Kurier

„Wir glau­ben, weil wir glau­ben wol­len“

Kunst des Be­trugs. Es pas­siert nicht nur Leicht­gläu­bi­gen, wah­re Schwind­ler fin­den bei je­dem Schwach­stel­len

- VON Crime · Fraud · White-collar Crime · Backstube Wünsche · Donald Trump · Trump family · Silvia Reize · Facebook · Ferdinand Waldo Demara

Hoch­stap­ler sind bö­se, ge­wis­sen­lo­se Men­schen mit schlim­men Ab­sich­ten – wenn dem so wä­re, wä­re das Le­ben er­heb­lich ein­fa­cher. Wir wür­den die bö­sen Bu­ben so­fort er­ken­nen. Aber in Wirk­lich­keit ist es weit ver­track­ter, schreibt Ma­ria Kon­ni­ko­va in ih­rem neu­en Buch „Täu­schend echt und glatt ge­lo­gen“. Die US-Psy­cho­lo­gin durch­leuch­tet auf 300 Sei­ten die Kunst des Be­trugs.

Es pas­siert nur den an­de­ren, den Leicht­gläu­bi­gen und Gie­ri­gen, aber nie­mals uns: On­li­ne­dieb­stahl, An­la­ge­be­trug, Ab­zo­cke­rei. Irr­tum! Wah­re Be­trugs­künst­ler fin­den bei je­dem die Schwach­stel­le. Ob Schnee­ball­sys­te­me oder Kunst­fäl­schung, ge­türk­te Dok­tor­ti­tel oder In­ves­ti­ti­ons­lü­gen: Im­mer geht es um Ver­trau­en, um die Kunst, an­de­re et­was glau­ben zu las­sen. „Der ,con­fi­dence ar­tist’ be­geht kei­ne Schwer­ver­bre­chen. Sei­ne Kunst ist ei­ne Übung in So­zi­al­kom­pe­tenz: Ver­trau­en, Sym­pa­thie, Über­re­dung. Der wah­re Hoch­stap­ler zwingt uns nicht, ir­gend­et­was zu tun, er macht uns zum Kom­pli­zen. Er stiehlt nicht, wir ge­ben“, ana­ly­siert Kon­ni­ko­va. Frei­wil­lig. „Wir glau­ben ihm, weil wir glau­ben wol­len.“

Op­fer er­ken­nen

Der Be­trug be­ginnt mit der An­wen­dung ele­men­ta­rer psy­cho­lo­gi­scher Re­geln. Aus dem Blick­win­kel des Be­trü­gers geht es dar­um, das Op­fer zu­nächst zu er­ken­nen: Wer ist es, was will es, und wie kann ich mir sei­ne Wün­sche zu­nut­ze ma­chen, um zu er­rei­chen, was ich will? Der Clou: Die bes­ten Be­trü­ge­rei­en blei­ben un­ent­deckt, wir mer­ken nicht ein­mal, dass wir her­ein­ge­fal­len sind. Die Psy­cho­lo­gin und Jour­na­lis­tin im In­ter­view. KURIER: Es gibt vie­le Be­trü­ger in Ih­rem Buch. Was ist mit Do­nald Trump? Kon­ni­ko­va: (Lacht.) Ich ha­be das Buch vor der In­au­gu­ra­ti­on von Trump ge­schrie­ben. Als er dann aber Prä­si­dent wur­de, ha­be ich ge­dacht: Oh mein Gott, er er­füllt al­le Cha­rak­te­ris­ti­ka ei­nes Be­trü­gers. Und die Men­schen, die ihn wäh­len, er­fül­len al­le Ei­gen­schaf­ten der Op­fer von Be­trü­gern. Das ist ver­rückt, das ist die Per­son, die dein Ver­trau­en miss­braucht hat, und die Op­fer neh­men sie in Schutz. Sie wer­den ihn ein zwei­tes Mal wäh­len?

Genau. Was braucht man, um als Be­trü­ger er­folg­reich zu sein? Sie nen­nen es die „dunk­le Tria­de“.

