„Ich bin ei­ne Nomadin“

Cou­ra­giert & en­ga­giert. Die äl­tes­te Toch­ter von Karl Ka­ha­ne hilft Frau­en in Mar­ra­kesch, ist nicht gläu­big, Om­buds­mann der jü­di­schen Ge­mein­de in Wi­en und bei sich zu Hau­se.

Kurier - - MEIN SONNTAG - VON JO­HAN­NA HA­GER (TEXT) UND JÜRG CHRISTANDL (FO­TOS)

Stif­tung

Sie spricht Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Italienisc­h flie­ßend. Zu­dem ein biss­chen Spa­nisch. He­brä­isch ha­be sie lei­der viel ver­ges­sen. Sie spricht an­ge­nehm lei­se. Be­dacht, aber nicht be­däch­tig. Sie ist Patri­cia Ka­ha­ne.

Die äl­tes­te Toch­ter des Un­ter­neh­mers und Pa­ra­de-In­dus­tri­el­len Karl Ka­ha­ne (1920–1993), der un­ter an­de­rem durch den Er­folg der Bank Gutmann AG, der Do­nau Che­mie AG und der Jung­bunz­lau­er AG zeit­le­bens ei­ner der reichs­ten Ös­ter­rei­cher war. Je­ner Karl Ka­ha­ne, der sich – auch kraft und dank sei­ner Freund­schaft zu Bru­no Kreis­ky – für die Frie­dens­po­li­tik im Is­ra­el-Pa­läs­ti­na-Kon­flikt en­ga­gier­te. Ein The­ma, auf das die 61-jäh­ri­ge Toch­ter auch im KU­RIER-In­ter­view bald zu spre­chen kommt.

Zu­nächst geht es um ih­re Wahl­hei­mat Mar­ra­kesch und die 1990erJah­re. Patri­cia Ka­ha­nes Toch­ter, die an ei­ner schwe­ren Seh­be­hin­de­rung lei­det, war da­mals fünf Jah­re alt. „Ihr hat es dort so gut ge­fal­len, weil es dort warm ist und im Ge­gen­satz zu an­de­ren süd­li­chen Län­dern die Häu­ser nicht weiß ge­tüncht, son­dern ter­ra­cot­ta­far­ben sind und ih­re Au­gen nicht blen­de­ten.“Aus ei­nem Ur­laub wur­den meh­re­re Auf­ent­hal­te pro Jahr. Da­mit ein­her ging der Kauf ei­nes Hau­ses und ei­ne Er­kennt­nis: „Man kann dort nicht ein­fach Ur­laub ma­chen. Ich hat­te das Be­dürf­nis et­was zu tun. Für Frau­en.“ Das An­sin­nen, mit Geld der Karl-Ka­ha­ne-Stif­tung in ei­nem Zen­trum für be­hin­der­te Män­ner auch ei­nen Ar­beits­raum für Frau­en zu schaf­fen, ging schief, er­zählt Ka­ha­ne un­ver­hoh­len und hu­mor­voll. „Die­sen Raum hat es nie ge­ge­ben. Statt­des­sen kam uns der klei­ne Chef dort in ei­nem wun­der­ba­ren elek­tri­schen Roll­stuhl ent­ge­gen. Da ha­be ich ge- wusst: Wir ma­chen et­was ei­ge­nes.“

Ge­wor­den ist dar­aus trotz vie­ler „so­zio­kul­tu­rel­ler Un­ter­schie­de, müh­sa­mer Be­hör­den­gän­ge und Auf­la­gen ei­ne nicht auf Ge­winn aus­ge­rich­te­te Gm­bH. Ei­ne So­ci­al En­ter­pri­se, in der man die Frau­en an­stel­len kann.“20 Sti­cke­rin­nen und Nä­he­rin­nen, mit un­ter­schied­li­chen Ge­bre­chen von Ge­burt aus oder durch Con­ter­gan oder Kin­der­läh­mung ver­ur­sacht, sind bei Al Nour so­zi­al­ver­si­chert. Ver­die­nen ihr ei­ge­nes Geld. Zwi­schen 200 und 500 Eu­ro. Der ge­setz­li­che Min­dest­lohn be­trägt 200 Eu­ro. „Ein Brot kos­tet ei­nen Dir­ham, um­ge­rech­net 9 Cent.“

