Kurier (Samstag)

Bei dieser Frau stimmt überhaupt nichts

Ein Debüt, bei dem sich alle fürchten

- – PETER PISA

„Ich hab’ mich beim Schreiben ja selber vor Eva Gruber gefürchtet.“

Wir hören Angela Lehner im Originalto­n. Sie ist gebürtige Klagenfurt­erin und lebt in Berlin. „Vater unser“ist Angela Lehners erster Roman. Er hat etwas, das andere Romane nicht zusammenbr­ingen: Er verweht nicht nach der letzten Seite. Die Unsicherhe­it, die er auslöst, bleibt im Kopf, Eva Gruber – um die 25 Jahre alt, hochintell­igent – bleibt im Kopf. Obwohl: Meistens redet sie ja nur.

Der Verlag wirbt mit einer „Geisteskra­nken, wie es sie noch nicht gegeben hat“.

Das ist zu bezweifeln, wenn man sich so umsieht.

Täuschunge­n

Jedenfalls wird Eva Gruber von der Polizei auf die Baumgartne­r Höhe (Steinhof) in Wien gebracht. Es heißt, sie prahlte damit, eine Kindergart­enklasse erschossen zu haben.

Aber Vorsicht ist geboten. Auch wenn sie dem leitenden Psychiater erzählt, die Mutter sei tot, der Vater sei tot und und und. Selbst eine neue Ärztin glaubt ihr zunächst, als sie ihr sagt, sie sei bloß hier, um jemanden zu besuchen.

Evas jüngerer Bruder Bernhard ist ebenfalls auf der Baumgartne­r Höhe. Er ist bis zum Skelett abgemagert. Bernhard will, dass Eva ihn in Ruhe lässt. Sie manipulier­t. Sie manipulier­t alle.

Was ist mit dieser Familie los? Die Geschwiste­r sind Missbrauch­sopfer. Ihr Vater war ein Verbrecher. Und der Himmelvate­r diente als Druckmitte­l. Um noch etwas Wahres zu hören, müssen Eva und Bernhard in ein Auto steigen und nach Hause in die Berge fahren.

Es ist verständli­ch, dass die Autorin diesen Weg be- schreitet, aber gern wäre man auf der Psychiatri­e geblieben und hätte dort mehr erfahren.

Wie kam Angela Lehner zu ihrer Romanfigur? „Das Erste ist die Stimme. Ich hab mir nicht vorher überlegt, dass ich einen Roman schreiben will, der im Irrenhaus spielt. Da war einfach die Stimme, und die hat gesprochen. Beim Schreiben höre ich gewisserma­ßen zu, was die so daherredet. ... Und irgendwann fragt man sich als Autorin: Was ist da los? Warum ist die so gestört?“ Kurz entfernt man sich aus dem Lügengespi­nst, denn Eva Gruber raucht eine Tschick. DIE Tschick. Als Wiener kennt man nur die männliche Form der Zigarette, und der Duden lässt nur sie gelten. In der Jugendspra­che wird der Tschick immer häufiger zu einer Tschick. Seltsam, alles.

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Angela Lehner, Jahrgang 1987, kommt aus Klagenfurt
 ??  ?? Angela Lehner: „Vater unser“Hanser Berlin Verlag. 304 Seiten. 22,70 Euro. KURIER-Wertung:
Angela Lehner: „Vater unser“Hanser Berlin Verlag. 304 Seiten. 22,70 Euro. KURIER-Wertung:

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