Wenn plötz­lich ei­ner aus der Rei­he tanzt

Kurier Magazine - Zähne - - Medico Spezial - VON AN­JA GE­RE­VI­NI

» Nie­mals mehr im gan­zen Le­ben ist ein zahn­lo­ses Lä­cheln der­art herz­er­wär­mend. Mit et­wa sechs Wo­chen strahlt der Säug­ling sei­ne Mut­ter plötz­lich zu­mers­ten Mal an – und gibt den Blick auf ma­kel­lo­ses Zahn­fleisch frei. Un­ter die­sem be­fin­den sich die Milch­zäh­ne, die bis zum drit­ten Le- bens­jahr durch­bre­chen. An­ge­legt wur­den die­se aber viel, viel frü­her. „Die em­bryo­na­le Zahn­ent­wick­lung be­ginnt mit dem 40. Tag der Schwan­ger­schaft durch Ent­ste­hung der so­ge­nann­ten Zahn­leis­te“, er­klärt der Zahn­arzt und Oral­chir­urg Hajo Pe­ters. „An die­ser bil­den sich et­wa zwei Wo­chen spä­ter 20 Knos­pen, die sich zu den Milch­zäh­nen ent­wi­ckeln. Ab der 14. Schwan­ger­schafts­wo­che ent­ste­hen auf glei­che Wei­se die An­la­gen der per­ma­nen­ten Zäh­ne.“Dort be­fin­den sich die­se im Dorn­rös­chen­schlaf – und war­ten auf ih­ren gro­ßen Tag. „In der­re­gel­bre­chen­die­ers­ten­milch­zäh­ne mit et­wa sechs Mo­na­ten durch. Dies sind häu­fig die un­te­ren Front­zäh­ne“, sagt Pe­ters. „Die ers­ten blei­ben­den Zäh­ne, die so­ge­nann­ten Zu­wachs­zäh­ne, sind die ers­ten gro­ßen Ba­cken­zäh­ne, die mit et­wa sechs Jah­ren durch­bre­chen. Al­ler­dings kann es hier­bei zu er­heb­li­chen zeit­li­chen Ab­wei­chun­gen kom­men.“

WENN ET­WAS FEHLT.

Für El­tern be­ginnt oft ei­ne har­te Zeit. Das Ba­by wird un­ru­hig, schläft schlecht, weint, kann so­gar fie­bern. Das Zah­nen geht al­so nicht im­mer leicht von­stat­ten. Doch es ist ein nor­ma­ler tem­po­rä­rer Zu­stand, durch den je­der durch­muss. Hajo Pe­ters: „Ein küh­len­der Beiß­ring lin­dert schein­bar die Be­schwer­den und be­güns­tigt den Durch­bruch.“Es ist zwar ex­trem sel­ten, aber es kann vor­kom­men, dass das An­le­gen der Zäh­ne wäh­rend der Schwan­ger­schaft nicht statt­fin­det. Anodon­tie nen­nen Ex­per­ten die­se an­ge­bo­re­ne Ano­ma­lie. „Sie ist mit ei­ner über­ge­ord­ne­ten Ent­wick­lungs­stö­rung ver­bun­den“, er­klärt der Oral­chir­urg. „To­ta­le Zahn­lo­sig­keit wirkt sich nicht nur auf die Nah­rungs­auf­nah­me aus, son­dern auch auf funk­tio­nel­le Ei­gen­schaf­ten des oro­fa­zia­len Sys­tems wie das Spre­chen. Durch feh­len­de Zäh­ne und ei­ne da­mit ver­bun­de­ne feh­len­de Ab­stüt­zung der Kie­fer kön­nen auch Be­schwer­den im Be­reich der Kie­fer­ge­len­ke bis hin zu Tin­ni­tus auf­tre­ten.“Zu­dem kann die Anodon­tie da­zu füh­ren, dass sich das Weich­ge­we­be im Mund­zu­rück­bil­det, was­wie­der­umäs-

Das mensch­li­che Ge­biss: Auf 20 Milch­zäh­ne folgt das er­wach­se­ne Dau­er­ge­biss. Ganz sel­ten gibt es al­ler­dings auch an­ge­bo­re­ne Ano­ma­li­en.

