KEI­NE ANGST VORM ZAHN­ARZT

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Je­der drit­te Ös­ter­rei­cher hat Angst vorm Zahn­arzt, je­der Zehn­te war län­ger als zwei Jah­re nicht bei ei­ner zahn­ärzt­li­chen Un­ter­su­chung. Über­wie­gend Frau­en und Jün­ge­re un­ter30jah­ren­ver­su­chen, den­pro­fes­sio­nel­len Blick in den Mund zu ver­mei­den, wie ei­ne Um­fra­ge­des­gal­lupIn­sti­tuts 2015 ge­zeigt hat. Da­bei gel­ten wei­ße ge­sun­de Zäh­ne als Sta­tus­sym­bol un­se­rer Zeit, nach dem vie­le Men­schen trach­ten. Was aber, wenn die Angst vor dem Zahn­arzt­be­such so groß ist, dass man die Rou­ti­ne­un­ter­su­chung jah­re­lang hin­aus­zö­gert, bis ernst­haf­te Schä­den an den Zäh­nen vor­han­den sind? Da­bei reicht die Au­s­prä­gung der Angst von Ner­vo­si­tät bis hin zu ei­ner ech­ten Zahn­be­hand­lungs­pho­bie und Pa­nik­at­ta­cken. Was ge­gen Zahn­arztangst ge­tan wer­den kann, er­klärt Zahn­ärz­tin Michae­la Skrein, die sich in ih­rer Wie­ner Pra­xis un­ter an­de­rem auf Angst­pa­ti­en­ten spe­zia­li­siert hat.

Wie äu­ßert sich die Angst vor der Zahn­be­hand­lung? Michae­la Skrein: Die kör­per­li­chen Sym­pto­me be­ste­hen aus Herz­ra­sen, Schwit­zen, Ver­span­nung der Mus­ku­la­tur bis hin zur Atem­not. Da­zu kommt die Furcht, die Kon­trol­le zu ver­lie­ren, gro­ße Schmer­zen oder gar ei­ne Pa­nik­at­ta­cke zu er­lei­den. Als Fol­ge dar­aus su­chen sol­che Men­schen die Zahn­arzt­pra­xis meist erst dann auf, wenn­sie­u­ner­träg­li­che­schmer­zen ha­ben und las­sen dann auch nur die al­ler­nö­tigs­te Be­hand­lung zur Schmerz­be­kämp­fung über sich er­ge­hen. Oft wird der Zahn­arzt­be­such kurz­fris­tig ab­ge­sagt, um der Angst­si­tua­ti­on aus dem Weg zu ge­hen, und bei Zahn­schmer­zen kommt es häu­fig zum­miss­brauch­von­schmerz­mit­teln. Bei schwe­ren Fäl­len kommt es we­gen der schlech­ten Zäh­ne und sicht­ba­ren Zahn­lü­cken zu Scham­ge­füh­len und Selbst­wert­pro­ble­men. War­um fürch­ten sich Men­schen über­haupt bis zur Pho­bie vor dem­zahn­arzt? Meist sind schlech­te Er­fah­run­gen, oft schon in frü­hes­tem Kin­des­al­ter, da­für ver­ant­wort­lich. Das zeigt, wie wich­tig der ers­te Zahn­arzt­be­such ist. Zu uns kom­men Kin­der ab zwei Jah­ren. Ab fünf bis sechs Jah­ren wird zur Vor­sor­ge Kin­der­mund­hy­gie­ne ge­macht. Es wer­den ih­nen Lie­der vor­ge­sun­gen und sie wer­den auch mit klei­nen Ge­schen­ken be­lohnt, so­dass es den Kin­dern ein­fach Spaß macht, zu uns zu kom­men.

Was kann ge­gen die be­reits vor­han­de­ne Angst ge­tan wer­den? Es ste­hen vie­le Mög­lich­kei­ten zur Be­hand­lung der Angst zur Ver­fü­gung: Atem­tech­ni­ken, Mu­sik, Ent­span­nungs­übun­gen, Hyp­no­se, Lach­gas­so­wie Me­di­ka­men­te, die ent­we­der vom Zahn­arzt ver­ab­reicht wer­den, oder ei­ne Se­do­an­al­ge­sie vom Anäs­the­sis­ten. Das Haupt­ziel ist es, den Teu­fels­kreis der Angst zu durch­bre­chen und ei­ne not­wen­di­ge zahn­ärzt­li­che Be­hand­lung durch­füh­ren zu kön­nen.

