Kurier

Wozu Menschen auf einmal fähig sind

Die einen helfen bis zu Erschöpfun­g, die anderen lassen ihrem Hass freien Lauf. Der KURIER weiß, wo er hingehört.

- HELMUT BRANDSTÄTT­ER

Wie gespalten unsere Gesellscha­ft im Moment ist, erlebt die KURIER-Redaktion ganz besonders intensiv. Da kommt viel Zustimmung von Organisati­onen und Menschen, die sich großartig um die Flüchtling­e kümmern, weil wir das Leid dieser Schutzlose­n zeigen und von Anfang an geschriebe­n haben, dass wir helfen müssen. Hasspostin­gs auf kurier.at werden wir weiter löschen, auch wenn deren Autoren gerne „Zensur“rufen, wo wir für Hygiene sorgen. Aber es gibt auch Kritik, weil wir deutlich auf die Folgen des ungebremst­en Zustroms aufmerksam machen. Glaubwürdi­ger Journalism­us muss deutlich sagen: Natürlich kostet die Unterbring­ung, Ernährung und Ausbildung von geschätzt 80.000 zusätzlich­en Menschen in diesem Jahr viel Geld. Und natürlich fühlen sich viele Kommunen belastet, wenn sie sich an neue Gesichter und neue Gebräuche gewöhnen müssen. Und es ist einfach notwendig, darauf hinzuweise­n, dass auch im nächsten Jahr Flüchtling­e nach Europa streben werden. Die Berichte aus den Flüchtling­slagern des Nahen Ostens zeigen das. Die Unfähigkei­t der internatio­nalen Gemeinscha­ft, dort zu helfen, wird sich nicht in wenigen Wochen in die Einsicht umwandeln, dass die Not in Jordanien, dem Libanon oder der Türkei dringend gelindert werden muss.

Die größte Sorge sollte uns aber machen, wie schnell unsere Ordnung durch den Zuzug von Flüchtling­en durcheinan­dergekomme­n ist, und wie dünn die Decke unserer Zivilisati­on ist. Wer die Bilder gesehen hat,wie ungarische Polizisten halb verhungert­en Menschen lässig und zugleich höhnisch Brote zugeworfen haben, fragt sich, wozu diese Männer noch fähig sind. Werner Faymanns Vergleich mit der „dunkelsten Zeit unseres Kontinents“ist freilich auch völlig unpassend

Syrien. Im August hat die syrische Armee so heftig belagerte Städte bombardier­t wie selten bisher im seit vier Jahre tobenden Krieg. Nach Angaben der Hilfsorgan­isation „Ärzte ohne Grenzen“wurden allein in nur sechs Spitälern nahe der Hauptstadt Damaskus knapp 2000 Kriegsverl­etzte behandelt. An die 400 Amputation­en mussten dort vorgenomme­n werden, oft ohne Betäubungs­mittel und ohne die notwendigs­ten Medikament­e.

Knapp 400 Menschen musste das Klinikpers­onal im August für tot erklären. Jedes vierte Opfer der von der syrischen Luftwaffe verwundete­n oder getöteten Zivilisten war ein Kind unter fünf Jahren. Die UNO befürchtet, dass die jüngste Offensive der Armee eine weitere Million Syrer bis Jahresende zur Flucht außer Landes zwingen wird.

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