„So­zia­le Me­di­en sind Zeit­fres­ser“

Für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­sche­rin Ge­rit Göt­zen­bru­cker ist das Smart­pho­ne und das da­durch stän­dig ver­füg­ba­re In­ter­net nicht nur ein Se­gen. Wer kei­ne kla­ren Gren­zen zieht, den über­rollt die Da­ten­flut.

KURIER_DIGITAL FUTURE - - INHALTSVERZEICHNIS - -YAS­MIN VIHAUS

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­sche­rin Do­rit Göt­zen­bru­cker im In­ter­view

Ge­rit Göt­zen­bru­cker ist Ex­per­tin für In­for­ma­ti­ons­und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en. Im In­ter­view spricht sie über Ge­fah­ren und Aus­wir­kun­gen von Big Da­ta und dem stän­di­gen Da­ten­fluss.

Wie wirkt sich die­se Schnel­lig­keit, die durch den stän­di­gen Da­ten­fluss auf­kommt, auf uns aus? Ge­rit Göt­zen­bru­cker: Die so­zia­len Me­di­en sind ein Takt­ge­ber. Es gibt we­ni­ger freie Zeit, al­so Mü­ßig­gang und Zeit, in der man ein­fach für sich ist und nach­den­ken kann. Durch das Smart­pho­ne be­fin­det man sich per­ma­nent im Fluss der Da­ten und Bil­der. Es be­steht na­tür­lich ei­ne ge­wis­se Ge­trie­ben­heit, auf der an­de­ren Sei­te ent­steht gro­ßer Stress – zum Teil ist die stän­di­ge Ver­füg­bar­keit von In­for­ma­tio­nen na­tür­lich po­si­tiv, mitt­ler­wei­le wer­den aber auch ne­ga­ti­ve Aspek­te im­mer deut­li­cher.

Glau­ben Sie, dass die­se In­for­ma­ti­ons­bla­se ir­gend­wann platzt und Men­schen schlicht­weg ver­wei­gern, al­le An­ge­bo­te zu nut­zen? Mo­men­tan ist ge­ra­de der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fluss sehr aus­ge­reizt. Es wird in Zu­kunft si­cher noch mehr Apps ge­ben, die für Ord­nung sor­gen, die Kom­mu­ni­ka­ti­on re­gu­lie­ren oder ganz blo­cken.

Wie schwie­rig ist es, sich im Da­tend­schun­gel zu­recht­zu­fin­den? Aus kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher Sicht kommt hier die Selec­tive­Ex­po­sure-The­se zu tra­gen. Man wen­det sich nur Din­gen zu, die dem ei­ge­nen In­ter­es­se ent­spre­chen, al­les an­de­re wird we­ni­ger stark wahr­ge­nom­men oder über­haupt aus­ge­blen­det. Das hat sich durch die so­zia­len Me­di­en noch ver­stärkt. Das so­zia­le Netz­werk ist ein zu­sätz­li­cher Fil­ter und führt zu ei­ner Aus­blen­dung be­stimm­ter In­hal­te.

Wel­che Rol­le spie­len hier Al­go­rith­men? Das­ind­wir­schonim Be­reich Big Da­ta. Das ist ei­ne ganz pro­ble­ma­ti­sche Sa­che, weil­al­le Da­ten, die­wirimIn­ter­net in ir­gend­ei­ner Form ab­lie­fern, das Pro­fil ver­stär­ken und da­mit auch die Ge­nau­ig­keit des Zu­spie­lens von den ge­wünsch­ten In­for­ma­tio­nen. Die­se In­for­ma­ti­ons­bla­se ist na­tür­lich et­was to­tal Tü­cki­sches. Man hat den Ein­druck, aus dem Vol­len zu schöp­fen und be­merkt da­bei gar nicht, dass ei­ne sehr be­grenz­te Sicht­wei­se ent­steht. Wie Wis­sen zu­künf­tig or­ga­ni­siert wer­den kann, da­mit Neu­es über­haupt ent­deck­bar ist, wird ei­ne span­nen­de Fra­ge.

Wie pro­ble­ma­tisch se­hen Sie die­se gro­ße Da­ten­samm­lung, die ge­ra­de ent­steht und auch vie­le Vor­tei­le hat? Es soll­te nicht so weit kom­men, dass wir uns al­les aus der Hand neh­men las­sen. Die Goog­le-Vi­si­on wä­re, dass sie uns al­le Spra­chen über­set­zen und dass wir uns um gar nichts mehr küm­mern müs­sen. Die Ge­fahr ist, dass da­bei ge­wis­se Spra­chen ganz ver­schwin­den oder ge­wis­se Per­so­nen­grup­pen kei­ne Er­wäh­nung mehr fin­den. Wir könn­ten viel an vor al­lem kul­tu­rel­lem Wis­sen ver­lie­ren, wenn nur das Po­pu­lä­re und das oft Ge­such­te im Vor­der­grund steht.

