„Rück­blick auf die ,Ach­ter­jah­re‘“

Kurier - - Politik - VON LOTHAR HÖBELT

An den „Ach­ter­jah­ren“ist vor al­lem ein­mal der Plu­ral ku­ri­os. Man hat 500Jah­reKar­lV. be­gan­gen­und300 Ma­ria The­re­sia – letz­te­re mehr schlecht als recht, aber im­mer­hin. War­um­nicht ein­fach bloß 100 Jah­re Re­pu­blik? Oh­ne jetzt be­haup­ten zu­wol­len, in die Ge­heim­nis­se un­se­rer „Ge­schichts­po­li­ti­ker“ein­ge­weiht zu sein, fie­len mir da schon ein paar mög­li­che Grün­de ein: Ers­tens gibt’sda­na­tür­lich­we­nig zu fei­ern: Wir hat­ten 1918 ei­nen Welt­krieg ver­lo­ren, ein Reich und ei­ne Ge­sell­schafts­ord­nung zer­fie­len, wir wa­ren arm und des­ori­en­tiert. Sei­en wir ehr­lich: Das Bür­ger­tum war feig, der So­zi­al­de­mo­kra­tie wie­der­umist es heu­te pein­lich, dass ihr En­ga­ge­ment für die Re­pu­blik mit der Be­geis­te­rung für den An­schluss ge­paart­war.

Epo­che­ma­chen­de neue­re For­schun­gen zu 1918 gibt es kaum, da­her auch­kei­ne ein­schlä­gi­ge­wis­sen­schaft­li­che Lob­by, da­für aber ei­ne Men­ge Leu­te, die ihr Le­ben lang nichts an­de­res ge­forscht ha­ben als über­1938­un­d­die Jah­re da­nach.

Die­woll­ten auch­wie­der ein­mal ihr „Om mani pad­me hum“los­wer­den (was im­mer der­lei ge­bets­müh­len­ar­ti­ge Ri­tua­le auch be­wir­ken oder bes­ser: nicht be­wir­ken). 1948 war für un­se­re tsche­chi­schenNach­bar­nei­neKa­ta­stro­phe, ge­nau­so­wie 1968. Das blieb bei un­s­weit­ge­hend aus­ge­blen­det. Apro­pos 1968: Da warz­war in­Wi­en­nicht­viel los– was kei­nes­wegs ge­gen Wi­en spricht –, aber­dieVe­te­ra­nen­von­da­mals­woll­ten sich noch ein­mal im Glanz ih­rer Ju­gen­der­in­ne­run­gen­son­nen. Ess­ei ih­nen ge­gönnt – lus­ti­ger als ih­re po­li­tisch­kor­rek­tenEpi­go­nen­wa­ren sie al­le­mal, wenn viel­leicht auch nich­tim­mer#MeToo-taug­lich.

Bei all den Ver­an­stal­tun­gen, die zu den „Ach­ter­jah­ren“statt­fan­den, kris­tal­li­siert sich als ge­mein­sa­mer Nen­ner her­aus: Meist war der Vor­sit­zen­de ein Jour­na­list, der es ei­lig hat­te, von den Bü­chern, die er gar nicht al­le ge­le­sen ha­ben konn­te, zu „ak­tu­el­len“The­men über­zu­lei­ten. Nun kann man über Mi­gra­ti­on und De­mo­kra­tie­re­form, EU­RO-Ret­tung und Bil­dungs­mi­se­re zwar treff­lich strei­ten, von al­len­mög­li­chen ta­ges­po­li­ti­schen „Auf­re­gern“ganz ab­ge­se­hen, aber­da­zu­brauch­eich­we­der das Jahr1918noch1938.

Zei­ge­fin­ger

Ge­schich­te zeigt uns vor al­lem ein­mal, dass die Ver­gan­gen­heit eben an­ders war als die Ge­gen­wart, von an­de­ren Vor­aus­set­zun­gen aus­ging und auf an­de­re An­rei­ze re­agier­te. Wer da ein­fach Re­zep­te ab­kup­fern will, soll­te doch lie­ber die Di­ens­te von Astro­lo­gen in An­spruch neh­men. Der viel be­schwo­re­nen plu­ra­lis­ti­schen Ge­sell­schaft völ­lig un­an­ge­mes­sen ist auf al­le Fäl­le der An­spruch di­ver­ser Kol­le­gen, mit er­ho-

be­nem Zei­ge­fin­ger fest­le­gen zu wol­len, wie „wir“uns an ir­gend­et­was zu er­in­nern ha­ben. Da wird je­de­net­wa­san­de­res­in­ter­es­sie­renoder ihm wich­tig vor­kom­men, man­che wir­des­wohl auch­kalt las­sen.

Mich­fas­zi­nier­tGe­schich­te, aber man soll nie­man­dem so­zu­sa­gen vonAmts­we­gen vor­schrei­ben, dass er sich da­für zu in­ter­es­sie­ren hat. Cha­cun à son goût. Auch derWeis­heit Leh­ren muss man mit Ver­gnü­gen hö­ren, heißt es bei Wil­helm Busch. Das gilt­wohl auch für di­ver­se ein­schlä­gi­ge Sonn­tags­re­den, selbst wenn Weis­heit und Ver­gnü­gen da­bei zu­wei­len et­was zu wün­schen­über­las­sen.

Das bes­te „Haus der Ge­schich­te“bleibt üb­ri­gens im­mer noch ei­ne gut ge­füll­te Bi­b­lio­thek, fre­quen­tiert von Leu­ten, die nocht­at­säch­lich­le­sen.

Der Au­tor ist His­to­ri­ker und Ex-FPÖ-Be­ra­ter.

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