et­was ver­säu­men, wenn sie sich fest­le­gen, gibt es auch im rea­len Le­ben. Das In­ter­net mit sei­ner Band­brei­te macht es nur noch ein­fa­cher, von Pro­fil zu Pro­fil zu swit­chen.

Vie­le Nut­zer sind ent­täuscht nach dem ers­ten Tref­fen, weil der Mensch, der vor ei­nem steht und mit dem man in­ter­es­sant ge­chat­tet hat, mit al­len Sin­nen (Ge­ruch, Stim­me) gar nicht mehr sym­pa­thisch scheint.

Bei al­ler Ober­fläch­lich­keit un­se­res Zeit­geis­tes: Gott sei Dank sind wir Men­schen, und uns macht mehr aus, als bloß­ein­hüb­sche­s­pro­fil­bild und­ein paar Flos­keln da­zu. Ich den­ke nicht, dass man von feh­len­der In­ten­ti­on beim On­li­ne­da­ten spre­chen kann. Es ist ja weit­rei­chend be­kannt, dass An­zie­hungs­kraft zwi­schen Men­schen durch ein kom­ple­xes Zu­sam­men­spiel von kör­per­li­chen, bio­lo­gi­schen und psy­chi­schen Fak­to­ren ent­steht. Vie­les läuft un­be­wusst ab, d. h. wir kön­nen uns das plötz­li­che Hin­ge­zo­gen­sein zu ei­nem an­de­ren Men­schen nicht ein­mal er­klä­ren. Das kann auch das noch so aus­ge­klü­gel­te Matching­sys­tem nicht durch Al­go­rith­men be­rech­nen. Im In­ter­net ist das Sys­tem des Ken­nen­ler­nens um­ge­kehrt: Da wird zig Ma­le hin- und her­ge­schrie­ben, viel­leicht nett te­le­fo­niert. Es bleibt Zeit, sich das Ge­gen­über nach sei­nen ei­ge­nen Wün­schen aus­zu­ma­len, ein

Kon­glo­me­rat un­se­rer ei­ge­nen Pro­jek­tio­nen. Komm­tes­dann­zu­ei­nem­rea­len Tref­fen, stellt viel­leicht so man­cher frus­triert und er­nüch­tert fest, dass es nicht „funkt“, das Ge­gen­über nicht viel mit un­se­ren Er­war­tun­gen ge­mein hat.

Sei es aus Neu­gier oder durch Lie­bes­kum­mer: In­den­da­ting-apps­kann­man­s­ei­nen Markt­wert tes­ten. Ver­än­dert uns das?

Ich den­ke, dass es nicht un­ge­fähr­lich ist, sein ei­ge­nes Selbst­wert­ge­fühl und so­mit den Markt­wert, haupt­säch­lich von di­ver­sen „Li­kes“oder „Mat­ches“zu ge­ne­rie­ren. Man muss sich dar­über be­wusst sein, dass es lei­der ver­schie­de­ne Pa­ra­me­ter gibt, die mehr ge­fragt, und an­de­re, die we­ni­ger ge­fragt sind. Bei­spiels­wei­se kön­nen Ar­beits­lo­sig­keit, Kin­der, ein ge­wis­ses Al­ter bei Män­nern und Frau­en es so­wohl on­li­ne als auch im­rea­len Le­ben et­was schwie­ri­ger ma­chen, In­ter­es­sen­ten zu­fin­den. On­li­ne­da­ting soll als das ge­se­hen wer­den, was es ist – ein spie­le­ri­sches Sys­tem, das es uns er­leich­tern soll, neue Men­schen ken­nen­zu­ler­nen und nicht als Maß­stab zur Beur­tei­lung un­se­res Wer­tes als Mensch.

Ein Kri­tik­punkt ist, dass Men­schen zu Wa­ren wer­den, die rein ob­jek­tiv be­wer­tet wer­den. Texa­ni­sche For­scher fan­den so­gar her­aus, dass v. a. Män­ner ein ge­senk­tes Selbst­wert­ge­fühl durch Tin­der ha­ben. Wor­auf soll­te man ach­ten, da­mit das nicht pas­siert?

Ge­ra­de Tin­der ist ja be­kannt für sein „Wisch und Weg“-prin­zip. Hier geht es tat­säch­lich nur um das gu­te Pro­fil­fo­to und even­tu­ell ei­nen sich von an­de­ren Pro­fi­len ab­he­ben­den Kom­men­tar. Hier wird der Mensch tat­säch­lich nur über sein Aus­se­hen de­fi­niert und be­ur­teilt. Für Män­ner dürf­te es et­was neu­er sein, nur auf­grund der Op­tik be­ur­teilt zu wer­den. Wo Frau­en das durch­aus schon eher ken­nen, wur­den Män­nern noch mehr nach an­de­ren Kri­te­ri­en be­ur­teilt. Auf das Aus­se­hen re­du­ziert zu wer­den, tut un­se­rer See­le kei­nes­falls gut. Uns macht als Mensch doch­viel mehr­aus. Be­son­ders­frus­trie­rend ist es für Men­schen, die sich ge­ra­de nicht gut füh­len, aber ih­ren Selbst­wert durch On­li­ne­da­ting er­hö­hen wol­len, wenn sie nicht die ge­wünsch­te Re­so­nanz über das On­li­ne­me­di­um be­kom­men. Je­der Nut­zer soll­te dar­an den­ken, dass hin­ter dem Pro­fil ei­ne rea­le Person mit ei­ner Pa­let­te an Ge­füh­len sitzt. Es kann sehr ver­let­zend sein, wenn bei­spiels­wei­se ei­ne net­te Kor­re­spon­denz statt­ge­fun­den hat, der Kon­takt nach Fo­to­frei­ga­be plötz­lich kom­men­tar­los ab­bricht.

Auch ein Kri­tik­punkt ist das Sucht­po­ten­zi­al. Wie mer­ke ich, dass ich von ei­ner Da­ting-app ab­hän­gig bin?

Ei­ne Zu­schrift oder ei­nen Matching­point zu er­hal­ten, löst durch­aus ei­nen Kick, ein Glücks­ge­fühl aus. Nach die­sem­ge­fühl­kann­man­süch­tig­wer­den. Wenn man stän­dig nur mehr an sei­nem Han­dy sitzt, es kaum aus­hält, ei­ne Zeit lang nicht nach­zu­se­hen, ob sich was Neu­es im Post­fach fin­det, ist dies pro­ble­ma­tisch. Ent­we­der man schafft es selbst wie­der mehr zu­rück in die Rea­li­tät; wenn nicht, soll­te man pro­fes­sio­nel­le, psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Hil­fe in An­spruch neh­men. In der The­ra­pie soll der Grund des Sucht­ver­hal­tens her­aus­ge­fun­den und an­schlie­ßend be­ar­bei­tet wer­den. «

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