NA­TUR ALS FREUND UND LEHR­MEIS­TER

GRE­EN CA­RE IN ÖS­TER­REICH

Kurier Magazine - Zähne - - Medico Cover -

Vor 26 Jah­ren such­te Ma­ri­na Fi­scher ge­mein­sam mit ih­rem Mann nach ei­ner Mög­lich­keit, ih­ren be­hin­der­ten Sohn in ei­ner ge­sun­den Um­ge­bung zu be­treu­en. Was die ge­bür­ti­ge Wie­ne­rin fand, war ein her­un­ter­ge­kom­me­ner Vier­kan­ter mit Po­ten­zi­al. Heu­te ist der Him­mel­schlüs­sel­hof als so­zi­al­the­ra­peu­ti­sche Ar­beits- und Le­bens­ge­mein­schaft für Be­hin­der­te ei­nes der gro­ßen Leucht­turm­pro­jek­te der Gre­en-ca­re-be­we­gun­gi­nös­ter­reich.

FRUCHTBARER BO­DEN. Der Sam­mel­be­griff Gre­en Ca­re be­inhal­tet Ak­ti­vi­tä­ten und In­ter­ak­tio­nen zwi­schen Mensch, Tier und Na­tur, die je nach Kon­text ge­zielt ge­sund­heits­för­dern­de, päd­ago­gi­sche oder so­zia­le Zie­le ver­fol­gen. Die Gar­ten­the­ra­pie ist ein Teil­as­pekt, das Öff­nen von Land­wirt­schaf­ten im Be­reich der Al­ten- oder eben auch der Be­hin­der­ten­pfle­ge ein wei­te­rer. Am Him­mel­schlüs­sel­hof küm­mert sich ein Be­treu­er- und The­ra­peu­ten-team um elf geis­tig- und

mehr­fach­be­hin­der­te Er­wach­se­ne. Ma­ri­na Fi­scher hat da­bei die Be­ob­ach­tung ge­macht, dass ge­ra­de die klei­nen, selbst­stän­dig durch­ge­führ­ten Auf­ga­ben das Selbst­wert­ge­fühl der ein­zel­nen Schütz­lin­ge und den Zu­sam­men­halt in der Grup­pe stär­ken. Je­der macht da­bei, was er kann: „Ob im Ge­mü­se­gar­ten, bei der Stall­ar­beit oder beim Keh­ren vor der Haus­tür. Wenn­sie­wis­sen, wo­für sie et­was ma­chen, kön­nen sie stolz auf ih­re Leis­tung sein“, so Fi­scher. Das­ar­bei­ten in und mit der Na­tur ist da­für ide­al: „Man sieht, was die ei­ge­ne Ar­beit be­wirkt. Die­milch­et­wa, die zu­vor­ge­mol­ken wur­de, wird spä­ter zu Kä­se, But­ter und Jo­ghurt ver­ar­bei­tet.“Ne­ben Rin­dern be­völ­kern auch Pfer­de, Hän­ge­bauch­schwein­chen, Esel, La­mas und al­ler­lei Fe­der­vieh das 16,5 Hekt­ar gro­ße Are­al. Das Hof­le­ben lehrt‚ nicht nur den Re­spekt vor dem (Nutz-)tier, son­dern auch vor an­de­ren Men­schen: „Es ist fas­zi­nie­rend­zu­se­hen, wenn­ein­neu­er Schütz­ling, der ja sein ei­ge­nes Vor­le­ben mit­bringt, mit der Zeit die für ihn idea­le Tä­tig­keit fin­det und sich har­mo­nisch ein­fügt.“Was­der­ho­fin­punc­to­be­hin­der­ten­pfle­ge leis­tet, wird in­zwi­schen auch of­fi­zi­ell an­er­kannt. Das be­zeugt die „Gol­de­ne Me­dail­le des Eh­ren­zei­chens für Ver­diens­te um das Land­nö“aus dem­jahr2013o­der­der im De­zem­ber 2017 über­reich­te Lie­seProkop-frau­en­preis. „Für mich ist Gre­en Ca­re die Zu­kunft“, so Fi­scher. „Wir brau­chen die­se so­zia­len Ein­rich­tun­gen auf Bau­ern­hö­fen.“Dank des Zu­satz­ein­kom­mens pro­fi­tie­ren nicht zu­letzt auch Land­wir­te, die sonst viel­leicht auf­ge­ben müss­ten. Zu­dem wer­den Ar­beits­plät­ze in der Re­gi­on ge­schaf­fen. Ih­ren Er­fah­rungs­schatz gibt Fi­scher je­den­falls ger­ne wei­ter: „Es ist für al­le Platz“, ist sie über­zeugt. „Kon­kur­renz­den­ken ist hier fehl am Platz.“

