Hit­lers Bal­kon am Rat­haus­turm

NS-Re­likt. Das Pro­vi­so­ri­um am Rat­haus, 1938 für den Füh­rer er­rich­tet, wur­de in der Fol­ge in St­ein ge­mei­ßelt

Kurier - - Erste Seite - VON THO­MAS TRENK­LER

Wi­en. De­bat­te um ein mar­kan­tes NS-Re­likt: Soll der 1938 er­rich­te­te Bal­kon am Rat­haus­turm blei­ben?

in­nern und ei­ne In­fra­struk­tur für künf­ti­ge Mas­sen­kund­ge­bun­gen (samt Mi­kro­fon und Laut­spre­cher­an­la­ge) schaf­fen: Auf sei­ne An­ord­nung hin wur­de der Bal­kon in St­ein aus­ge­führt, an­ge­lehnt an die For­men­spra­che des Rat­haus-Ar­chi­tek­ten Friedrich Schmidt, und auf ei­ne mas­siv ge­gos­se­ne, ar­mier­te Be­ton­plat­te ge­setzt. Ei­ne Ab­stüt­zung durch Kon­so­len­säu­len (wie bei den Schmidt-Bal­ko­nen) kam nicht in­fra­ge, da un­mit­tel­bar dar­un­ter ein Rei­ter­re­lief an­ge­bracht ist. Der Bal­kon wirkt da­her plump.

Für die Grup­pe Me­mo­ry Gaps rund um die Künst­le­rin Kon­stan­ze Sai­ler, die sich im Som­mer mit der Na­zi-Künst­le­rin Leo­pol­di­ne Wo­j­tek aus­ein­an­der­ge­setzt hat­te, ist er ein Dorn im Au­ge. Ihn nicht schon längst ab­ge­tra­gen zu ha­ben sei ein Ver­säum­nis ins­be­son­de­re des „ro­ten, an­ti­fa­schis­ti­schen Wi­en“. Denn der „Adolf-Hit­ler-Platz“wur­de nach dem Krieg sehr wohl wie­der zum Rat­haus­platz.

Um­gang mit dem Er­be

„Me­mo­ry Gaps“kri­ti­siert zu­dem, dass die Wi­en­bi­blio­thek zwar die Ge­schich­te nach­er­zähl­te, aber kei­ne Schlüs­se zog – und auch kei­ne An­deu­tung macht, wie die Stadt mit ei­nem sol­chen „Er­be“um­ge­hen soll. Die Grup­pe regt da­her an, den Bal­kon an­läss­lich 80 Jah­re „An­schluss“zu ent­fer­nen; die Kos­ten lä­gen wohl un­ter 100.000 Eu­ro.

Rek­to­rin Eva Blim­lin­ger hin­ge­gen, Lei­te­rin der Kom­mis­si­on für Pro­ve­ni­en­z­for­schung, plä­diert für den Er­halt – samt Kon­textua­li­sie­rung. „Auch die­ser Bal­kon ist wie so vie­les, das im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ent­stan­den ist, Be­stand­teil un­se­rer Ge­schich­te.“Viel­leicht lie­ße sich, so Blim­lin­ger, der Hit­lerBal­kon gleich in das „Eu­ro­pean Bal­c­o­ny Pro­ject“von Ro­bert Me­n­as­se in­te­grie­ren. Wie be­rich­tet, wird am 10. No­vem­ber um 16 Uhr im Rah­men ei­ner In­ter­ven­ti­on von vie­len Bal­ko­nen die Re­pu­blik Eu­ro­pa aus­ge­ru­fen.

tho­mas.trenk­ler@ku­rier.at

Vom be­flagg­ten Burg­thea­ter schall­ten Wa­gner-Klän­ge her­über: Adolf Hit­ler am 9. April 1938 auf dem für ihn er­rich­te­ten Rat­haus-Bal­kon

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