BÜ­CHER

Wenn er/sie mit 70 ver­kün­det, al­lein le­ben zu wol­len, hat man den Part­ner nicht gut ge­kannt.

Kurier (Samstag) - - KULTUR - VON PE­TER PI­SA

Nur ein äl­te­res Ehe­paar.

Pen­sio­nis­ten bei­de, er war Ar­chi­tekt, sie Leh­re­rin, der Sohn ist nach Ka­na­da aus­ge­wan­dert und ver­hei­ra­tet und hat selbst ei­nen Sohn.

Sie ha­ben sich noch et­was zu sa­gen, sie dis­ku­tie­ren mit­ein­an­der, sie scher­zen ...

Er: „Letz­te Nacht ha­be ich ei­nen schreck­li­chen Krampf be­kom­men. Du hast fest ge­schla­fen.“

Sie: „Scha­de, dass den ver­passt ha­be.“

Zu­kunft

ich Nur ein äl­te­res Ehe­paar aus Glas­gow, das sich ein ver­län­ger­tes Wo­chen­en­de in Ams­ter­dam gönnt.

Das am Am­s­tel­ka­naal es­sen geht und nach Be­such im An­ne-Frank-Haus drin­gend ei­ne Pau­se be­nö­tigt.

Stel­la und Ger­ry. Sie ha­ben ein­an­der nicht satt. Könn­te man glau­ben, wenn sie über ih­re Ver­gan­gen­heit re­den, die in die 1950er zu­rück­reicht.

Bis er sie fragt: „Wie siehst du die Zu­kunft?“Bis sie ant­wor­tet: „Oh­ne dich.“

„Schnee in Ams­ter­dam“ist der ers­te Ro­man des Nord­iren Ber­nard MacLa­ver­ty seit 16 Jah­ren. Ab­stand ist sein The­ma. Nur ein äl­te­res Ehe­paar braucht er, um Es­sen­zi­el­les an­zu­spre­chen. Was passt Stel­la nicht an Ger­ry?

Er ist ei­ne Ner­ven­sä­ge. Und er ist Al­ko­ho­li­ker ge­wor­den, der am Abend drei, vier Glä­ser Whis­ky ha­ben muss (und un­ter­tags auch).

Im­mer­hin ver­gisst Ger­ry auf ih­re Lieb­lings­bon­bons sel­ten; und hört er laut Bach, ver­wen­det er im­mer Kopf­hö­rer ...

MacLa­ver­ty än­dert, das geht so bruch­los, stän­dig die Sicht­wei­se. Ein­mal ist man ganz bei Stel­la, ein­mal Ger­ry – was an­stren­gen­der ist. Denn wenn er sich aufs Flug­ha­fen­klo setzt, be­kommt er Pa­nik, weil die Mu­schel um ei­ni­ge Mil­li­me­ter nied­ri­ger ist als da­heim.

Ist man ganz bei Stel­la, wird man et­was er­fah­ren, das nicht ein­mal Ger­ry weiß.

Bei­de stam­men aus Nord­ir­land. Pro­ble­me in ih­rer Ehe ha­ben auch mit den Pro­ble­men in der Welt zu tun.

Stel­la ge­riet in Bel­fast in ei­ne Schie­ße­rei zwi­schen Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten. Mit Bauch­schuss lag sie auf der Stra­ße. Sie war schwan­ger. Das Ba­bys in ih­rem Bauch dürf­te sich, als die Ku­gel kam, ge­duckt ha­ben. Es blieb un­ver­letzt.

Ru­he

Des­halb meint sie, in Got­tes Schuld zu ste­hen. Des­halb kniet sie heim­lich vor de­mZu­bett­ge­hen und be­tet. Des­halb, und das hat sie nie je­man­dem an­ver­traut, hat sie sich ge­schwo­ren, Gott et­was zu­rück­zu­ge­ben.

Es kann ja nicht al­les sein, Ger­ry zu ver­arz­ten, wenn er in der Ba­de­wan­ne aus­ge­rutscht ist. Oder im Ho­tel an der Hand zu neh­men, wen­ner das Zim­mer nicht fin­det.

Sie: „Ich möch­te dich ver­las­sen, aber ich weiß nicht, wie ich es an­stel­len soll.“

MacLa­ver­ty ver­brei­tet im Ro­m­antrotz der Span­nun­gen ei­ne Ru­he, die es er­mög­licht, sich selbst mit Le­bens­wich­ti­gem zu be­schäf­ti­gen.

„Hät­test du et­was da­ge­gen, wenn ich – oder mei­ne Asche – mit dir be­gra­ben wür­de?“

„Falls du im­mer noch trinkst, möch­te ich dich nicht in mei­ner Nä­he ha­ben.“

„Wenn ich tot bin, wer­de ich dem Al­ko­hol de­fi­ni­tiv ent­sagt ha­ben.“

In die­sem Fall, so ver­spricht Stel­la, wer­de sie ein Stück rü­cken.

Ber­nard Mac La­ver­ty, 76, ist seit 50 Jah­ren ver­hei­ra­tet

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