Be­trie­be wie das The­ra­pie- und Be­treu­ungs­zen­trum Him­mel­schlüs­sel­hof im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Tex­ing ar­bei­ten mit der Na­tur, um Men­schen phy­sisch, päd­ago­gisch und so­zi­al zu för­dern.

Fer­tig­kei­ten. Mit klei­nen gärt­ne­ri­schen Ak­ti­vi­tä­ten kön­nen so ge­wis­se, imall­tag re­le­van­te Be­we­gungs­ab­läu­fe sehr gut ein­ge­übt wer­den. „Zu­dem lehrt die Na­tur, ge­dul­dig zu sein“, so Steininger. „Man muss war­ten kön­nen, bis aus ei­nem Saat­korn et­was ge­deiht.“Ei­ne Lek­ti­on, die für Men­schen, die ge­gen so­zia­le oder men­ta­le Be­ein­träch­ti­gun­gen an­kämp­fen, durch­aus re­le­vant ist.

GE­SUN­DE LUFT. Im Jahr 2015 ver­öf­fent­lich­te Hi­ro­ha­ru Ka­mio­ka von der Agrar-uni­ver­si­tät in To­kio mit Kol­le­gen ei­ne Über­blicks­ar­beit über die nach­weis­ba­ren­ef­fek­te­der­gar­ten­the­ra­pie. Die Wis­sen­schaft­ler durch­fors­te­ten da­für Stu­di­en aus den Jah­ren 1990 und 2013 und fass­ten die Er­geb­nis­se zu­sam­men. De­men­te Per­so­nen schei­nen dem­nach be­son­ders gut an­zu­spre­chen. Bei der Ar­beit mit Pflan­zen kön­nen ge­ra­de Sin­nes­wahr­neh­mun­gen wie Rie­chen und Schme­cken den Er­krank­ten hel­fen, Er­in­ne­run­gen wach­zu­ru­fen. Ähn­li­ches gilt für Be­woh­ner von Pfle­ge­hei­men, die durch den­ein­flus­s­ei­nes Gar­ten­pro­gram­mes ih­re Le­bens­zu­frie­den­heit und ih­re so­zia­len Kontakte stei­gern und Ein­sam­keits­ge­füh­le ver­min­dern kön­nen. Ge­ra­de bei die­sen zwei Per­so­nen­grup­pen scheint die Gar­ten­the­ra­pie bra­vou­rös ih­re­vor­tei­le­aus­zu­spie­len: Sie trai­niert Fein­mo­to­rik und Mo­bi­li­tät, för­dert den all­ge­mei- nen An­trieb , die Ge­dächt­nis­leis­tung so­wie die Wahr­neh­mungs- und Ori­en­tie­rungs­fä­hig­keit. Und be­frie­digt das Be­dürf­nis nach Kon­trol­le und Selbst­ver­wirk­li­chung. An Gren­zen scheint die Gar­ten­the­ra­pie hin­ge­gen bei psych­ia­tri­schen Pa­ti­en­ten – et­wa mit Schi­zo­phre­nie, bi­po­la­rer Störung und schwe­rer De­pres­si­on – zu sto­ßen. Das Team rund um Hi­ro­ha­ru Ka­mio­ka ver­zeich­net, dass zwar bei den Teil­neh­mern­der­stres­spe­gel­sank, an­sons­ten aber kei­ne gro­ßen nach­weis­ba­ren Aus­wir­kun­gen auf das Ar­beits­ver­hal­ten oder die Le­bens­qua­li­tät wahr­nehm­bar wa­ren.