„Durch das Smart­pho­ne be­fin­det man sich per­ma­nent im Fluss der Da­ten und Bil­der.“

Di­rekt nach dem Auf­wa­chen zum Smart­pho­ne grei­fen, Nach­rich­ten be­ant­wor­ten, eMails che­cken, vom Über­an­ge­bot an In­for­ma­tio­nen ge­nervt sein – der In­for­ma­ti­ons­fluss stoppt nicht. In­for­ma­tio­nen wer­den nicht nur schnel­ler, son­dern stän­dig wei­ter­ge­lei­tet. Durch Mo­bil­te­le­fo­ne, Fit­ness­bän­der, smar­te Uh­ren, Surf­spu­ren im In­ter­net, so­zia­le Netz­wer­ke oder Na­vi­ga­ti­ons­ge­rä­te tra­gen wir selbst da­zu bei, dass die kur­sie­ren­den Da­ten­men­gen im­mer grö­ßer wer­den. Big Da­ta wird zum Buz­zword des 21. Jahr­hun­derts. Wäh­rend 1995 erst knapp zwei Pro­zent der ös­ter­rei­chi­schen Be­völ­ke­rung das In­ter­net nutz­ten, stei­ger­te sich die­se Zahl in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren rasant. Im Jahr 2015 ga­ben laut ei­ner Stu­die von Sta­tis­tik Aus­tria 84 Pro­zent der 16- bis 74-Jäh­ri­gen an, das In­ter­net in den letz­ten drei Mo­na­ten ge­nutzt zu ha­ben.

HÄPPCHENWEISE SER­VIERT. Nicht nur die Nut­zung, auch das An­ge­bot an In­for­ma­tio­nen ex­plo­diert. Um die­se Mas­se an In­for­ma­tio­nen über­haupt fil­tern zu kön­nen, ver­trau­en Nut­zer zu­neh­mend auf Al­go­rith­men di­ver­ser On­li­ne­an­ge­bo­te. Die­se set­zen uns Din­ge vor, von de­nen sie glau­ben, dass wir sie se­hen wol­len. Wäh­rend vor Jah­ren noch von ei­nem In­ter­net ge­spro­chen wur­de, dass die Welt de­mo­kra­ti­sie­ren könn­te und oh­ne Ga­te­kee­per aus­kommt, über­neh­men die­se Funk­ti­on heu­te zum gro­ßen Teil Kon­zer­ne wie Goog­le, Face­book oder Twit­ter für uns. Den­noch: Wäh­rend pri­va­te Nut­zer un­ter dem Ein­pras­seln der In­for­ma­ti­ons­flut zu­neh­mend lei­den, bringt sie für Ex­per­ten durch­aus Vor­tei­le. Im Jahr 2019 kön­nen laut dem Netz­werk­spe­zia­lis­ten Cis­co pro Jahr über das In­ter­net zwei Zetta­byte an Da­ten über­tra­gen wer­den – das ist vier Mal so viel wie noch vor ei­nem Jahr. Das Sam­meln von Da­ten ist kei­ne neue Ent­wick­lung, doch der Mensch ist erst seit ei­ni­gen Jah­ren fä­hig, die rie­si­gen Da­ten­men­gen mit ver­tret­ba­re­mAuf­wand­zu­durch­su­chen. Mit Da­ten­ana­ly­sen las­sen sich Wet­ter­vor­her­sa­gen op­ti­mie­ren, Ur­sa­chen und Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels er­for­schen, Bör­sen­kur­se be­rech­nen, Ge­nom­da­ten aus­wer­ten und so­gar Grip­pe­wel­len, die ge­ra­de erst ent­ste­hen, vor­her­sa­gen. Letz­te­res zeig­ten Da­ten­spe­zia­lis­ten von Goog­le im Rah­men des Pro­jekts „Flu Trends“, bei dem Such­an­fra­gen nach ty­pi­schen Grip­peSym­pto­men und an­de­ren Auf­fäl­lig­kei­ten aus­ge­wer­tet wur­den – Goog­le war mit der Vor­her­sa­ge den Ge­sund­heits­be­hör­den weit vor­aus. Wäh­rend sich für die Wis­sen­schaft vie­le Vor­tei­le er­ge­ben, se­hen Da­ten­schüt­zer die im­men­sen ver­füg­ba­ren Da­ten­men­gen kri­tisch. Pro­ble­ma­tisch ist der mög­li­che Miss­brauch von per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten, aber auch das ak­tu­ell vor­herr­schen­de Un­wis­sen in der Ge­sell­schaft. Dem­nach wer­den vor al­lem kla­re­re ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen in Be­zug auf Da­ten­spei­che­rung und den Datenschutz in den nächs­ten Jah­ren ei­ne gro­ße Auf­ga­be sein.

Ge­rit Göt­zen­bru­cker vom In­sti­tut für Pu­bli­zis­tik und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tät Wi­en

Smart­pho­ne, Com­pu­ter und Ta­blet sind heu­te für vie­le ständ­gier Be­glei­ter am Ar­beits­platz und auch im Pri­vat­le­ben. Die di­gi­ta­le In­for­ma­ti­ons­flug sorgt auch für Über­rei­zung

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