Der Mensch muss spie­len

Kin­der ha­ben ein Recht auf Spie­len. Der Ver­ein „Frei­spiel“hilft, die­ses Recht um­zu­set­zen

Kurier (Samstag) - - LEBENSART - VON DA­NIE­LA DAVIDOVITS UND AXEL N. HALBHUBER

Die Kin­der des Hor­tes Heb­bel­platz in Wi­en-Fa­vo­ri­ten ha­ben Glück. Zu ih­nen kommt je­de Wo­che Frie­de­ri­ke Wil­lomit­zer auf Be­such. Die rot­haa­ri­ge Pen­sio­nis­tin ar­bei­tet eh­ren­amt­lich im Hort mit – ver­mit­telt über die Initia­ti­ve „Frei­spiel“. Das Spie­len und Plau­dern mit Ri­cky, wie sie von den Kin­dern ge­nannt wird, ist für die Volks­schü­ler ei­ne an­ge­neh­me Ab­wechs­lung. Denn­nach­Schul­schluss ha­ben sie viel Ar­beit, er­klärt Lei­te­rin Andrea Tem­per: „Zu­erst be­kom­men die Kin­der bei uns ein Mit­tag­es­sen und dann ge­hen wir hin­aus in den Gar­ten, da­mit sie sich aus­to­ben kön­nen. Um 14 Uhr fängt die Lern­stun­de an, man­che Kin­der sind um halb drei Uhr mit den Haus­übun­gen fer­tig, an­de­re pla­gen sich bis fünf und ha­ben es auch dann noch nicht er­le­digt“, er­klärt sie.

Un­ter Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gen ist die Be­deu­tung des Spie­lens für Kin­der seit Lan­gem un­be­strit­ten. Um sie noch zu be­to­nen er­klär­te die UNESCO vor 16 Jah­ren den 28. Mai zum „Welt­spiel­tag“, ba­sie­rend auf ei­ner Initia­ti­ve der „In­ter­na­tio­nal Toy Li­bra­ry As­so­cia­ti­on“. Die Bot­schaft: Kin­der ha­ben ein Recht auf Spiel.

Was Spie­len bringt

Die Psy­cho­lo­gie be­grün­det die­ses Recht vor al­lem da­mit, dass Kin­der über Spiel Neu­es und Er­leb­tes ver­ar­bei­ten kön­nen. Die Hir­ne der Er­wach­se­nen schaf­fen das im Schlaf. Ei­ni­ge Stu­di­en be­le­gen wei­te­re Grün­de. Bei Er­wach­se­nen wie Kin­dern sei­en Viel­spie­ler kom­mu­ni­ka­ti­ver, wiss­be­gie­ri­ger und aus­ge­gli­che­ner als Spie­le­ver­wei­ge­rer. Aber bei Kin­dern ge­he es um viel mehr: Spie­len för- de­re näm­lich auch die Aus­ge­gli­chen­heit, Krea­ti­vi­tät, Vor­stel­lungs­ver­mö­gen, In­ter­ak­ti­on und Em­pa­thie.

Um­so grö­ßer ist die Leis­tung ein­zu­schät­zen, die Frei­wil­li­ge wie Ri­cky er­brin­gen. Die eh­ren­amt­li­chen Spiel­part­ner tra­gen da­zu bei, dass Kin­der mehr Deutsch spre­chen und da­durch ih­re Sprach­kennt­nis­se ver­bes­sern kön­nen. „Die Kids wol­len am liebs­ten mit Uno-Kar­ten spie­len. Dann set­zen sich im­mer wie­der die glei­chen zu mir“, er­zählt die en­er­gi­sche Pa­tin, die seit zwei Jah­ren im „Frei­spiel“-Ein­satz ist. Doch ihr Kar­ten­spie­len un­ter­schei­det sich vom­üb­li­chen Zeit­ver­treib. Statt sich schwei­gend zu kon­zen­trie­ren, be­schreibt Ri­cky stän­dig, was ge­ra­de ge­schieht und for­dert un­auf­fäl­lig die Kin­der auf, das auch zu tun. „Du legst ei­nen ro­ten Fün­fer auf den Sech­ser. Wer ist als Nächs­ter dran?“Da­zwi­schen plau­dert sie mit den Kin­dern über die Schu­le, Fuß­ball, Ge­schwis­ter – was die Bu­ben und Mäd­chen ge­ra­de be­schäf­tigt. „Vie­le sind gie­rig aufs Ler­nen und rich­tig ehr­gei­zig. Mit ei­nem Bu­ben ha­be ich im­mer Zei­tung ge­le­sen. Und sie neh­men ei­nen voll in Be­schlag – am Abend bin ich er­le­digt“, er­zählt Ri­cky be­geis­tert über „ih­re“Kin­der.