Hoch­stap­ler sind cha­ris­ma­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten, die du ger­ne als bes­te Freun­de ha­ben möch­test. Nicht al­le ha­ben al­le drei Ei­gen­schaf­ten der „dunk­len Tria­de“. Aber al­le ha­ben ei­ne: Ma­chia­vel­lis­ti­sche An­sät­ze. Das be­deu­tet, sie brin­gen Leu­te da­zu, das zu tun, was sie wol­len. Und die den­ken, es war ih­re ei­ge­ne Idee.

Vie­le Be­trü­ger ha­ben auch ein über­gro­ßes Ego und glau­ben, dass sie ein­fach al­les ver­die­nen. Und zwar‚ mehr als je­der an­de­re. Sie den­ken: „Ich bin bes­ser als Leu­te, die ei­nen Dok­tor­ti­tel ha­ben. Drum neh­me ich mir den Ti­tel, denn ich ver­die­ne ihn.“Sie be­trei­ben Iden­ti­täts­dieb­stahl und füh­len kei­ne Schuld, kein Be­dau­ern für ih­re Op­fer. Sie recht­fer­ti­gen al­les. Das ist die zwei­te prä­gen­de Ei­gen­schaft von Be­trü­gern: Nar­ziss­mus, die­ses über­trie­be­ne Ego, sie den­ken, sie sind das Bes­te, was je­mals pas­siert ist.

Die drit­te Ei­gen­schaft ist Psy­cho­pa­thie, die Un­fä­hig­keit, Emo­tio­nen in der Wei­se zu füh­len, wie nor­ma­le Men­schen es tun. Es han­delt sich um ei­nen Man­gel an Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Das Ge­hirn von Be­trü­gern ver­ar­bei­tet emo­tio­na­le Rei­ze an­ders. Gibt es Men­schen, die eher auf Be­trü­ger her­ein­fal­len als an­de­re?

Ja, Men­schen, die sich in Le­bens­kri­sen be­fin­den, sind die bes­ten Op­fer. Wenn sich Din­ge in un­se­rem Le­ben än­dern, be­deu­tet das Un­si­cher­heit und das mö­gen Men­schen nicht. Schei­dun­gen, Ge­bur­ten, Hei­rat, ei­ne neue Stadt, Job­ver­lust oder ein neu­er Job – das macht ver­wund­bar. Be­trü­ger ge­ben den Men­schen Si­cher­heit – schein­bar. Sie er­ken­nen, dass man et­was braucht und ge­ben es. Füh­len sie das in­stink­tiv?

Ja, sie hal­ten da­nach Aus­schau. Frü­her hat­ten es Be­trü­ger viel schwe­rer, denn es gab kei­ne so­zia­len Me­di­en. Heu­te ist es ganz leicht, weil je­der al­les auf Face­book schreibt. Und Be­trü­ger ver­wen­den die­se In­for­ma­tio­nen. In Ih­rem Buch schrei­ben Sie über vie­le Be­trü­ger, wel­cher ist für Sie der be­mer­kens­wer­tes­te?

Der, mit dem ich das Buch be­gin­ne – Fer­di­nand Wal­do De­ma­ra, weil er über vie­le Jahr­zehn­te so vie­le ver­schie­de­ne Men­schen imi­tier­te. Mehr als 30, wie wir heu­te wis­sen. Ärz­te, In­ge­nieu­re, der Typ be­grün­de­te auch ei­ne Sek­te. Da­bei hat er die High School nie ab­ge­schlos­sen. Er war ein furcht­ba­rer Cha­rak­ter, der Men­schen in Le­bens­ge­fahr brach­te. Be­son­ders als er sich als Chir­urg aus­gab, und das oh­ne je­de Aus­bil­dung. Er brach­te näm­lich, die Na­vy da­zu, ihm ein gan­zes Schiff vol­ler Men­schen zu über­las­sen. Und dort hat er tat­säch­lich Ope­ra­tio­nen durch­ge­führt. Er war in Talk­shows und konn­te trotz­dem wei­ter­ma­chen. Es ist al­so nicht so, dass die Leu­te nicht wuss­ten, was und wer er war. Sie wol­len es nicht wahr­ha­ben. Wenn der Be­trü­ger gut ist, se­hen wir es nicht kom­men. Fer­di­nand Wal­do De­ma­ra ver­ein­te al­le Ei­gen­schaf­ten ei­ne Hoch­stap­lers. Sie ha­ben nicht nur die Le­bens­ge­schich­ten von Be­trü­gern re­cher­chiert, son­dern ei­ni­ge ge­trof­fen?