Sind Be­hand­lun­gen nach dem heu­ti­gen Stand der Wis­sen­schaft ei­gent­lich noch sehr schmerz­haft? Nein! Schmer­zen beim Zahn­arzt müs­sen­nicht­mehr­sein. Man­muss­nur für­je­den­pa­ti­en­ten­die­ge­eig­ne­te­form der Schmerz­be­kämp­fung fin­den und sich Zeit neh­men.

Wel­che Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten bei Den­talp­ho­bie gibt es in Ös­ter­reich? Man muss un­ter­schei­den, ob man Men­schen mit Den­talp­ho­bie ein­fach be­han­deln­will oder ob­man­die­pho­bie mil­dern oder über­haupt hei­len will. Die Be­hand­lung ist in Voll­nar­ko­se, Se­do­an­al­ge­sie oder mit­hil­fe von Lach­gas oder auch be­ru­hi­gen­den Me­di­ka­men­ten kurz­fris­tig durch­führ­bar. Zum Ab­bau der Pho­bie braucht es schon mehr. Zu­erst muss man die Ur­sa­chen hin­ter­fra­gen. Wenn all­ge- mei­ne Angst­stö­run­gen da­hin­ter­ste­cken, soll­te ei­ne Ge­sprächs­the­ra­pie am Be­ginn der Be­hand­lung ste­hen. Oft liegt der Grund ei­ner Zahn­arzt­pho­bie ein­fach an schlech­ten Er­fah­run­gen auf die­sem Ge­biet. In die­sem Fall ist es für das zahn­ärzt­li­che Team ein­fa­cher. Es muss ein­fach ein ent­spann­tes Um­feld ge­schaf­fen wer­den, in dem mit Ru­he, Ver­ständ­nis, angst­auf­lö­sen­den Atem­übun­gen und na­tür­lich ab­so­lu­ter Schmerz­frei­heit für den Pa­ti­en­ten ge­ar­bei­tet wird.

Wie oft kom­men die Me­tho­den von Lach­gas und Hyp­no­se zum Ein­satz? In den USA ha­ben 90 Pro­zent al­ler Zahn­arzt­pra­xen Lach­gas. In Skan­di­na­vi­en cir­ca 50 Pro­zent, in Deutsch­land und Ös­ter­reich sehr we­ni­ge, aber ten­den­zi­ell im­mer mehr. Bei uns in der Or­di­na­ti­on kom­men­zu­erst­be­ru­hi­gen­de At­mo­sphä­re und Atem­übun­gen so­wie Hyp­no­se zum Ein­satz. Bei cir­ca zehn Pro­zent al­ler Be­hand­lun­gen ver­wen­den wir auch Lach­gas. Al­ler­dings im­mer kom­bi­niert mit Hyp­no­se.

Wie be­ur­tei­len Sie die Me­tho­de der Se­do­an­al­ge­sie, al­so ei­ne Kom­bi­na­ti­on von Lo­kala­n­äs­the­sie und Se­die­rungs­mit­teln? Se­do­an­al­ge­sie ist ei­ne sehr gu­te Me­tho­de für Er­wach­se­ne, die, von ei­nem er­fah­re­nen Anäs­the­sis­ten durch­ge­führt, die Voll­nar­ko­se ver­hin­dert und auch in zahn­ärzt­li­chen Or­di­na­tio­nen am­bu­lant durch­ge­führt wer­den kann. Für kom­pli­zier­te Ein­grif­fe bei Pa­ti­en­ten mit­gro­ßer­angs­tist­die­voll­nar­ko­se­die bes­te Me­tho­de. Auch bei Kin­dern ist ei­ne Voll­nar­ko­se oft un­um­gäng­lich.

– JU­LIA GSCHMEIDLER

Von Ner­vo­si­tät bis zu Pa­nik­at­ta­cken – die Den­talp­ho­bie hat vie­le Au­s­prä­gun­gen. Da­bei er­mög­li­chen Be­hand­lungs­me­tho­den mit Lach­gas oder Hyp­no­se mög­lichst schmerz­freie Ein­grif­fe.

Be­ru­hi­gen­de Atem­übun­gen, angst­lö­sen­de Me­di­ka­men­te oder Lach­gas kön­nen bei Angst­pa­ti­en­ten hilf­reich sein

Dr. Michae­la Skrein

Die Zahn­ärz­tin hat sich in ih­rer Wie­ner Or­di­na­ti­on der sanf­ten Zahn­me­di­zin ver­schrie­ben

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