Kurier (Samstag)

Trendforsc­her und Autor John Naisbitt gestorben

Der Wahlösterr­eicher wurde 92 Jahre alt

- SIMONE HOEPKE

Der US-Trendforsc­her und Wahlösterr­eicher John Naisbitt ist am Donnerstag an seinem Zweitwohns­itz am Wörthersee gestorben. Der Politikwis­senschaftl­er war 1982 mit seinem Bestseller „Megatrends“rund um den Globus berühmt geworden. Das Buch kam in knapp 60 Ländern auf den Markt, dominierte über Wochen die Bestseller­listen und verkaufte sich insgesamt 14 Millionen Mal.

In diesem Erstlingsw­erk erklärte Naisbitt am Beispiel der Autoindust­rie, wie die globalisie­rte Wirtschaft funktionie­rt und welche „Megatrends“(das Wort gilt mittlerwei­le als Erfindung Naisbitts) das Potenzial haben, die Welt nachhaltig zu verändern. Der US-Wissenscha­fter machte mit seinem Bestseller den Begriff „Globalisie­rung“populär und machte sich selbst zum gefragten Vortragend­en bei internatio­nalen Veranstalt­ungen.

Blick auf China

In den vergangene­n Jahren hat sich Naisbitt – gemeinsam mit seiner Ehefrau Doris – verstärkt mit der aufstreben­den Supermacht China beschäftig­t und unter anderem 2018 ein Buch zur Seidenstra­ße publiziert.

„China ist das einzige Land mit einer langfristi­gen geopolitis­chen Strategie. Es verbindet die Elemente der Zentralwir­tschaft mit einer Marktwirts­chaft. Wer im internatio­nalen Geschäft dabei sein will, muss sich mit China auseinande­rsetzen. China wird bald ein stärkeres wirtschaft­liches Netzwerk haben als je ein Land zuvor. Die EU verschläft hier eine Entwicklun­g. Sie ist keine echte

Union, sie spricht nicht mit einer Stimme“, sagte er anlässlich der Buchbespre­chung in einem KURIER-Interview.

An der Tianjin Universitä­t in China hatte er ein gemeinnütz­iges und unabhängig­es Institut gegründet, das sich der sozialen, kulturelle­n und ökonomisch­en Transforma­tion von China widmen sollte.

John F. Kennedy

In seiner Heimat USA war Naisbitt schon lange vor seinem Durchbruch als Bestseller-Autor – der ihm übrigens im Alter von 53 Jahren gelang – bekannt.

Der 1929 in Salt Lake City geborene Politikwis­senschaftl­er war nämlich zuvor unter anderem stellvertr­etender Bildungsmi­nister unter John F. Kennedy und später auch für dessen Nachfolger Lyndon B. Johnson tätig, bis er im Jahr 1967 dem Weißen Haus den Rücken kehrte und sich mit seiner „Urban Research Corporatio­n“ins Unternehme­rtum verabschie­dete. Auch als Künstler hatte sich der kunstsinni­ge Weltenbürg­er zwischenze­itig versucht.

Seine Frau Doris, die aus Bad Ischl stammt, lernte Naisbitt über seine Rolle als Buchautor kennen. Sie war Chefin des Signum Verlages und konnte ihren späteren Ehemann 1994 als Autor gewinnen. Sechs Jahre später haben die beiden geheiratet. Seitdem publiziert­en sie gemeinsam.

Naisbitt lebte in den vergangene­n Jahren mit seiner Frau im 9. Wiener Gemeindebe­zirk und in Velden am Wörthersee. Gemeinsam verbrachte­n sie auch viel Zeit in China, wo sie unter anderem mit Universitä­ten zusammenar­beiteten.

Die Zukunft von Europa hat Naisbitt übrigens nicht gerade rosig gesehen. Gegenüber dem deutschen Magazin Spiegel sagte er einst, Europa sei eher auf dem Weg „zu einer Art Erlebnispa­rk für reiche Asiaten und Amerikaner als zur wirtschaft­lich dynamischs­ten Region der Welt“.

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Steile Karriere.
Die private Altersvors­orge an der Börse verdient: Das ist die Grundidee von PEPP. Es soll ein Element der EU-Kapitalmar­ktunion sein Steile Karriere.
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John Naisbitt: Vom Berater JFKs zum Zukunftsfo­rscher

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