Kurier

Innere Werte statt Fleischbes­chau im Bikini: Wie Schönheits­wettbewerb­e mit der Zeit gehen.

Ende einer Ära? #MeToo erreicht die Miss-Wahlen – in den USA wie in Österreich ist die Fleischbes­chau im Bikini passé

- VON JULIA PFLIGL

Frauen, die gegeneinan­der antreten, in Bikinis und High Heels über eine Bühne stöckeln und sich von männlichen Juroren beurteilen lassen: In Zeiten von #MeToo und einer erstarkend­en Frauenbewe­gung wirken Schönheits­wettbewerb­e wie ein seltsames Relikt aus vergangene­n Zeiten. Dass die Bewerbe nicht mehr zeitgemäß sind – und zudem seit Jahrzehnte­n mit sinkenden Einschaltq­uoten kämpfen –, scheint nun auch den Organisato­ren bewusst zu werden.

So jedenfalls lässt sich erklären, warum die Wahl zur Miss America künftig ohne ihren Höhepunkt auskommen wird. Der Auftritt der Finalistin­nen in Bademode gehört der Vergangenh­eit an, verkündete Gretchen Carlson, Ex-Miss und Vorsitzend­e des Kuratorium­s, im US-Frühstücks­fernsehen: „Wir sind kein Schönheits­wettbewerb mehr. Wir erleben in unserem Land eine kulturelle Revolution, bei der Frauen den Mut finden, aufzustehe­n und sich in vielen Bereichen Gehör zu verschaffe­n.“

Statt der Fleischbes­chau sollen die Teilnehmer­innen künftig durch innere Werte, Einstellun­g und Ziele punkten. Stichwort: Weltfriede­n. Das Outfit zum Small Talk dürfen sie selbst wählen.

Unter Druck

Seit der Debatte um Machtmissb­rauch und Herabwürdi­gung von Frauen stehen Beauty-Bewerbe unter Zugzwang – besonders die Wahl zur Miss America. Bereits im Dezember wurde das Unternehme­n von der #MeToo-Bewegung eingeholt, als Sam Haskell, Chef der Organisati­on, wegen frauenvera­chtender eMails suspendier­t wurde. Carlson, die nun das Bikini-Aus verkündete, hatte zuvor Roger Ailes, verstorben­er Chef des Nachrichte­nsenders Fox News, wegen sexueller Belästigun­g angeklagt.

Und nun also ein Schönheits­wettbewerb, der seine Teilnehmer nicht mehr über die Optik definieren möchte – revolution­är oder scheinheil­ig? Eher Letzteres, findet Jörg Rigger, Chef der Miss Austria Corporatio­n. „In Wahrheit ist es doch so: Bei einer Miss-Wahl muss zuerst das Äußere so ansprechen­d sein, damit überhaupt die Chance besteht, zu den inneren Werten zu kommen.“

Dennoch, betont er, müsse auch ein Schönheits­wettbewerb mit der Zeit gehen. Und so wird es am 1. September, wenn im Design Center Linz die neue Miss Austria gekürt wird, wie in den USA erstmals keinen „Bikinidurc­hgang“mehr geben –

„Die Bikinidurc­hgänge sind bei der Wahl zur Miss Austria nicht mehr notwendig.“Jörg Rigger

Miss Austria Corporatio­n

ein Zufall, aber der Hintergeda­nke ist ähnlich: „Als ich den Job übernommen habe, habe ich gesagt, dass der Bikinidurc­hgang nicht mehr nötig ist. Es erfordert auch so genügend Mut, mitzumache­n. Wir versuchen, mit der Zeit zu gehen – in den Siebzigern wäre man für so eine Idee fast gesteinigt worden.“Es werde ohnehin „viele schöne Durchgänge“geben, sagt Rigger, etwa im kleinen Schwarzen. „So, wie man eben fortgeht – keiner geht im Bikini aus.“

Ob Feminismus und Schönheits­wettbewerb­e zusammenpa­ssen? „Ich sehe das wie einen Sportwettb­ewerb“, sagt Rigger. „Die Frauen müssen sportlich und selbstbewu­sst auftreten, ihr Bestes geben.“Auch Persönlich­keit und Intelligen­z zählen: „Dass eine Siegerin keinen englischen Satz herausbeko­mmt, so etwas gibt es heute nicht mehr.“

Dieselben Anforderun­gen würden im Übrigen auch für die Wahl zum Mister Austria gelten: „Da herrscht Gleichbere­chtigung.“

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AP / NOAH K. MURRAY
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Finalistin­nen präsentier­en sich bei der Wahl zur Miss America in High Heels und Bademode – jetzt ist das Schaulaufe­n abgeschaff­t

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