WI­EN WIRD WELT­STADT

1857 ver­fügt der jun­ge Kai­ser den Ab­riss der mi­li­tä­risch nicht mehr zeit­ge­mä­ßen Bas­tio­nen, die bis­her die Re­si­denz­stadt um­ge­ben ha­ben. An ih­rer Stel­le soll ein Pracht­bou­le­vard mit zahl­rei­chen öf­fent­li­chen Ge­bäu­den und re­prä­sen­ta­ti­ven Pa­lais ent­ste­hen, der

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - In­halt -

Das Jahr­hun­dert­pro­jekt Ring­stra­ße

„ES IST MEIN WIL­LE“. Mit dem Bau der Ring­stra­ße star­te­te das größ­te städ­te­bau­li­che Pro­jekt der Mon­ar­chie. „Es ist Mein Wil­le“, ver­füg­te der Kai­ser am 20. De­zem­ber 1857, „dass die Er­wei­te­rung der In­ne­ren Stadt mit Rück­sicht au fei­ne Ver­bin­dung mit den Vor­städ­ten ehe mög­lichst in An­griff ge­nom­men wer­de.“Zu die­sem Zeit­punkt leb­ten

hier, zu­sam­men­ge­pfercht auf das Ge­biet des heu­ti­gen ers­ten Be­zirks, weit mehr als 100 000 Men­schen. Die Er­wei­te­rung war drin­gend not­wen­dig, aber un­po­pu­lär, da das be­grün­te Gla­cis an der Stadt­mau­er ein be­lieb­ter Spa­zier­weg war. Da­bei hat­te der aus dem 16. Jahr­hun­dert stam­men­de Schutz­wall längst sei­ne mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung ver­lo­ren: Zwei Mal hat­te die Mau­er Wi­en vor den Tür­ken be­schützt, den Ein­zug der Trup­pen Na­po­le­ons aber nicht mehr ver­hin­dern kön­nen.

WI­EN WIRD WELT­STADT.

Der Um­bau zur Welt­stadt kos­te­te ein Ver­mö­gen – und das war na­tür­lich nicht da. Al­so wur­de der vier Ki­lo­me­ter lan­ge und 57 Me­ter brei­te „Ring“durch den Ver­kauf der frei wer­den­den Bau­grün­de an Pri­vat­per­so­nen fi­nan­ziert. Mit die­sem Geld – 220 Mil­lio­nen Gul­den, die heu­te rund 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro ent­spre­chen – wur­de ein Bau­fonds zur Schaf­fung der öf­fent­li­chen Ge­bäu­de wie Par­la­ment, Mu­se­en und Thea­ter, aber auch der Parks und Denk­mä­ler ge­grün­det.

Des Kai­sers Wunsch war den Stadt­pla­nern Be­fehl und so be­gann man im Früh­jahr 1858 mit der Ab­tra­gung der Wäl­le und Grä­ben, und im Jahr dar­auf wur­den be­reits die ers­ten Haus­fas­sa­den er­kenn­bar. Ei­ne gro­ße Zahl von Ar­chi­tek­ten ar­bei­te­te wie am Fließ­band: Johann Ro­ma­no er­rich­te­te al­lein im Sek­tor zwi­schen Woll­zei­le un­dBa ben ber­ger­stra­ße22Hä user, über­trof­fen nur von sei­nem Kol­le­gen Karl Tietz, der ne­ben dem Grand Ho­tel am Kärnt­ner Ring al­lein im Jah­re 1869 nicht we­ni­ger als 36 Ring­stra­ßen bau­ten plan­te. Die Fol­gen sol­chen Raub­bau­es blie­ben nicht aus:Tietzwur de 1871 in die Pri­va­tir ren an st al­tDöbl ing ein­ge­lie­fert, wei­ler an der fi­xen Idee litt, die gan­ze Ring­stra­ße kau­fen und aus ei­ge­nen Mit­teln fi­nan­zie­ren zu müs­sen. Er starb nach vier­jäh­ri­ger Int er nie rung im Al­ter von nur 42 Jah­ren.

NEU­REICH.

Wi­ens alt­ein­ge­ses­se­ne Aris­to­kra­tie blick­te ver­ächt­lich auf die „Ring­stra­ßen­ba­ro­ne“her­ab, die als Fa­b­ri­kan­ten und Ban­kiers in ein, zwei Ge­ne­ra­tio­nen zu im­mens viel Geld ge­kom­men wa­ren und jetzt ih­re „neu­rei­chen Protz­bur­gen“be­zo­gen. Ei­ner der we­ni­gen Hocha­ris­to­kra­ten war der Her­zog von Würt­tem­berg, der am Kärnt­ner Ring ei­nen gi­gan­ti­schen Pa­last er­rich­te­te, der spä­ter zum Ho­tel Im­pe­ri­al wur­de. Zu den „Neu­rei­chen“zähl­ten auch die Brü­der Mo­ritz und Edu­ard To­des­co, de­ren Pa­lais von Lud­wig Förs­ter und Theo­phil Han­sen er­rich­tet wur­de. Ihr Pa­lais beim Opern­ring wur­de bald zum Treff­punkt der Wie­ner Ge­sell­schaft.