Wunsch­traum

Durch Ka­ha­nes En­ga­ge­ment er­hal­ten sie zu­dem die Chan­ce, sich fort­zu­bil­den. „Eng­lisch- und Fran­zö­sisch-Kur­se. Zwei Frau­en wer­den nächs­tes Jahr ei­nen Buch­hal­tungs­kurs ma­chen. Mein Wunsch­traum ist, und ich weiß nicht, ob er in Er­fül­lung ge­hen wird, dass nach ins­ge­samt acht Jah­ren die­se Gm­bH in ei­ner noch zu de­fi­nie­ren­den Form den Frau­en kol­lek­tiv über­tra­gen wird. Ich wer­de ja auch nicht jün­ger.“

Alt wirkt Patri­cia Ka­ha­ne nicht. Viel­mehr und im bes­ten Sin­ne al­ters­los und un­ge­heu­er ge­las­sen. Täuscht der Ein­druck der Ge­las­sen­heit? „Das bin ich wahr­schein­lich ge­wor­den. Im Lau­fe der Zeit lernt man­zu un­ter­schei­den: Was ist wich­tig? Was ist drin­gend? Was ist wich­tig und drin­gend?“Ka­ha­ne, mit eben­die­ser Fra­ge kon­fron­tiert, schmun­zelt und sagt: „Wich­tig und drin­gend ist, et­was we­ni­ger zu ma­chen. Ich bin jetzt über 60 und ha­be das Ge­fühl, ich möch­te ei­ni­ge Din­ge ab­bau­en, um mich auf an­de­re zu kon­zen­trie­ren.“

Kon­zen­trie­ren muss sie sich, wie ih­re jün­ge­ren Ge­schwis­ter Emil Alex­an­der und Ma­rie-Ro­se auf ih­re Tä­tig­kei­ten als Auf­sichts- be­zie­hungs­wei­se Ver­wal­tungs­rat bei der Bank Gutmann AG in Wi­en und der Jung­bunz­lau­er AG in Ba­sel. „Dann bin ich noch im­mer auf ei­ner po­li­ti­schen Ebe­ne in der jü­di­schen Ge­mein­de in Wi­en ak­tiv. Auch, um zu ver­su­chen, ein we­nig mehr Welt­of­fen­heit hin­ein­zu­brin­gen.“

Welt­of­fen­heit

Was sie da­mit kon­kret meint, um­schreibt sie so: „Die Men­schen in zwei­ter, drit­ter Ge­ne­ra­ti­on nach dem Ho­lo­caust ha­ben im­mer noch sehr schnell Angst. Und wenn man Angst ver­spürt, kommt man sehr leicht in die De­fen­si­ve.“Ei­ne Hal­tung, die ihr nicht be­hagt und sie nicht hat, wird man als Ge­gen­über das Ge­fühl nicht los.

We­der in Ma­rok­ko, wo­sie durch­schnitt­lich ei­ne Wo­che im Mo­nat ver­bringt, um auch bei den Sti­cke­rin­nen nach dem Rech­ten zu se­hen, noch in Ba­sel, wo die Bü­ros der Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mun­gen sind. Noch in Ös­ter­reich. „Im De­zem­ber bin ich für die Sit­zun­gen der Bank Gutmann hier, dann beim Weih­nachts­markt für die Al-Nour-Sti­cke­rei­en im Mu­se­umsQuar­tier. Und hier in Wi­en bin ich zu­dem seit 25 Jah­ren Om­buds­mann im jü­di­schen Al­ters­heim“.

