Kurier

Putin schmiedet Kriegsalli­anz in Nahost

Luftangrif­fe. Iran schickt Bodentrupp­en

- VON ULRIKE BOTZENHART

Wochenlang hatte Putin an seiner Koalition für Nahost gearbeitet, jetzt setzt er sie in die Tat um. Russland, der Iran und der Irak wollen ihre Aktionen gegen den Islamische­n Staat künftig koordinier­en und Geheimdien­stinformat­ionen austausche­n. Teheran begrüßte zudem ausdrückli­ch die russischen Luftangrif­fe in Syrien. Agenturmel­dungen zufolge schickt das Mullah-Re- gime über den Libanon Eliteeinhe­iten nach Syrien. All das sehr zum Ärger der USA, die ebenfalls weiter Luftangrif­fe in der Region f liegen. Zumindest will man sich von nun an aber absprechen, um eine direkte Konfrontat­ion zu vermeiden. Nichtsdest­otrotz: Am Donnerstag sollen russische Jets die Basis einer US-trainierte­n Rebellengr­uppe bombardier­t haben.

Egal, ob Russlands Luftschläg­e seit Mittwoch gezielt gegen die Terrormili­z „Islamische­n Staat“(IS) in Syrien gerichtet sind oder gegen alle Feinde von Staatschef Bashar al-Assad – die Einschätzu­ng des Kommandant­en der kurdischen YPG-Miliz in Syrien fällt erschütter­nd aus: Angesichts der Beteiligun­g ausländisc­her Mächte hält Sipan Hemo eine Fortdauer des Syrien-Krieges für weitere zehn Jahre möglich. Seit Beginn des Bürgerkrie­ges im März 2011 sind laut Schätzunge­n 250.000 Menschen getötet, rund elf Millionen vertrieben worden.

„Die Lösung ist nicht mehr in den Händen der Syrer“, sagte Hemo laut der Syrischen Beobachtun­gsstelle für Menschenre­chte in London. Der Kommandant: „Was nun passiert, kann als Kampf der Titanen auf syrischem Gebiet bezeichnet werden (...), ein Krieg, in dem Karten umgeschrie­ben werden.“

Die „Titanen“USA und Russland verfolgen unterschie­dliche Ziele. Russland unterstütz­t auf Biegen und Brechen Assad, den die USA als Kriegsverb­recher ansehen. Doch es spielen noch andere Mächte mit – allen voran der Iran. Teheran begrüßte Moskaus Engagement als „ersten praktische­n Schritt im Kampf gegen den IS“. Stimmen Informatio­nen aus dem Libanon, dann hat Teheran bereits vor gut zehn Tagen Hunderte Kämpfer nach Syrien geschickt. Sie sollen sich nach Informatio­nen von Reu

ters an einer Bodenoffen­sive gegen Rebellen im Norden Syriens ebenso beteiligen wie die libanesisc­he HisbollahM­iliz. Moskau werde den Einsatz mit Luftangrif­fen unterstütz­en, sagten in den Vorgang eingeweiht­e Personen.

Iraks Armee ist ebenfalls involviert. Erst am Sonntag hatte die Armeeführu­ng in Bagdad eine enge Kooperatio­n mit Russland, Syrien und dem Iran bekannt gegeben. In Bagdad sollten künftige Armeeopera­tionen koordinier­t werden. Moskau sprach vom Sammeln, Analysiere­n und Teilen von Informatio­nen. Das russische Außenminis­terium ließ gestern wissen, sollte Bagdad darum bitten, werde man auch IS-Stellungen im Irak bombardier­en.

Assad-Gegner im Visier

Saudi-Arabien, das mit dem Iran um die Vormacht in der Region wetteifert, forderte von Russland ein Ende der Luftangrif­fe in Syrien, von denen auch am Donnerstag Dutzende geflogen wurden. Die Angriffe hätten Regionen getroffen, in denen der IS nicht präsent sei, kritisiert­en Saudis und die USA. Pentagonch­ef Ashton Carter warf Moskau vor, nicht gegen den IS, sondern gegen alle Gegner Assads zu kämpfen. Die knappe Reaktion des russischen Außenminis­ters Sergej Lawrow vor Journalist­en in New York: „Hören Sie bei russischen Luftschläg­en nicht auf das Pentagon.“Ins Visier würden ausschließ­lich „Terroriste­n“genommen.

Washington unterstütz­t mit viel Geld Anti-AssadKämpf­er – bisher mit wenig Erfolg. 3000 bis 5000 waren das Ziel der CIA, tatsächlic­h sind es nur einige Dutzend. Mindestens eine Gruppe dieser Kämpfer haben die Russen laut New York Times am Mittwoch ins Visier genommen und getötet. Washington war auch wütend, dass Moskau nur eine Stunde zuvor die US-Botschaft in Bagdad gewarnt hatte, US-Kampfjets sollten syrischen Luftraum meiden. Die USA flogen trotzdem Angriffe um Aleppo – auch ohne Vorwarnung. Lawrow und sein Vis-à-Vis John Kerry vereinbart­en nun zumindest so viel Koordinati­on, um versehentl­iche Zusammenst­öße zu verhindern.

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