DAS FA­MI­LI­EN­OBER­HAUPT ÜBER DEN KAI­SER

Das Ober­haupt der Fa­mi­lie Habs­burg-Loth­rin­gen er­in­nert sich an Er­zäh­lun­gen sei­nes Va­ters, Ot­to von Habs­burg, und sei­ner Groß­mut­ter, Kai­se­rin Zi­ta. Und er be­schreibt die Per­sön­lich­keit Kai­ser Franz Jo­sephs aus sei­ner Sicht

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Karl von Habs­burg be­schreibt Franz Jo­seph I.

PO­PU­LA­RI­TÄT. Es ist er­staun­lich, dass ein Mensch, der vor 100 Jah­ren ge­stor­ben ist, im­mer noch so po­pu­lär ist wie Kai­ser Franz Jo­seph. Ich kann mir die­se Po­pu­la­ri­tät vor al­lem da­durch­er­klä­ren, dass er für ei­nes der we­sent­li­chen Ele­men­te der Mon­ar­chie ge­stan­den ist: für Kon­ti­nui­tät. Die meis­ten Men­schen sei­ner Zeit hat­ten nie ei­nen an­de­ren Kai­ser er­lebt, er war ein­fach im­mer da, und so war und ist er selbst je­nen Ge­ne­ra­tio­nen prä­sent, die viel spä­ter ge­lebt ha­ben oder heu­te le­ben. Mein Va­ter, Ot­to von Habs­burg, hat mir mehr­mals von sei­nen Be­geg­nun­gen mit Kai­ser Franz Jo­seph er­zählt. Er konn­te sich, ob­wohl er da­mals noch ein klei­nes Kind war, in et­li­chen De­tails an ihn er­in­nern. Auch nach Jahr­zehn­ten hat er – sicht­lich er­grif­fen – da­von ge­spro­chen, welch un­ge­heu­re Au­to­ri­tät Kai­ser Franz Jo­seph aus­strahl­te.

CHA­RIS­MA­TISCH. Er war drei oder vier Jah­re alt, als er in Be­glei­tung sei­ner Mut­ter, Kai­se­rin Zi­ta, zum al­ten Kai­ser in die Hof­burg ging. Der Mann mit dem wei­ßen Bart mach­te, wie er in sei­ner Uni­form da stand und ihn herz­lich be­grüß­te, enor­men Ein­druck auf ihn. „Er war“, sag­te mein Va­ter, „ein­fach ei­ne cha­ris­ma­ti­sche Er­schei­nung“, das ha­be er so­gar als Kind ge­spürt. Mein Va­ter konn­te auch be­zeu­gen, wel­che Wir­kung der Be­griff Kai­ser Franz Jo­seph auf die Men­schen aus­üb­te. „Zum Kai­ser zu ge­hen“, mein­te er, „das war so et­was wie ei­ne Kir­che zu be­tre­ten. “Selbst­fürih­nals Kind­war­die Au­to­ri­tät, die die­ser al­te Mann aus­strahl­te, phy­sisch spür­bar. Das Be­son­de­re aber war, dass dem al­ten Kai­ser je­der Bür­ger der Mon­ar­chie ge­gen­über­ste­hen konn­te, er hat in sei­nem Le­ben Zehn­tau­sen­de Men­schen aus al­len Tei­len des Reichs und aus al­len Ge­sell­schafts­schich­ten in Au­di­enz emp­fan­gen.

KEIN BÜ­RO­KRAT. Aus mei­ner Sicht wird Kai­ser Franz Jo­seph ei­ner­seits un­ge­mein un­ter­schätzt. Und gleich­zei­tig über­schätzt. Un­ter­schätzt wird er, weil man ihn ger­ne als tro­cke­nen Bü­ro­kra­ten dar­stellt, der an sei­nem Schreib­tisch sitzt und kei­ner­lei schöp­fe­ri­schen Ge­dan­ken ent­wi­ckelt. Aber so war er nach al­len Be­rich­ten, die ich von Mit­glie­dern mei­ner Fa­mi­lie ken­ne, ganz und gar nicht. Er war über al­le po­li­ti­schen Ab­fol­gen ex­trem ge­nau in­for­miert und hat in Dis­kus­sio­nen mit Po­li­ti­kern ge­zeigt, wie na­he am Ta­ges­ge­sche­hen er war. Aus Er­zäh­lun­gen mei­ner Groß­mut­ter, Kai­se­rin Zi­ta, weiß ich auch, dass er we­sent­lich mehr Hu­mor hat­te als nach au­ßen ge­drun­gen ist. Er war im Fa­mi­li­en­kreis viel lo­cke­rer, als man das ge­wöhn­lich an­nimmt. Kai­ser Franz Jo­seph hät­te nie je­man­den in der Öf­fent­lich­keit kri­ti­siert, hat das im klei­ne­ren Rah­men aber durch­aus ge­tan – und nicht sel­ten auf sehr hu­mor­vol­le Wei­se. Dies­be­züg­lich wur­de und wird er al­so un­ter­schätzt. Über­schätzt wird er hin­ge­gen in­so­fern, als man an­nimmt, er hät­te die Fol­gen je­der po­li­ti­schen Hand­lung vor­her­se­hen kön­nen. Das gilt ins­be­son­de­re für Ös­ter­reich-Un­garns Kriegs­er­klä­rung an Ser­bi­en. Da hät­te er mit sei­ner Un­ter­schrift er­ken­nen müs­sen, was al­les auf Eu­ro­pa zu­kommt.

SOM­MER 1914. Doch das konn­te er, wie al­le an­de­ren Staats­chefs da­mals, na­tür­lich nicht. Er hat im Som­mer 1914 er­war­tet, dass es zu ein paar klei­ne­ren Kon­flik­ten kom­men wür­de, die bald zu En­de ge­hen, aber an ei­nen gro­ßen Kon­flikt, der sich zum Welt­krieg aus­wei­tet, hat kei­ner ge­glaubt, auch er nicht. Dies­be­züg­lich wird er al­so über­schätzt. Die Aus­wahl sei­ner engs­ten Mit­ar­bei­ter und Be­ra­ter war nicht im­mer glück­lich. Fest steht aber auch, dass Kai­ser Franz Jo­seph ein zu­tiefst in­te­grer Mann war, der das Bes­te für sein Land und sei­ne Völ­ker­woll­te. Demd­as­a­ber­lei­der nicht im­mer ge­lun­gen ist.

„Fest steht, dass Kai­ser Franz Jo­seph ein zu­tiefst in­te­grer Mann war“: Fa­mi­li­en­ober­haupt Karl von Habs­burg

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