Als ich mit ih­nen sprach, war es vor­bei mit der Ob­jek­ti­vi­tät. Mir pas­sier­te das­sel­be wie al­len an­de­ren, weil sie so gut, so cha­ris­ma­tisch sind. Es ist nicht nur das, was sie sa­gen, son­dern wie sie es sa­gen. Sie in­ter­es­sie­ren sich für dich, sie wis­sen viel über dich. Ich war über­rascht, wie gut sie ih­re Haus­auf­ga­ben ge­macht hat­ten. Ich war ei­ne Jour­na­lis­tin, die sie in­ter­view­te, und sie spra­chen mit mir über mein ers­tes Buch oder über ei­nen Ar­ti­kel. Sie ha­ben tat­säch­lich Hin­ter­grund­for­schung über mich ge­macht. Sie sa­gen: „Du­hast so gu­te Ar­beit ge­leis­tet.“– Das ist schmei­chel­haft.

Du fängst wirk­lich an, dich mit ih­nen zu iden­ti­fi­zie­ren und zu den­ken: „Oh, sie sind wirk­lich nicht so schlimm.“Sie ha­ben Aus­re­den für al­les, was sie ge­tan ha­ben. Und du fängst an, sie auch zu ent­schul­di­gen. Da er­kann­te ich, dass ich mit den Op­fern re­den muss­te. War­um ist es so schwer, Lü­gen zu er­ken­nen, wie kann man sich wapp­nen?

Es ist wirk­lich schwie­rig, weil wir eher dar­auf aus­ge­rich­tet sind, Men­schen zu ver­trau­en. Schon Säug­lin­ge und Klein­kin­der müs­sen dar­auf ver­trau­en, dass Er­wach­se­ne sich um sie küm­mern wer­den.

Es gibt so viel Be­trug, weil wir be­tro­gen wer­den wol­len. Wir wol­len Mär­chen und Lü­gen glau­ben. Und in Wahr­heit ist nie­mand ein so gu­ter Mensch wie er denkt. Wir selbst lü­gen auch von Kin­des­bei­nen an. Und in je­dem von uns steckt ein klei­ner Be­trü­ger. Als ich mit dem Buch fer­tig war, ging ich durch ei­ne Pe­ri­ode, in der ich der gan­zen Mensch­heit wirk­lich miss­trau­te. „Täu­schend echt und glatt ge­lo­gen. Die Kunst des Be­trugs“ Die Gren­ze zwi­schen Be­trü­gern und, sa­gen wir, gu­ten Ver­käu­fern ist al­so ei­ne flie­ßen­de, oder?

Ja, es ist ei­ne dün­ne Li­nie zwi­schen Be­trü­gern und gu­ten Ver­mark­tern, gu­ten Po­li­ti­kern, gu­ten An­wäl­ten, und es gibt so vie­le Be­ru­fe, die die­se Art von Tech­nik die gan­ze Zeit ver­wen­den. Er­staun­lich ist auch, wie sel­ten Hoch­stap­ler auf­flie­gen. Das liegt dar­an, dass die Leu­te ih­re Re­pu­ta­tio­nen über al­les schät­zen und nur sehr un­gern zu­ge­ben, dass sie auf ei­nen Be­trü­ger her­ein ge­fal­len sind. Sie glau­ben viel lie­ber, dass sie ein Op­fer des Un­glücks wa­ren. Un­se­re Selbst­täu­schung ist un­glaub­lich mäch­tig, und die­ser Schutz­me­cha­nis­mus, sorgt da­für, dass wir uns im best­mög­li­chen Licht se­hen. Es ist ver­rückt: Da ist ei­ne Per­son, die dein Geld ge­nom­men und dein Ver­trau­en miss­braucht hat, und die Op­fer neh­men sie in Schutz. Es gibt Fäl­le, da ha­ben Op­fer den An­walt für den Be­trü­ger be­zahlt, weil sie nicht glau­ben woll­ten, dass sie ei­nem Hoch­stap­ler auf­ge­ses­sen sind. Wur­den Sie auch schon ein­mal das Op­fer ei­nes Be­trü­gers?

Ehr­lich: Ich weiß es nicht.

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