Au­then­ti­zi­tät

Die en­ga­gier­te Frau mit der lei­sen Stim­me hat auf die Fra­ge, wo sie sich zu Hau­se fühlt, ei­ne Ant­wort pa­rat. Ei­ne Ant­wort, die oh­ne jed­we­des Pa­thos ob ih­rer Au­then­ti­zi­tät stumm macht. „Bei mir. Ich sa­ge im­mer: ,Ich kann über­all sein. Ich bin ei­ne Nomadin und ha­be im­mer ei­ne gro­ße Hand­ta­sche bei mir. Dar­in sind die Din­ge, die mir wich­tig sind, für den Fall, dass ich sie brau­che.“Jetzt am klei­nen Tisch braucht sie ei­ne Zi­ga­ret­te und ei­ne Do­se Co­la Light, die sie aus eben je­ner Ta­sche zieht. Ein Zug an der Zi­ga­ret­te, ehe die Glau­bens­fra­ge ge­stellt wird. „Ich bin kein gläu­bi­ger Mensch.“Ei­ne Ant­wort, die kurz ver­dutzt, aber nicht im Wi­der­spruch zu ih­rem En­ga­ge­ment mit­tels der Karl-Ka­ha­ne-Stif­tung steht. Ge­meint sind un­ter an­de­ren die Un­ter­stüt­zung des Kreis­ky-Fo­rums für In­ter­na­tio­na­len Dia­log in Form von Dia­log-Grup­pen – „Das sind ge­schlos­se­ne Wo­che­n­en­den, drei, vier Mal im Jahr. Dia­lo­ge auf ei­ner re­la­tiv ho­hen in­tel­lek­tu­el­len Ebe­ne. Die Hoff­nung ist, dass man ir­gend­wann ein ge­mein­sa­mes Pa­pier pu­bli­ziert.“Und in Je­ru­sa­lem. „Seit 25 Jah­ren un­ter­stüt­zen wir mit 80 bis 120.000 Eu­ro das Ha­das­sah-Spi­tal. Die Idee ist, wie bei so vie­len Pro­jek­ten, die Hil­fe zur Selbst­hil­fe. In die­sem Fall fi­nan­zie­ren wir Fach­arzt­aus­bil­dun­gen für pa­läs­ti­nen­si­sche Me­di­zi­ner. Neu­ro­lo­gen, Haut­ärz­te, Chir­ur­gen. Manch­mal ist auch ein Psych­ia­ter da­bei, ob­wohl das in die­sem Kul­tur­kreis nicht so ger­ne ge­se­hen wird“, sagt sie. Lacht sie.

Ein La­chen, das wie­der­kehrt, als sie über ih­re Zeit in Is­ra­el spricht. „Als jun­ge Frau, in mei­nen 20ern, ha­be ich in Is­ra­el ge­lebt, im da­ma­li­gen Tou­ris­mus-Mi­nis­te­ri­um ge­ar­bei­tet. Ir­gend­wann bin ich straf­ver­setzt wor­den in die In­for­ma­ti­ons­stel­le, wo die Men­schen nach dem nächs­ten Bus fra­gen.“

Le­bens­weg

Zu­vor stu­dier­te sie an der L’Eco­le d’in­ter­prè­tes de Genè­ve in der Schweiz. „Ich ha­be das Über­set­zungs­di­plom ge­macht und Ge­schich­te und Jus stu­diert, da ein Zweit­fach Be­din­gung war. Aber das ist auch schon ein Zeitl her.“Eben­so wie ih­re Lek­to­rats­ar­bei­ten für den Mol­den-Ver­lag und ih­re Zeit mit dem Me­du­sa-Ver­lag, den sie nach der Ge­burt ih­res Soh­nes ver­kauf­te. „Mein Sohn ist mitt­ler­wei­le 30.“Und in die Un­ter­neh­mun­gen der Ka­ha­nes in­vol­viert?

„Ich las­se mei­nen Kin­dern die Wahl. So wie uns drei Ge­schwis­tern die Aus­bil­dung und der Be­rufs­weg frei stan­den. „Je­der soll­te idea­ler­wei­se in sei­nem Le­bens­weg zu­frie­den sein. Ich bin sehr sehr dank­bar.“Das strahlt die Nomadin Ka­ha­ne auch aus.

Ti­sch­wä­sche aus Ma­rok­ko wie Ser­vi­et­ten, Tisch­de­cken von Al Nour

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