Wie spe­zi­ell ist Wi­en wirk­lich?

Beim Ga­le­ri­en­fes­ti­val bli­cken Be­su­cher wie durch ein Fa­cet­ten­au­ge auf den Kunst­stand­ort

Kurier (Samstag) - - KULTUR - VON MICHA­EL HU­BER

Ein trei­ben­der Tanz-Beat er­füllt den Kor­ri­dor der zur Ga­le­rie um­funk­tio­nier­ten Alt­bau­woh­nung. Auf ei­nem Bild­schirm er­zählt ein Text da­von, dass man sich im Wie­ner Club „GF“völ­lig ver­lie­ren und mit Un­be­kann­ten Kör­per­kon­takt ha­ben kön­ne, bis man im Mor­gen­grau­en auf die Stra­ße „aus­ge­spuckt“wer­de. Wow. Was für ei­ne coo­le, ab­grün­di­ge Stadt die­ses Wi­en doch sein muss.

Tat­säch­lich hat der USKünst­ler To­ny Co­kes sei­ne „Rei­se­no­ti­zen“im In­ter­net ge­sam­melt, wie er vor sei­ner In­stal­la­ti­on in der Ga­le­rie Na­ta­lie Hal­gand frei­mü­tig be­kennt. Wi­en ist eben nicht nur ein rea­ler Ort, son­dern auch ein Bün­del an Images, Pro­jek­tio­nen, Kli­schees – und als sol­ches welt­weit ab­ruf­bar.

Das Ga­le­ri­en­fes­ti­val „Cu­ra­ted by“pro­ji­ziert heu­er schon zum zehn­ten Mal die Bot­schaft, dass Wi­en ein tol­ler Platz für zeit­ge­nös­si­sche Kunst sei, in die Welt. Mit Er­folg: Die Zahl der Ku­ra­to­rin- nen und Ku­ra­to­ren, die jähr­lich ein­ge­la­den wur­den, Aus­stel­lun­gen zu kre­ieren, geht mitt­ler­wei­le in die Hun­der­te. Je­de die­ser Per­so­nen ist wie­der­um glo­bal ver­netzt und macht Künst­ler, Stu­die­ren­de, Samm­ler auf die Wie­ner Ga­le­ri­en­sze­ne auf­merk­sam. Mit Be­su­cher- oder Ver­kaufs­zah­len lässt sich die­ser Ef­fekt nicht ad­äquat mes­sen.

Doch was kommt tat­säch­lich nach Wi­en zu­rück? Die heu­ri­ge Aus­ga­be des Fes­ti- vals will die­se Fra­ge in­so­fern be­ant­wor­ten, als sie die ge­la­de­ne Ku­ra­to­ren­schar bat, ih­re ei­ge­nen Wi­en-Vor stel­lun­gen zum Maß­stab der Aus­stel­lungs gestal­tung zu­ma­chen. So ist ein viel­schich­ti­ges Spie­gel ka­bi­nett für Bli­cke „von au­ßen“und „von in­nen“ent­stan­den.

Bei Ga­b­rie­le Senn in der Schleif­mühl­gas­se et­wa such­te Ku­ra­tor Ge­org El­ben nach Echos des Wie­ner Ak­tio­nis­mus– und fand sie in aben­teu- er­lich ver­schnür­ten Ma­trat­zen von Kers­tin von Ga­bain oder bei Ene Liis-Sem­per, die in ei­nem Vi­deo buch­stäb­lich ein Kas­perl­thea­ter um ei­nen eri­gier­ten Pe­nis ar­ran­giert.

Bei Chris­ti­ne Kö­nig ne­ben­an re­giert die „Wie­ner Grup­pe“: Wort-Bild-Col­la­gen so­wie das Ra­dio­stück „Ophe­lia und die Wör­ter“von Ger­hard Rühm sind hier geis­tig ver­wand­ten Wer­ken von Su­san Ho­we oder Fe­li­cia At­kin­son ge­gen­über­ge­stellt.

In der Ga­le­rie Kargl wie­der­um sin­niert Wolf­gang Kos, Ex-Di­rek­tor des Wi­en Mu­se­ums, über die Stand­ort­fra­ge: Sei­ne Schau stellt die Rol­le Wi­ens als Tran­sit-Ort in den Mit­tel­punkt und er­in­nert zu­gleich an die Ak­ti­vi­tä­ten des im ver­gan­ge­nen Mai ver­stor­be­nen Ga­le­rie­grün­ders Ge­org Kargl. Die­ser hat­te noch im vor­di­gi­ta­len Zeit­al­ter mas­siv da­zu bei­ge­tra­gen, das Frei­haus-Vier­tel als Kunst- und Ge­schäfts­stand­ort zu eta­blie­ren.

Viel­ge­stal­ti­ge Sze­ne

Die Ga­le­ri­en­sze­ne selbst hat in den Jah­ren seit der Grün­dung des Fes­ti­vals frei­lich selbst ih­re Struk­tur ver­än­dert – jun­ge Play­er ka­men hin­zu, eta­blier­te Ga­le­ris­ten wie Krin­zin­ger und Hil­ger er­rich­te­ten De­pen­dan­cen ab­seits der be­kann­ten Grät­zel, „Mar­ken“wie die Ber­li­ner Ga­le­ri­en Cro­ne und Croy Niel­sen er­öff­ne­ten Wi­en-Fi­lia­len.

Für das Festival, das heu­er erst­mals nicht mehr un­ter dem or­ga­ni­sa­to­ri­schen Dach der Wie­ner Wirt­schafts­agen- tur statt­fin­det, son­dern von den Ga­le­ri­en selbst ver­wal­tet wird, wird sich in Zu­kunft die Fra­ge stel­len, wie ein re­gel­mä­ßi­ger Wech­sel in der Aus­stel­ler­lis­te un­ter Bei­be­hal­tung des Qua­li­täts­ni­veaus zu er­rei­chen ist.

In die­sem Sinn mar­kiert „Cu­ra­ted by“mit sei­nem Wi­en-The­ma heu­er auch ei­nen Mo­ment des Über­gangs – zwi­schen der Zen­tra­lis­mus und Fa­cet­tie­rung, der phy­si­schen Ver­an­ke­rung und der Vir­tua­li­sie­rung des­sen, was wir uns als „zeit­ge­nös­si­sches Wi­en“vor­stel­len.

Le­an­dro Ehr­lichs ver­spie­gel­tes „Ka­bi­nett des Psy­cho­ana­ly­ti­kers“bei „Krin­zin­ger Pro­jek­te“: Be­su­cher sind hier zu­gleich Be­trach­ter und Pa­ti­en­ten

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