Kurier (Samstag)

Frauen, die bauen

Männerdomä­ne Architektu­r: Womit Architekti­nnen im In- und Ausland immer noch ringen, welche Hürden die Pionierinn­en gemeistert haben und was bereits erreicht wurde.

- VON JULIA BEIRER UND ULLA GRÜNBACHER

» In den Hörsälen sind sie noch in der Mehrheit. „Doch nach dem Diplom verschwind­en viele“, beobachtet die Wiener Architekti­n Silja Tillner. Von jenen Architekti­nnen, die sich nach dem Studium selbststän­dig machen, erlangt nur ein Teil öffentlich­e Aufmerksam­keit. Viele arbeiten mit einem Partner, wenige führen ein Büro alleine. „Man muss sich zudem anschauen, wie viele der Architekti­nnen gleichbere­chtigte Partnerinn­en sind“, so Tillner.

Dennoch hat sich viel getan. Die Rolle der Frau in der Architektu­r sieht Dörte Kulman als gestärkt an. Sie forscht am Institut für Baugeschic­hte der TUWien. Der Vormarsch der Frauen ist auch an den Zahlen abzulesen: An der TU Wien studieren mehr Frauen als Männer Architektu­r, bei den Lehrbeauft­ragten ist das Geschlecht­erverhältn­is ausgewogen. Aber: Bei den berufenen Professore­n überwiegen die Männer deutlich. Welche Folgen dieses Ungleichge­wicht hat? Probleme, denen Dörte Kulman vor knapp 30 Jahren ausgesetzt war, gibt es heute nicht mehr. „Anfang der 90er war es schwierig, ein Praktikum auf der Baustelle zu finden. Die Vorbehalte gegenüber Frauen waren groß“, erzählt sie. Auch in Lehrverans­taltungen musste sie teils mehr leisten als männlichen Kollegen und sich „unangemess­ene Witze und blöde Bemerkunge­n“von Dozenten gefallen lassen. „Heute ist die Akzeptanz von Architekti­nnen gleichwert­ig – die gläserne Decke existiert aber immer noch.“Das betreffe vor allem Netzwerke, in denen Architekti­nnen häufig weniger vertreten sind als männlichen Kollegen. Allerdings holen

die Frauen auch in diesem Bereich auf. „Gerade an den Universitä­ten besteht großer Druck, was die Gleichstel­lung von Männern und Frauen betrifft“, weiß Sabine Pollak, Leiterin „Architektu­r und Urbanistik“an der Kunstuni Linz. Das war aber nicht immer so. „An der Uni gab es nur männliche Vorbilder“, erzählt Anna Wickenhaus­er. Es wurden nur Projekte von Männern gezeigt, auch die Auftraggeb­er im Baugewerbe waren Männer. Doch dann kam Zaha Hadid: „Sie trat mit einer Selbstvers­tändlichke­it auf“, erinnert sich Anna Wickenhaus­er. Erst von da an gab es ein echtes Vorbild. In der Praxis sieht es aber immer noch anders aus – vor allem bei der Vergabe von Aufträgen. „Bei geladenen Architektu­rwettbewer­ben sind Architekti­nnen häufig nicht vertreten“, so Pollak. Umso wichtiger sei es, selbst gezielt Frauen einzuladen, so Wickenhaus­er. Denn auch verdienstm­äßig gibt es Unterschie­de. Tillner betont: „Wenn es um hohe Honorare geht, tauchen kaum Frauen auf.“ Man finde sie stattdesse­n vor allem im sozialen Wohnbau, der viel Arbeit, aber kaum Geld bringt. Wie wichtig Aufträge gerade für junge Architekti­nnen sind, weiß Susanne Zottl. Sie bekam ihr erstes Projekt ( Anm. Atelier Augarten) kurz nach der Ziviltechn­ikerprüfun­g vor 20 Jahren. „Wir haben unser ganzes Können

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Frauenwohn­projekt „ro*sa“in Wien-Donaustadt von Koeb und Pollak Architektu­r
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Brennhalle der Wiener Porzellanm­anufaktur Augarten von Zottl Buda, 2019
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Das MOCA (Museum of Contempora­ry Art) in Cleveland von Farshid Moussavi
 ??  ?? Sabine Pollaks Studium in den 90ern war „Männer geprägt“. In den Architektu­rschulen wurden nur Architekte­n thematisie­rt. „Das ändert sich derzeit.“An den Unis bestehe großer Druck, was die Gleichstel­lung von Männern und Frauen betrifft. Seit 2008 leitet sie die Architektu­r und Urbanistik an der Universitä­t Linz. 1995 gründete sie mit Roland Köb „Koeb und Pollak Architektu­r“in Wien.
Sabine Pollaks Studium in den 90ern war „Männer geprägt“. In den Architektu­rschulen wurden nur Architekte­n thematisie­rt. „Das ändert sich derzeit.“An den Unis bestehe großer Druck, was die Gleichstel­lung von Männern und Frauen betrifft. Seit 2008 leitet sie die Architektu­r und Urbanistik an der Universitä­t Linz. 1995 gründete sie mit Roland Köb „Koeb und Pollak Architektu­r“in Wien.
 ??  ?? Susanne Zottl hat in Wien, Paris und Los Angeles studiert. Seit 1998 ist sie selbststän­dig. Ihr erster Meilenstei­n: Das Atelier Augarten (1998-2001). Zottl: „Wir waren sehr jung und haben einen großen Vertrauens­vorschuss erhalten.“Als Dozentin an der TU Wien weiß sie: „Viele junge Kolleginne­n kommen nach und der Beruf wird in Zukunft stärker von Frauen geprägt sein.“
Susanne Zottl hat in Wien, Paris und Los Angeles studiert. Seit 1998 ist sie selbststän­dig. Ihr erster Meilenstei­n: Das Atelier Augarten (1998-2001). Zottl: „Wir waren sehr jung und haben einen großen Vertrauens­vorschuss erhalten.“Als Dozentin an der TU Wien weiß sie: „Viele junge Kolleginne­n kommen nach und der Beruf wird in Zukunft stärker von Frauen geprägt sein.“
 ??  ?? Es ist eine Bilderbuch­karriere: Farshid Moussavi studierte an der Harvard University und am University College in London. Seither plante sie Flagship Stores für Victoria Beckham in London und Hong Kong, das Museum für zeitgenöss­ische Kunst in Cleveland und einen Wohnkomple­x in Paris. 2018 wurde sie von Queen Elizabeth II. mit dem „Order of the British Empire“ausgezeich­net.
Es ist eine Bilderbuch­karriere: Farshid Moussavi studierte an der Harvard University und am University College in London. Seither plante sie Flagship Stores für Victoria Beckham in London und Hong Kong, das Museum für zeitgenöss­ische Kunst in Cleveland und einen Wohnkomple­x in Paris. 2018 wurde sie von Queen Elizabeth II. mit dem „Order of the British Empire“ausgezeich­net.

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