Der Ein­fluss des Spio­na­ge­falls Redl auf den Welt­krieg

Der bis­her schwer­wie­gends­te Lan­des­ver­rat. Die Af­fä­reumOberst Al­f­re­dRedl er­schüt­ter­te dieMon­ar­chie in ih­ren letz­ten Jah­ren

Kurier - - Politik - – GE­ORG MAR­KUS

Ein ös­ter­rei­chi­scher Oberst, der für Russ­land spio­niert – das gab’s bis­her nur ein Mal, und er hieß Al­f­re­dRedl. Dass jetzt ein­zwei­ter da­zu­kommt, ist über­ra­schend. Ob er je so „be­rühmt“wird wie Oberst Redl, darf­be­zwei­felt­wer­den, denn nach al­lem, was bis­her be­kannt ist, war Redls Ver­rat we­sent­lich­um­fang­rei­cher.

Redl war ei­ner der be­st­in­for­mier­ten Ge­heim­dienst­of­fi­zie­re der ös­ter­rei­chi­schun­ga­ri­schen Ar­mee. Er leb­te bis zu sei­nem Auf­flie­gen im Mai 1913 auf gro­ßem Fuß, oh­ne dass dies sei­nen Vor­ge­setz­ten auf­fiel. Redl be­wohn­te, ob­wohl er aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen stamm­te und über ein eher be­schei­de­nes Sa­lär ver­füg­te, ein lu­xu­riö­ses Ap­par­te­ment, reis­te viel, be­saß ein Reit­gut und teu­re Au­tos sam­tP­ri­vat­chauf­feur.

Redl­sHo­mo­se­xua­li­tät

Redls Ver­rat be­gann 1901, nach­de­mer vom­za­ris­ti­schen Ge­heim­dienst „Ochra­na“an­ge­wor­ben wor­den war. Er wur­de je­doch nicht, wie­man lan­ge glaub­te, we­gen sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät zum Ver­rat po­li­ti­scher und mi­li­tä­ri­scher Ge­heim­nis­se er­presst. Laut der 2012 er­schie­nen Red­lBio­gra­fie von Ve­re­na Mo­ritz und Han­nes Lei­din­ger wuss­ten die Auf­trag­ge­ber gar nichts von sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät: Al­f­red Redl han­del­te aus rei­ner Geld­gier.

Und doch spielt sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät ei­ne Rol­le. Redl hat­te sich in den um 20 Jah­re jün­ge­ren Leut­nant Ste­phan Horin­ka ver­liebt und ih­m­für sei­ne „Di­ens­te“rie­si­ge Sum­men be­zahlt, die er nur durch sei­ne Spio­na­ge­tä­tig­keit ver­die­nen­konn­te. Da­für­über­gab Redl dem rus­si­schen und bald auch dem fran­zö­si­schen und dem ita­lie­ni­schen Ge­heim­dienst al­le ihm zu­gäng­li­chen mi­li­tä­ri­schen und po­li­ti­schenIn­for­ma­tio­nen.

Der 1864 in Lem­berg ge­bo­re­ne Al­f­red Redl wur­de im Jahr 1900 auf­grund be­son­de­rer Fä­hig­kei­ten in da­sWie­ner Evi­denz­bü­ro, die Spio­na­ge­zen­tra­le des Ge­ne­ral­stabs, auf­ge­nom­men, wo er schnell Kar­rie­re mach­te. 1907 über­nah­mer­dieLei­tung­des­Kund­schafts­bü­ros, fünf Jah­re spä­ter ging Redl als Chef des Ge­ne­ral­stabs im VIII. Ar­mee­korps nach Prag. Für sei­ne „ne­ben­be­ruf­li­che“, ins­ge­samt zwölf­jäh­ri­ge Tä­tig­keit als Spi­on soll Redl vom rus­si­schen Ge­heim­dienst 500.000 Kro­nen (heu­te rund 1,3 Mil­lio­nen Eu­ro) er­hal­ten ha­ben.

Die Ent­tar­nung

Redl­wur­de­ent­tarnt, als eram 24. Mai 1913 da­bei be­ob­ach­tet wur­de, wie er un­ter dem Deck­na­men Ni­kon Ni­ze­tas an der Wie­ner Haupt­post ein Ku­vert mit 7000 Kro­nen In­halt be­hob. Er wur­de in der fol­gen­den Nacht auf Be­fehl des Ge­ne­ral­stabs­chefs Franz Con­rad von Höt­zen­dorf ge­zwun­gen, sich in ei­nem Zim­mer im Ho­tel Klom­ser in der Her­ren­gas­se zu er­schie­ßen.

Doch die Fol­gen des Ver­rats wa­ren nicht auf­zu­hal­ten: Da Redl als Spio­na­ge­chef Ein­blick in die Auf­marsch­plä­ne der k. u. k. Ar­mee hat­te und die­se an sei­ne Auf­trag­ge­ber wei­ter­ge­lei­tet hat­te, wuss­ten Russ­land und die an­de­ren künf­ti­gen Feind­mäch­te kurz vor­Aus­bruch des Ers­tenWelt­kriegs­über­s­ämt­li­chere­le­van­ten mi­li­tä­ri­schen De­tails Ös­ter­reich-Un­garns Be­scheid. So hat­te sein Ver­rat nicht un­er­heb­li­chen Ein­fluss auf den Aus­gang des Ers­tenWelt­kriegs.

Ös­ter­reichs be­rühm­tes­ter Spi­on: Oberst Al­f­red Redl, 1864–1913

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