HER­ZENS­AN­GE­LE­GEN­HEIT. „Ge­ne­rell ist die Gar­ten­the­ra­pie in Ös­ter­reich im­mer noch ein Ni­schen­an­ge­bot und hängt sehr stark von den Ein­rich­tun­ge­nab, die be­reit sind, da­für­per­so­nel­le Mit­tel lo­cker zu ma­chen“, so Bir­git Steininger. Hier wird ihr gro­ßer Vor­teil – die In­ter­dis­zi­pli­na­ri­tät – viel­leicht zum Hin­der­nis: „In wel­che Fi­nan­zie­rungs­schie­ne fällt sie hin­ein? Es gibt In­sti­tu­tio­nen, die das för­dern. Sehr oft sind die Ak­teu­re aber auch Ein­zel­kämp­fer, die ih­re Vi­sio­nen um­set­zen“, so­die­ex­per­tin.„das­in­ter­es­se an Gar­ten­the­ra­pie ist aber mei­nes Erach­tens nach da.“So wird im The­ra­pie­zen­trum Ybbs Sucht­kran­ken der Kon­takt mit der Na­tur er­mög­licht. Die Gar­ten­ar­beit, die ein Zu­sam­men­spiel von Mus­keln und Sin­nes­emp­fin­dun­gen ist, un­ter­stützt die Teil­neh­mer, ein neu­es, un­ge­stör­tes Ge­nuss­emp­fin­den zu ent­wi­ckeln. Al­sim­jahr2015das­ger­ia­trie­zen­trum Wie­n­er­wald in Wi­en-hiet­zing auf­ge­las­sen wur­de­und­s­ei­ne­be­woh­ne­rin neue Pfle­ge­wohn­häu­ser »

über­sie­del­ten, wur­den vier Pa­vil­lons Flücht­lin­gen zur Ver­fü­gung ge­stellt. In Zu­sam­men­ar­beit mit dem In­te­gra­ti­ons­pro­jekt IGOR wur­de der The­ra­pie­gar­ten mit ih­nen fort­ge­führt. Bei den An­kömm­lin­gen stand im Vor­der­grund, Men­schen zu ver­bin­den und Per­spek­ti­ve zu schaf­fen. Ein Ziel, das auch schon auf die Be­woh­ner­des­ger­ia­trie­zen­trums zu­traf, die in den­jah­ren 2006 bis 2015 den Gar­ten zwei Mal wö­chent­lich nutz­ten, um ih­re kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fä­hig­kei­ten zu ver­bes­sern. Was Gar­ten­the­ra­pie ge­nau ist, dar­auf wol­len sich selbst Fach­leu­te nicht fest­le­gen. Zu­vie­le Be­rei­che und Dis­zi­pli­nen flie­ßen zu­sam­men. Je nach in­vol­vier­ter Spar­te wird die Ant­wort un­ter­schied­lich aus­fal­len. In der Er­de zu bud­deln und dem Pflan­zen­le­ben beim Ge­dei­hen zu­se­hen, löst Un­ter­schied­li­ches in uns aus un­d­kann­durch wei­te­re the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men ge­zielt ge­lenkt wer­den. Der Auf­ent­halt in der Na­tur spricht Ur­in­stink­te an, die im mo­der­nen All­tag oft zu kurz kom­men. Und­das­gilt­längst­nicht­nur für den the­ra­peu­ti­schen Gar­ten. Dar­um: Esist Zeit, sich end­lich wie­der die Hän­de schmut­zig zu ma­chen. «

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