the­ti­sche und funk­tio­nel­le Pro­ble­me nach sich zieht: Bei Be­trof­fe­nen kann es zu ei­ner Schie­fe im Ge­sicht kom­men, meist ha­ben sie Schwie­rig­kei­ten bei der Nah­rungs­auf­nah­me oder beim Spre­chen­ler­nen. „Im Er­wach­se­nen­al­ter bei ent­spre­chen­den knö­cher­nen Vor­aus­set­zun­gen oder Vor­be­hand­lun­gen­kann­man­mit­tels­im­plan­ta­ten ei­nen zahn­lo­sen Kie­fer auf­bau­en und zu neu­er Funk­ti­on beim Spre­chen und Es­sen ver­hel­fen“, er­klärt Hajo Pe­ters. „In der Re­gel wer­den Im­plan­ta­te im Er­wach­se­nen­al­ter nach Ab­schluss des Kör­per­wachs­tums ge­setzt. Na­tür­lich ist ei­ne Über­gangs­lö­sung zur Ver­sor­gung­des­zahn­lo­sen­kie­fer­sau­chim ju­gend­li­chen Al­ter mög­lich.“

NICHT LÜ­CKEN­LOS.

Im Ge­gen­satz zur Anodon­tie be­tref­fen die Hy­po­don­tie un­d­dieo­li­godon­tie­das­blei­ben­de­ge­biss. Von ers­ter spre­chen Me­di­zi­ner, wenn ein bis fünf Zäh­ne feh­len. Als Oli­godon­tie wird be­zeich­net, wenn Zahn­grup­pen feh­len. „Die Oli­godon­tie stellt dem­nach ei­ne Zwi­schen­stu­fe der Hy­po­don­tie und der Anodon­tie dar“, weiß Pe­ters. Bei­des sind an­ge­bo­re­ne Fehl­bil­dun­gen. Von der Hy­po­don­tie sind aber mehr Men­schen be- trof­fen, als man zu­nächst glau­ben mag. So­bald et­wa die Weis­heits­zäh­ne feh­len, spricht man­vo­nihr. Am­zweit­häu­figs­ten feh­len die Schnei­de­zäh­ne. In vie­len Fäl­len geht die Hy­po­don­tie mit Fehl­bil­dun­gen der an­de­ren Zäh­ne ein­her; die­se kön­nen de­for­miert sein oder ste­hen schief. Au­chih­re Sta­bi­li­tät ist nicht ge­ge­ben. „Im Ge­gen­satz zur Hy­po­don­tie ist die Be­hand­lung von meh­re­ren bis vie­len feh­len­den Zahn­an­la­gen deut­lich um­fang­rei­cher. Häu­fig ist hier ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus kie­fer­or­tho­pä­di­schem Lü­cken­schluss und dem pro­the­ti­schen Er­satz von Zäh­nen sinn­voll“, er­zählt Pe­ters. »

„Eine­en­ge­zu­sam­men­ar­beitz­wi­schen Zahn­arzt, Kie­fer­or­tho­pä­de und Kieferchirurg ist hier un­er­läss­lich.“

WICH­TI­GE KUMPANEN. Zäh­ne ste­hen in en­ger Ver­bin­dung mit der Spra­che und wer­den für be­stimm­te Lau­te be­nö­tigt. In ers­ter Li­nie aber die­nen sie zum Zer­klei­nern der Nah­rung. In der Ge­biss­front ste­hen die Schnei­de- und Eck­zäh­ne, die zum Ab­bei­ßen kon­zi­piert sind. Die groß­flä­chi­gen Ba­cken­zäh­ne zer­mah­len Spei­sen. Zäh­ne – wo im­me­rim­kie­fer sie sich auch be­fin­den – be­ste­hen aus der här­tes­ten Sub­stanz, die der Kör­per bil­det. Das ist auch nö- tig, da sie enor­mem Druck stand­hal­ten müs­sen. Beim Es­sen kön­nen sich näm­lich durch­aus Kräf­te von bis zu 30 Ki­lo­gramm ent­wi­ckeln, die auf den Zäh­nen las­ten. Da­mit sie mög­lichst lan­ge ih­rer Ar­beit nach­ge­hen kön­nen, sind Pfle­ge und re­gel­mä­ßi­ge Kon­trol­len beim Zahn­arzt es­sen­zi­ell. «

Dr. Hajo Pe­ters, Zahn­arzt und Oral­chir­urg in der Spe­zi­al­pra­xis „ Mund­ge­recht“

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