Spä­te Reue

Kurier - - Wien - TO­NI FA­BER

Ver­wei­ge­re nie­man­dem die Ver­ge­bung, wenn er dich bit­tet. Nein, die Auf­re­gung am 1. Sep­tem­ber ha­ben wir nicht ge­braucht, als die Po­li­zei­we­gen­ei­ner ein­ge­lang­ten Bom­ben­dro­hung kurz vor Be­ginn ei­nes Fest­got­tes­diens­tes den Ste­phans­dom kom­plett­räu­men­muss­te!

Nun ist das Ur­teil ge­spro­chen.„John­ny“, wie­er­sich­beim An­ruf nann­te, be­reut sei­ne ver­rück­teTat von­g­an­ze­mHer­zen.

Der vor­aus­ge­gan­ge­ne über­mä­ßi­ge Al­ko­hol­ge­nuss mach­te aus dem 25-jäh­ri­gen Wie­ner ei­nen an­de­ren Men­schen. Mit rund 3 Pro­mil­le im Blut wähl­te er aus Grün­den, die er heu­te nicht mehr nach­voll­zie­hen kann, die No­t­ruf­num­mer der Po­li­zei, um mit ei­ner Bom­ben­dro­hung ge­gen den Ste­phans­dom 500.000 Eu­ro in „klei­nen, ge­brauch­ten Schei­nen“zu er­pres­sen. Ein Pas­sant mit Zi­vil­cou­ra­ge wur­de in der U-Bahn­sta­ti­on Zeu­ge des lau­ten Te­le­fo­nats­undsorg­te so für die ra­sche Ver­haf­tung des De­lin­quen­ten und die dar­aus fol­gen­de Ent­war­nungfür­denDom.

Die ein­ge­hen­de Be­fra­gung mach­te aus dem selbst­be­wuss­ten Tä­ter ein klei­nes Häuf­chen Elend. DochRecht­muss­ge­spro­chen­wer­den.

Die Kunst derVer­ge­bung

Die Sor­ge und Angst derGot­tes­dienst­teil­neh­mer und die all­ge­mei­ne Un­si­cher­heit an­ge­sichts von Ge­walt und Ter­ror wer­den da­durch nicht klei­ner. Bei „John­ny“per­sön­lich ist je­doch Ent­schei­den­des ge­sche­hen: Ei­ni­ge Ta­ge vor der Ge­richts­ver­hand­lung rief sein ge­wief­ter Straf­ver­tei­di­ger Dr. Wer­ner To­ma­n­ek an, um ei­ne Be­geg­nung mit sei­nem De­lin­quen­ten zu er­bit­ten. Dem ge­lern­ten Tisch­ler tu­es­ei­neTat­vonHer­zen­leid, ob ich al­so be­reit, wä­re, die­sem zu ver­ge­ben. Viel­leicht war ja die Aus­sicht auf straf­mil­dern­de Um­stän­de­bei­be­ken­nen­de­r­und tä­ti­ger Reue ein Mit­grund für die spä­teReue…

Im Schat­ten des Ste­phans­do­mes, al­so dem da­mals von ihm bom­ben­be­droh­ten Ob­jekt, be­geg­ne­te ich ei­nem reu­mü­ti­gen jun­gen Mann, der mich um Ver­ge­bung bat. Na­tür­lich­muss­te ich sie ihm ge­wäh­ren. Ger­ne hof­fe ich­mit ihm auf ein neu­es Ka­pi­tel sei­ner Le­bens­ge­schich­te.

Das ge­richt­li­che Straf­aus­maß hält sich in Gren­zen: Zwei Jah­re, da­von 6 Mo­na­te un­be­dingt, wo­von schon ei­ni­ge Wo­chen Un­ter­su­chungs­haft ab­zu­zie­hen sind. Hof­fent­lich wird das „John­ny“ei­ne Leh­re sein! Hof­fent­li­chauch­al­len an­de­ren, die sich über­mä­ßi­gem Al­koho­lo­der Dro­gen­kon­sum hin­ge­ben un­d­dan­nun­be­dach­tDin­ge tun! Dar­über hin­aus sind sol­che „G´schich­ten“je­doch­fürunsal­le ein Denk­an­stoß: Bin ich wirk­lich zum Ver­ge­ben be­reit – im Klei­nen wie im Gro­ßen? Oder tra­ge ichan­de­ren ih­reVer­ge­hen jah­re­lang­nach? Den­noh­neVer­ge­bung gibt es letzt­lich kei­ne Frei­heit des Her­zens. Und die wün­sche ichuns al­len.

Der Au­tor ist Dom­pfar­rer zu St. Ste­phan dom­pfar­rer@ste­phans­dom.at

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