Auf­fal­lend ist: Sie nüt­zen un­glaub­lich ger­ne die Mög­lich­keit zum Kon­takt mit ei­ner Er­wach­se­nen. So­gar wenn man kurz als Frem­de in die Grup­pe kommt, freu­en sich die Kin­der enorm über die Auf­merk­sam­keit. Sie über­tref­fen ein­an­der in Ge­schich­ten, die sie er­zäh­len wol­len. Und sie las­sen sich nicht da­durch brem­sen, dass vie­le Sät­ze vol­ler Gram­ma­tik­feh­ler sind und man­chen Kin­dern ein­zel­ne Wör­ter feh­len.

Der spie­len­de Mensch

Die Initia­to­ren des Welt­spiel­eta­ges woll­ten durch das Wie­der­auf­le­ben des Spie­lens auch die Bar­rie­re zwi­schen Kin­dern und Er­wach­se­nen durch­bre­chen, die ih­rer Mei­nung nach im­mer hö­her wird. El­tern ha­ben zu we­nig Zeit, sich mit dem Nach­wuchs zu be­schäf­ti­gen. Eben­so wol­len sie Grä­ben zwi­schen so­zia­len Schich­ten zu­schüt­ten.

Dass Spie­len ein Spie­gel un­se­res We­sens ist, wuss­te nicht nur der rö­mi­sche Dich­ter Ovid („Im Spiel ver­ra­ten wir, wes Geis­tes Kind wir sind“), son­dern vor al­lem der nie­der­län­di­sche His­to­ri­ker Jo­han Hui­zin­ga (1872–1945). Auf sei­nem Werk „Ho­mo lu­dens – Vom Ur­sprung der Kul­tur im Spiel“(1938) ba­siert die mo­der­ne Spiel­for­schung, die Lu­do­lo­gie. Hui­zin­ga fehl­te in der Be­trach­tung des Men­schen zwi­schen dem den­ken­den Men­schen (ho­mo sa­pi­ens) und dem tä­ti­gen Men­schen (ho­mo fa­ber) die Fä­hig­keit des zweck­lo­sen Den­kens und Han­delns – zum Spaß. Nur die­ser Ho­mo Lu­dens kön­ne Kul­tur­schaf­fen­der sein, was der Mensch ja ist. Das kön­ne er nur durch den Wunsch zu spie­len um des Spie­lens Wil­len.

Eben das tun Kin­der.

Mehr Be­darf

Das an­ge­stell­te Per­so­nal im Hort hat we­nig Zeit, um in der Klein­grup­pe oder im Ein­zel­kon­takt mit Kin­dern zu spie­len und zu re­den. „Ich könn­te un­end­lich vie­le Frei­wil­li­ge ein­set­zen, der Be­darf ist so groß“, er­klärt Frei­spiel-Ge­schäfts­füh­re­rin Do­rith Sal­va­ra­ni-Drill. Das Pro­jekt wird von So­zi­al­mi­nis­te­ri­um, In­dus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung und Spen­dern fi­nan­ziert und war be­reits auf der Short­list des „So­zi­al­ma­rie“-Wett­be­wer­bes (www.frei­spiel­wi­en.at). Sie ver­teilt die 50 frei­wil­li­gen Pa­ten nicht nur auf 20 Hor­te, son­dern bie­tet ih­nen Schu­lun­gen und Tref­fen mit Grup­pen­su­per­vi­si­on an, „denn die Ar­beit kann sehr frus­trie­rend sein“.

Denn manch­mal sind die Be­treue­rin­nen imHort­wie­ei­ne so­zia­le Feu­er­wehr, er­klärt Tem­per: „Wir ha­ben zwei Kin­der hier, die vom Ju­gend­amt be­treut wer­den. Des­we­gen müss­ten wir auf mehr schau­en als nur auf die Haus­übun­gen. Wir sind froh, dass wir die Kin­der hier we­nigs­tens ein biss­chen för­dern kön­nen“, sagt sie. Mit Be­dau­ern be­ob­ach­tet die Hort­lei­te­rin die Aus­wir­kung der Wirt­schafts­kri­se: „Wir mer­ken, dass Kin­der ab­ge­mel­det wer­den, weil sich die El­tern den Hort­bei­trag nicht mehr leis­ten kön­nen. Das ist wahn­sin­nig scha­de. Die ge­hen nach der Schu­le heim und schau­en dort den gan­zen Tag fern.“ Al­le No­mi­nie­run­gen zum „Spiel des Jah­res“fin­den Sie on­li­ne.

Beim Spie­len ver­ar­bei­ten Kin­der Neu­es und Er­leb­tes, sa­gen Psy­cho­lo­gen. Des­halb ha­ben sie ein Recht dar­auf – vor al­lem am heu­ti­gen Spiel-Welt­tag

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