Wie sagt man „fau­li­ger Ge­ruch“in Russ­land?

Sechs Kof­fer.

Kurier (Samstag) - - KULTUR - – P.PISA

John­ny Cash war noch kür­zer. Er sang: „Wo ist Zu­hau­se, Ma­ma? / Auf der gro­ßen Stra­ße ...“

Ma­xim Bil­ler zeigt auf knapp 200 Sei­ten, dass es meh­re­re Zu­hau­se gibt: Es ist sei­ne Fa­mi­lie, die von Russ­land nach Prag über­sie­del­te (um dem Wes­ten nä­her zu sein), dann nach Ham­burg, Zü­rich, Ber­lin.

Das vor­an­ge­stell­te Zitat könn­te Glau­ben ma­chen, die Odys­see sei Haupt­the­ma von „Sechs Kof­fer“. Es lau­tet: „Der Pass ist der edels­te Teil von ei­nem Men­schen.“(Brecht)

Ist aber nicht im Zen­trum. Man wird bald auf min­des­tens ei­ne Ver­trau­ens­kri­se sto­ßen. Denn 1960 wur­de der Groß­va­ter des Er­zäh­lers, al­so ver­mut­lich Bil­lers Groß­va­ter, in Mos­kau ver­haf­tet – und hin­ge­rich­tet. Er hat­te ge­schmug­gelt und Devisen ge­hor­tet. Jah­re­lang wa­ren sei­ne klei­nen Ge­schäf­te un­ent­deckt ge­blie­ben. Aus Prag be­kam er Ny­lon­strümp­fe, die er in Mos­kau ge­gen Par­ker-Fül­ler tausch­te, die er in Prag teu­er ver­kauf­te usw.

Huscht vor­bei

Aber 1960, als er mit US-Dol­lar nach Prag woll­te, um sein En­kerl zu se­hen, führ­te ihn die Staats­si­cher­heit ab. Ir­gend­je­mand aus der Fa­mi­lie hat­te ihn ver­ra­ten.

Ma­xim Bil­ler – für ein Jahr selbst­herr­li­cher, un­ter­halt­sa- mer Kri­ti­ker in der ZDF- Bü­cher­sen­dung „Das li­te­ra­ri­sche Quar­tett“(im Ge­gen­satz zum Kol­le­gen Vol­ker Wei­der­mann hielt er sich nie da­mit auf, sich stän­dig durchs Haar zu fah­ren, um gut aus­zu­se­hen) ... Bil­ler macht es dies­mal fast zu kurz. Der Ro­man huscht vor­bei. Er ist kaum zu grei­fen. Kann ja sein, dass es der Au­tor be­ab­sich­tig­te. Aber die Bei­läu­fig­keit ist scha­de.

Im vor­an­ge­gan­ge­nen Ro­man „Bio­gra­fie“hat­te man noch das Ge­fühl, Bil­ler ha­be fast je­den Satz auf die­sen 900 Sei­ten (!) so ge­schrie­ben, als müss­te er im Mu­se­um aus­ge­stellt wer­den.

Hän­gen blieb trotz­dem we­nig. Nur: Ein Mann woll­te im Ho­sen­sack sei­nen Pe­nis mas­sie­ren, aber – er fand ihn nicht.

Bleibt von „Sechs Kof­fer“ein Bild hän­gen? Ja, der Va­ter, Über­set­zer von Be­ruf, der nicht wei­ter­kommt, weil ihm nicht ein­fällt, wie man auf Rus­sisch „fau­li­ger Ge­ruch“sagt.

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