Die Zer­reiß­pro­be für das Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reich

Re­pu­bliks­mu­se­um. Ot­to Hoch­rei­ters Kon­zept für die Neue Burg ist zwin­gend. War­um kam es nicht zum Zug?

Kurier (Samstag) - - KULTUR - VON THO­MAS TRENKLER

Im Pa­lais Nie­der­ös­ter­reich, dem ehe­ma­li­gen Land­haus in der Her­ren­gas­se von Wi­en, ist bis 31. Ok­to­ber ei­ne ex­zel­len­te Aus­stel­lung über die bru­tal nie­der­ge­schla­ge­ne Re­vo­lu­ti­on 1848 zu se­hen. Sie geht über ei­ne Chro­no­lo­gie der Er­eig­nis­se vom 11. Jän­ner bis zum 6. De­zem­ber je­nes Jah­res weit hin­aus: Gestal­ter Hans Hof­fer the­ma­ti­siert in ei­ner mäch­ti­gen In­stal­la­ti­on im Mar­schall­zim­mer die Aus- wir­kun­gen bis zum Zu­sam­men­bruch der Habs­bur­ger­mon­ar­chie und die Aus­ru­fung der Re­pu­blik. Der Geist von 1848 ha­be sich, so Ku­ra­tor Wolf­GanG Ma­dert­ha­ner, der Di­rek­tor des Staats­ar­chivs, in der Ver­fas­sung von 1918 „ma­te­ria­li­siert“.

Es ver­blüfft, wie schnell die Schau, ei­ne Ko­ope­ra­ti­on des Hau­ses der Ge­schich­te des Lan­des NÖ mit dem Ver­ein für Ge­schich­te der Ar­bei­terIn­nen­be­we­gung, auf Ba­sis der um­fang­rei­chen Re­vo­lu­ti­on-1848-Samm­lung von Her­bert St­ei­ner, dem Grün­der des Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­chivs des ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stan­des, rea­li­siert wur­de. Denn Hof­fer wur­de erst am 1. Ju­li be­auf­tragt.

Auch das im Ver­gleich win­zi­ge Bud­get von 125.000 Eu­ro er­staunt. Und ei­nen bes­se­ren Schau­platz als das Land­haus könn­te es nicht ge­ben. Denn dort tra­fen sich am13. März 1848 Stu­den­ten, um zu re­bel­lie­ren. Und eben­dort wur­de 70 Jah­re spä­ter die Re­pu­blik aus­ge­ru­fen.

Für Schmun­zeln sorgt zu­dem der Ti­tel „1848 – Die ver- ges­se­ne Re­vo­lu­ti­on“. Denn er kann als Sei­ten­hieb auf das Haus der Ge­schich­te der Re­pu­blik Ös­ter­reich ge­le­sen wer­den, das ge­gen­wär­tig in der Neu­en Burg am Hel­den­platz, we­ni­ge 100 Me­ter ent­fernt, ein­ge­rich­tet wird.

Im Jän­ner 2015 sag­te der vom da­ma­li­gen Kul­tur­mi­nis­ter Jo­sef Os­ter­may­er (SPÖ) mit dem Kon­zept be­auf­trag­te His­to­ri­ker Oli­ver Rath­kolb, dass der „lan­ge Weg in die De­mo­kra­tie the­ma­ti­siert“wer­den sol­le. Das Jahr 1848 mit sei­ner ge­schei­ter­ten bür­ger­lich-de­mo­kra­ti­schen Re­vo­lu­ti­on sei da­bei ein op­ti­ma­ler Aus­gangs­punkt. Auch für Os­ter­may­er war klar, dass der Schwer­punkt zwar der Zei­t­raum 1918 bis jetzt sein wer­de, „je­doch aus­ge­hend von 1848“. Das Team des Hau­ses der Ge­schich­te Ös­ter­reich – das Wort „Re­pu­blik“wur­de eli­mi­niert – dürf­te auf 1848 aber mehr oder we­ni­ger ver­ges­sen ha­ben. Die Er­öff­nungs­schau (ab 10. No­vem­ber) trägt den Ti­tel „Auf­bruch ins Un­ge­wis­se – Ös­ter­reich seit 1918“. Ge­gen­über der ApA er­klär­te Di­rek­to­rin Mo­ni­ka Som­mer: „Die Aus­stel­lung wird in sie­ben The­men in­ter­es­san­te Zu­gän­ge zu die­sem ös­ter­rei­chi­schen Jahr­hun­dert ver­han­deln.“

