Frie­dens­no­bel­preis an jun­ge Frau, die vom IS ver­sklavt wur­de

Ih­re An­wäl­tin Amal Cloo­ney mach­te sie be­kannt

Kurier (Samstag) - - TITELSEITE - VON SU­SAN­NE BOBEK

Os­lo. Der kon­go­le­si­sche Arzt De­nis Muk­we­ge und die je­si­di­sche Ak­ti­vis­tin Na­dia Mu­rad wer­den mit dem Frie­dens­no­bel­preis aus­ge­zeich­net. Sie ha­ben die Auf­merk­sam­keit der Welt auf sys­te­ma­tisch an­ge­wand­te se­xu­el­le Ge­walt im Krieg ge­lenkt. Muk­we­ge hat die Gräu­el der Bür­ger­krie­ge im Kon­go haut­nah er­lebt. Die 25-jäh­ri­ge Na­dia Mu­rad wur­de vom IS als Sex­skla­vin ver­kauft, konn­te sich be­frei­en und fand auf Initia­ti­ve des grü­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Win­fried Kret­sch­mann in Ba­den-Würt­tem­berg Asyl. Seit zwei Jah­ren wird sie von der Men­schen­rechts­an­wäl­tin Amal Cloo­ney ver­tre­ten. Sie ist Son­der­bot­schaf­te­rin der UNO und das Sprach­rohr der Je­si­din­nen.

Am 3. Au­gust 2014 en­de­te für die Je­si­din Na­dia Mu­rad das Le­ben, wie sie es bis­her kann­te. Trup­pen des IS über­fie­len ihr Dorf Kocho im Nor­den des Irak. Sie tö­te­ten die Äl­te­ren und ver­schlepp­ten die Jün­ge­ren. Klei­ne Bu­ben wur­den zu Sol­da­ten aus­ge­bil­det, Mäd­chen und jun­ge Frau­en als Sex-Skla­vin­nen ver­kauft.

Na­dia ver­lor an die­sem Tag 44 An­ge­hö­ri­ge und muss­te drei Mo­na­te Ver­ge­wal­ti­gun­gen, De­mü­ti­gun­gen und Fol­ter über sich er­ge­hen las­sen. Dann ge­lang ihr mit­hil­fe ei­ner Nach­bars­fa­mi­lie die Flucht. Seit da­mals lebt sie in Ba­den-Würt­tem­berg.

Vier Jah­re spä­ter ist die in­zwi­schen 25-Jäh­ri­ge das Ge­sicht für das Leid der Je­si­den, UN-Son­der­bot­schaf­te­rin und seit ges­tern Frie­dens­no­bel­preis­trä­ge­rin 2018.

Der an­de­re Preis­trä­ger, De­nis Muk­we­ge, 63, be­han­delt in sei­ner Hei­mat Kon­go im Bür­ger­krieg ver­ge­wal­tig­te Frau­en. Sei­ne gy­nä­ko­lo­gi­sche Sta­ti­on in Le­me­ra im Os­ten des Lan­des wur­de 1996 zer­stört. Der Arzt do­ku­men­tier­te, dass seit dem Ge­no­zid in Ruan­da 1994 Ver­ge­wal­ti­gung und Ver­stüm­me­lung von Frau­en sys­te­ma­tisch als Kriegs­waf­fe ein­ge­setzt wur­den.

Als Men­schen­recht­ler und füh­ren­der Ex­per­te setz­te er sich auf po­li­ti­scher Ebene jah­re­lang da­für ein, dass die­se Ver­bre­chen welt­weit als das ge­äch­tet wer­den, was sie sind: Kriegs­ver­bre­chen (UNO-Re­so­lu­ti­on 2008).

Ge­or­ge Cloo­neys Angst

Jetzt kommt auch Ge­or­ge Cloo­ney ir­gend­wie ins Spiel. Der Hol­ly­wood-Beau hat­te näm­lich ei­ne Hei­den­angst, als sei­ne Frau, die Men­schen- rechts­an­wäl­tin Amal, vor zwei Jah­ren die Ver­tre­tung von Na­dia Mu­rad vor dem In­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof in DenHaag über­nahm. Der IS hat­te Na­dia auch in Ba­den-Würt­tem­berg, wo sie heu­te lebt, mehr­mals Dro­hun­gen zu­ge­stellt: „Wir krie­gen Dich.“

„Ver­gli­chen mit dem, was Na­dia bis heu­te im­mer noch durch­macht“, sei das Ri­si­ko für sie ver­gleichs­wei­se ge­ring, be­ton­te Amal Cloo­ney in ei­nem In­ter­view mit dem USSen­der NBC. Na­tür­lich hät­te sie sich vor­her mit Ge­or­ge ab­ge­spro­chen: „Wir sind uns bei­de be­wusst, dass die­ser Fall mit Ri­si­ken ver­bun­den ist.“

Kret­sch­manns Zug

Es war ein klu­ger Schach­zug des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Ba­den-Würt­tem­berg, Win­fried Kret­sch­mann, für sei­nen Schütz­ling Na­dia Mu­rad die schil­lern­de Star­an­wäl­tin aus Bei­rut zu en­ga­gie­ren. Der Grü­ne Mi­nis­ter­prä­si­dent setzt sich für ein Je­si­din­nenPro­jekt ein, das der Psy­cho­lo­ge Jan Il­han Ki­zil­han lei­tet. Doch der sorg­te sich erst ein­mal: „Wenn Na­dia al­lei­ne ist, ist sie ei­ne un­schein­ba­re, schwa­che Frau.“Doch die strah­len­de Amal Cloo­ney ma­nag­te sie pro­fes­sio­nell. Als UN-Son­der­bot­schaf­te­rin stan­den Na­dia al­le Tü­ren of- fen. Das Leid der Je­si­den wur­de end­lich The­ma und Na­dia ei­ne Art Ma­la­la Yousaf­zai, die in­zwi­schen 21-jäh­ri­ge Kin­der­rechts­ak­ti­vis­tin aus dem pa­kis­ta­ni­schen Swat-Tal, die für Mäd­chen­schu­len kämpf­te und auf dem Schul­weg in den Kopf ge­schos­sen wur­de.

Nach­dem be­kannt ge­wor­den war, dass Na­dia Mu­rad den No­bel­preis er­hal­ten wür­de, gra­tu­lier­te Kret­sch­mann um­ge­hend: „Die­se un­glaub- lich star­ke, jun­ge Frau mach­te uns al­len deut­lich, dass sie sich nicht als Op­fer des so­ge­nann­ten ,Is­la­mi­schen Staa­tes’ ver­ste­hen woll­te, son­dern als Über­le­ben­de mit Mut und Wür­de“, be­ton­te er ges­tern. „Auch wei­ter­hin wer­den wir Na­dia Mu­rad ei­ne Hei­mat in un­se­rem Land bie­ten, sie be­schüt­zen und in ih­re Auf­ga­ben als UN-Son­der­bot­schaf­te­rin un­ter­stüt­zen.“

Na­dia Mu­rad und Amal Cloo­ney bei der UNO in New York

Amal Cloo­ney und Na­dia Mu­rad: Die Men­schen­rechts­an­wäl­tin ver­tritt die jun­ge Je­si­din und ma­nagt sie

Na­dia Mu­rad beim Papst, mit Kanz­ler Kurz bei der OSCE-Kon­fe­renz in Wi­en: „Der IS hält im­mer noch 3000 Frau­en ge­fan­gen“

Arzt De­nis Muk­we­ge: „Se­xu­el­le Ge­walt ist ein Kriegs­ver­bre­chen“

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