Lud­mil­la Nieh­ser,

Er­in­ne­run­gen an die jü­di­schen Obst­händ­ler in der Lö­wen­gas­se

Kurier - - Politik -

E smuss En­de 1944 ge­we­sen sein. Er­in­nert sich Lud­mil­la Nieh­ser. Sie war da­mals 26 Jah­re alt, heu­te ist sie 100, um­ein paar Ta­ge äl­ter als dieRe­pu­blik. „Mein Bru­der soll­te ein­ge­zo­gen wer­den, des­halb bin ich­mit dem Zug von un­se­rem Dorf nach Krems ge­fah­ren, um dort dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen, dass mein Bru­der beim Ar­beits­dienst bei uns drin­gend­ge­braucht wird.“

Der Ober­sturm­bann­füh­rer­ha­beih­rener­gi­sch­wi­der­spro­chen. Die­dar­auf­fol­gen­dePa­nik­in­s­ei­nenAu­gen­hat sie al­ler­dings bis heu­te nicht ver­ges­sen. „Plötz­lich hör­ten wir die Flug­zeu­ge der Al­li­ier­ten nä­her kom­men.“Sie bat­den­stram­menNa­zi­noch ein­mal, ih­ren jün­ge­ren Bru­der nicht an die Front zu schi­cken. Lud­mil­la Nieh­ser lä­chelt jetzt: „Doch er hat­te da kei­nen Kopf mehr für mich. Er hat­te of­fen­sicht­lich­mehrAngs­tals ich.“Am En­de deu­te­te er, dass sie schnell ge­hen sol­le, auf ih­ren Bru­der­ver­ga­ßer­d­a­bei.

Die Zeit­zeu­gin sitzt auf der Couch ih­res pi­co­bel­lo auf­ge­räum­tenWohn­zim­mers. Seit Lan­gem wohnt sie in derWie­ner In­nen­stadt, nicht­weit ent­fernt vom Do­nau­ka­nal. Bis vor ih­rem fol­gen­schwe­ren Sturz vor drei Jah­ren hat sie noch selbst die Fens­ter ge­putzt. Und für ih­ren Nef­fen ging sie zur Post. Im­mer­war sie für ih­re An­ge­hö­ri­gen da. Doch nach dem Ober­schen­kel­hals­bruch ist sie froh, dass ihr in der Früh und am Abend ei­ne Heim­hil­fe der Ca­ri­tas un­ter die Ar­me greift. Un­d­dass sie­derNef­fe nun fast täg­lich zu Mit­tag mit fri­sche­mEs­sen ver­sorgt.

Ei­ne glück­li­che Fü­gung

Die Hun­dert­jäh­ri­ge bringt heu­te nicht mehr all­zu viel Ge­wicht auf die Waa­ge. Alt wer­den, sagt sie of­fen, sei nicht nur schön: „Ich woll­te nie­hun­dert­wer­den.“Die­ser Wunsch ist nicht in Er­fül­lung ge­gan­gen. An­ge­spro­chen auf den Hun­der­ter der Re­pu­blik, sagt sie: „Ich bin dank­bar, dass ich in Ös­ter­reich­le­ben­darf. Dass­ma­nin der Po­li­tik­über so vie­le Klei­nig­kei­ten strei­tet, ver­ste­he ich nicht, muss ich viel­leicht auch nicht mehr ver­ste­hen. Denn ich bin in ei­nem an­de­ren Jahr­hun­dert ge­bo­ren.“Den­noch sei Ös­ter­reich für sie ei­ne glück­li­che Fü­gung: „Es soll uns nicht schlech­ter ge­hen. Gut, wir ha­ben im Krieg viel Leid er­lebt. Mein bra­ver­Mann­wur­de­imK­rieg mehr­fach ver­wun­det. Aber ist es nicht schreck­lich, wenn Men­schen heu­te ih­re Hei­mat­ver­las­sen müs­sen?“

Ger­ne er­in­nert sie sich an je­ne jü­di­sche Fa­mi­lie, die in der Zwi­schen­kriegs­zeit in der Lö­wen­gas­se ein Obst­ge­schäft ge­führt und sie be­schäf­tigt hat: „Die Ar­beit war hart, aber die Leu­te­wa­ren sehr nett. Sie ha­ben mir im­mer et­was zu­ge­steckt, da­mi­ti­ches­mei­nerFa­mi­lie nach Hau­se schi­cken konn­te. Und das Por­to für die Post ha­ben sie auch noch be­zahlt.“Die Na­zi­scher­gen ha­ben die Obst­händ­ler ver­trie­ben. Um­so wich­ti­ger wä­re es heu­te, dieDe­mo­kra­tie mehr zu schät­zen. For­dert die Frau, die noch in der Mon­ar­chie ge­bo­ren wur­de, ih­re bes­tenJah­rein­derDik­ta­tur zu­brin­gen muss­te und auch er­fah­ren hat, wie ei­nem der Hun­ger­weh­tun kann.

In die­sem Kon­text fal­len ih­rauch­dieWor­te ih­res Va­ters ein, die sie im 38er-Jahr von ihm ge­hört hat: „Mein Haus­be­tritt­keinNa­zi.“

Al­les kann, will Lud­mil­la Nieh­ser nicht ver­ste­hen: „Ich bin in ei­nem an­de­ren Jahr­hun­dert ge­bo­ren“

Im Krieg ge­hei­ra­tet: Über ih­ren An­ton er­zählt Lud­mil­la Nieh­ser nur Gu­tes

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