Die Zeit da­vor dürf­te schon auch ir­gend­wie vor­kom­men. Erst kürz­lich über­gab Na­tio­nal­rats­prä­si­dent Wolf­GanG So­bot­ka (ÖVP) als Leih­ga­be des Par­la­ments den „Kai­ser­lo­gen­be­hang“. Die­ser wird aber wohl nur als Ne­ga­tiv­fo­lie die­nen kön­nen. Denn Kai­ser Franz Jo­sef re­gier­te von 1848 an neo­ab­so­lu­tis­tisch, er mach­te erst spä­ter Zu­ge­ständ­nis­se – und er be­trat das 1883 er­öff­ne­te Par­la­ment, das ge­gen­wär­tig re­stau­riert wird, nur zwei Mal: an­läss­lich der Glei­chen­fei­er und bei der Be­sich­ti­gung des fer­ti­gen Baus.

Wel­che Ob­jek­te aber ste­hen für die Re­pu­blik? Die al­te Re­gie­rungs­bank aus dem Ho­hen Haus? Die Un­ter­zeich­nung des Staats­ver­tra­ges 1955 mit Mi­nia­tur-Man­derln aus Kork? Der Ted­dy ei­nes aus Un­garn ge­flüch­te­ten Mäd­chens aus dem Fol­ge­jahr? Das Mo­dell des Mu­se­ums­quar­tiers als Schen­kung des ehe­ma­li­gen ÖVP-Vi­ze­kanz­lers Er­hard Bu­sek, der ge­gen vie­le Wi­der­stän­de für die Er­rich­tung des Kul­turare­als ein­trat? Ei­ne Re­gen­bo­gen­fah­ne? Der Fuß­ball vom dies­jäh­ri­gen Match Ös­ter­reich ge­gen Deutsch­land?

Ver­zich­tet man dar­auf, sich dem We­sen der Re­pu­blik zu nä­hern? Be­schränkt man sich al­so auf ein Skur­ri­li­tä­ten­ka­bi­nett, das sich, wie das Ma­ga­zin pro­fiL be­rich­te­te, auch der De­mo­kra­ti­sie­rung Ugan­das wid­met?

Je mehr De­tails be­kannt wer­den, des­to dring­li­cher wird die Fra­ge, war­um nicht das Kon­zept von Ot­to Hoch­rei­ter zum Zug kam. Der Di­rek­tor des Gra­zer Stadt­mu­se­um hat­te vor­ge­schla­gen, die zen­tra­len Sät­ze der Ver­fas­sung als Aus­gangs­punkt zu neh­men: „Ös­ter­reich ist ei­ne de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik. Ihr Recht geht vom Volk aus. Al­le Staats­bür­ger sind vor dem Ge­setz gleich ...“

Hoch­rei­ter hät­te aber nicht nur die Schlüs­sel­be­grif­fe hin­ter­fragt, son­dern auch Ent­wick­lungs­li­ni­en skiz­ziert. An­hand des Sat­zes „Vor­rech­te der Ge­burt, des Stan­des und der Klas­se sind aus­ge­schlos­sen“zum Bei­spiel hät­te er die Si­tua­ti­on vor 1918, in der Ers­ten Re­pu­blik, in der NS-Zeit (als Ne­ga­ti­on) und in der Zwei­ten Re­pu­blik dar­ge­stellt. So wä­re er auch be­züg­lich Ge­schlecht und Be­kennt­nis ver­fah­ren.

ÖVP-Kul­tur­mi­nis­ter Ger­not Blü­mel scheint je­den­falls vom Haus der Ge­schich­te nicht rest­los be­geis­tert: Er äu­ßer­te sich bis­her nicht zur Zu­kunft (nach dem Ok­to­ber 2019). Ih­ren Tratsch-Part­ner wür­de es nicht wun­dern, wenn das KHM die Räu­me ab 2020 sel­ber nutz­te – und das Haus der Ge­schich­te nach der an­ge­droh­ten Eva­lu­ie­rung ins ehe­ma­li­ge Land­haus über­sie­del­te. Dort wur­de im­mer­hin die Re­vo­lu­ti­on 1848 an­ge­zet­telt – und die Re­pu­blik aus­ge­ru­fen.

Ein Aus­stel­lungs­ob­jekt des Hau­ses der Ge­schich­te Ös­ter­reich: Die Un­ter­zeich­nung des Staats­ver­trags 1955 im Bel­ve­de­re – en mi­nia­tu­re

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