Mar­ga­re­te Zi­dar,

Er­in­ne­run­gen ei­ner Schaff­ne­rin, die zur Ab­tei­lungs­lei­te­rin auf­stieg

Kurier - - Politik -

S ie war auch ein­mal in Ame­ri­ka. Sag­tMar­ga­re­te Zi­dar vor dem be­vor­ste­hen­den 100. Ge­burts­tag der Re­pu­blik.„Aber­die­ös­ter­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft wür­de ich nie im Le­ben her­ge­ben.“Stich­wort Ge­burts­tag: Ihr selbst steht im Mai­be­reits der 105. be­vor.

Seit we­ni­gen Mo­na­ten erst wohnt Frau Zi­dar im Ho­s­piz der Ca­ri­tas So­cia­lis am Wie­ner Rennweg. Sie zuckt mit ih­ren Schul­tern, dann meint sie: „Was willst’ ma­chen? Mein Ge­hirn taugt noch, aber mein Kör­per kann nim­mer. Schön ist so was nicht, aber das ist halt der Lauf­des Le­bens.“

Schön sei für sie da­für die lie­be­vol­le Be­treu­ung im Wohn­be­reich „He­u­markt“, den sie mit 30 an­de­ren Se­nio­ren teilt: „Al­le sind hier ex­tra lieb zu mir.

Ich glau­be, die ha­ben Re­spekt vor mei­ne­mAl­ter.“

Die Zeit­zeu­gin wur­de vor Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs ge­bo­ren. Sie war zwölf, als ih­re Mut­ter starb, die Ers­te Re­pu­blik all­mäh­lich auf ei­nen Bür­ger­krieg zu­steu­er­te­und­sie­zu­Pfle­ge­el­tern in Meid­ling kam. Dort dürf­te sie die glück­lichs­ten Jah­re ih­rer Kind­heit ver­bracht ha­ben, wie Toch­ter Chris­ta be­stä­tigt.

Mar­ga­re­te Zi­dar sagt es so: „Ich bin ger­ne in die Bür­ger­schu­le ge­gan­gen. Wir hat­ten gu­te, aber sehr stren­ge Leh­rer. Als ich zwei Ta­ge we­genKrank­heit­nicht­in­die Schu­le ge­hen durf­te, ha­be ich­ge­weint.“Nach­derSchu­le hat die Wie­ne­rin ih­ren Mäd­chen­t­raum zum Be­ruf ge­macht: „Ich ha­be im­mer sehr ger­ne ge­näht.“

Trüm­mer­frau mit 31

Zur NS-Zeit hat sie kaum Er­in­ne­run­gen. Ih­re Toch­ter er­zählt, dass sie 1944 von ei­nem deut­schen Sol­da­ten ein Kind be­kom­men hat, und dass die­ser we­ni­geWo­chen­spä­terand­erFron­tums Le­ben­kam. Da­setztauch­die Er­zäh­lung der Zeit­zeu­gin wie­der­ein:„DieGe­burt­mei­ner Toch­ter war der schöns­te Mo­ment in mei­nem Le­ben. Man war da­mals jung, man muss­te ein­fach wei­ter­le­ben.“Um­si­chun­dih­rKind über­dieRun­den­zu­brin­gen, er­setz­te sie als Schaff­ne­rin auf der Li­nie 61 je­ne Män­ner, die an die Front be­or­dert­wor­den­wa­ren.

DieWie­der­ge­bur­tÖs­ter­reichs im April 1945 ver­bin­det die Kriegs­wit­we mit ei­nem trau­ma­ti­schen Er­leb­nis. Man­ha­beihr ver­si­chert, dass das Haus im zwei­ten Be­zirk, in dem sie bis knapp vor Kriegs­en­de ge­wohnt hat­te, nicht bom­bar­diert wur­de. Doch bei der Rück­kehr­stand­sie­mi­tih­rerToch­ter im Kin­der­wa­gen buch­stäb­lich­vor­de­mNichts. Wie so vie­le muss­te sie noch ein­mal bei null be­gin­nen. In ei­ner Tex­til­fa­brik im 5. Be­zirk ar­bei­te­te sich die an­ge­lern­te Schnei­de­rin zur Ab­tei­lungs­lei­te­rin hoch.

Ge­hei­ra­tet hat sie auch noch ein­mal: „Mein ar­mer Mann, ich ha­be lei­den­schaft­lich ger­ne ge­ar­bei­tet und ihm am Abend al­les von mei­ner Ar­beit er­zählt.“Lan­ge vor den Frau­en­pro­tes­ten1968hat si­eihm klar­ge­macht, dass er sich auch um die Kin­der­er­zie­hung küm­mern müs­se. Mit Er­folg? „Ja, ich darf sa­gen, er war ein bra­ver­Mann.“ K

Nach ih­rem Hun­der­ter kam Mar­ga­re­te Zi­dar in ein Ho­s­piz: „Aber das ist halt der Lauf des Le­bens“

Ein klas­si­sches und auch glück­li­ches Ehe­paar des Wie­der­auf­baus: Ma­xi­mi­li­an und Mar­ga­re­te Zi­dar

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