WAL­ZER­KÖ­NIG.

Dem Groß­händ­ler und Ban­kier Mo­ritz To­des­co soll­te sein ei­ge­ner Sa­lon zum Ver­häng­nis wer­den, war doch auch Johann Strauß ei­ner der Gäs­te dort. Bei ei­ner Soi­ree im neu­en Pa­last lern­te der „Wal­zer­kö­nig“die Ge­lieb­te des Ba­rons To­des­co, die ge­fei­er­te Opern­sän­ge­rin Hen­ri­et­te „Jet­ty “Treffz, ken­nen. Die bei­den ver­lieb­ten sich und „Jet­ty“ver­ließ To­des­co, zwei un­ehe­li­che Kin­der, die sie von ihm hat­te, und das prunk­vol­le Pa­lais. Bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ver­dankt die Welt dem Lie­bes­ka­rus­sell an der Ring­stra­ße die Ent­ste­hung der „Fle­der­maus“. Denn als „Jet­ty“aus dem Pa­lais aus­zog, über­ließ ihr der Ba­ron ei­ne groß­zü­gi­ge Ab­fin­dung, die sie in die Ehe mit dem „Wal­zer­kö­nig“ein­brach­te. Um die „Fle­der­maus“kom­po­nie­ren zu kön­nen, muss­te Strauß sei­ne Kon­zer­te ab­sa­gen, was ihm erst durch die „Mit­gift“mög­lich war. So stand To­des­cos Reich­tum hin­ter dem größ­ten Ope­ret­ten­er­folg der Mu­sik­ge­schich­te.

DIE HOF­OPER.

Das Pa­lais To­des­co liegt ge­gen­über der Hof­oper, de­ren fei­er­li­che Er­öff­nung am 25. Mai 1869 durch den Kai­ser vor­ge­nom­men wur­de. Doch nie­mand war in Fest­tags­lau­ne, zu­mal Edu­ard van der Nüll und Au­gust Si­card von Si­cards­burg, die Schöp­fer des Pracht­bau­es, des­sen Fer­tig­stel­lung nicht er­lebt hat­ten. Sie wa­ren an der Er­rich­tung des Opern­hau­ses buch­stäb­lich zu­grun­de ge­gan­gen. Läs­ter­mäu­ler nann­ten das Haus ein „Kö­nig­grätz der Bau­kunst“, was da­mals, we­ni­ge Jah­re nach der bis­lang fol­gen­schwers­ten Nie­der­la­ge der Mon­ar­chie, ei­ner Ka­ta­stro­phe gleich­kam. Noch schlim­mer für die bei­den Er­bau­er war wohl der Kommentar des Kai­sers, der die Oper als„ ver­sun­ke­ne Kis­te“be­zeich­ne­te. Tat­säch­lich war – al­ler­dings durch ei­ne Fehl­pla­nung des Obers­ten Hof­bau­am­tes – das Ni­veau der Fahr­bahn des Opern­rings um ei­nen Me­ter hö­her als die Tor­bö­gen des noch nicht fer­ti­gen Bau­werks. Je­der­mann dach­te, dass die bei­den Ar­chi­tek­ten dar­an schuld wä­ren. Van der Nüll war den An­fein­dun­gen nicht ge­wach­sen, der 55-jäh­ri­ge Me­lan­cho­li­ker er­häng­te sich in sei­nem Schlaf­zim­mer. Zwei Mo­na­te spä­ter brach der gleich­alt­ri­ge Si­cards­burg, vom Herz­schlag ge­trof­fen, über sei­nem Zei­chen­tisch tot

zu­sam­men. Er hat­te den Tod des Freun­des nicht ver­win­den kön­nen. Kai­ser Franz Jo­seph war von den tra­gi­schen Er­eig­nis­sen er­schüt­tert und ver­mied es fort­an, sei­ne Mei­nung öf­fent­lich kund­zu­tun. Sei­ne ab die­sem Zeit­punkt­gern ver­wen­de­te, Flos­kel„ Es war sehr schön, es hat mich sehr ge­freut“, war die Fol­ge des Dra­mas der bei­den Hof­opern-Ar­chi­tek­ten.

LUE­GER.

Man muss sich vor­stel­len, dass Wi­en fa st­ein hal­bes Jahr­hun­dert Groß­bau­stel­le war, denn kaum sah die Ring­stra­ße ih­rer Fer­tig­stel­lung ent­ge­gen, wur­den Stadt­bahn, Wi­en­fluss-Re­gu­lie­rung und die Ver­le­gung neu­er Gas­roh­re in al­len Tei­len der Stadt an­ge­gan­gen. Nicht ge­nug da­mit, er­folg­te auch die Elek­tri­fi­zie­rung der bis­he­ri­gen Pfer­de­tram­way, was zu neu­er­li­chen Um­bau ar­bei­ten führ­te. Dies al­les ge­schah be­reits in der Amts­zeit des Bür­ger­meis­ters Karl Lue­ger, den Kai­ser Franz Jo­seph drei Mal nicht an­ge­lob­te, weil er ihn we­gen sei­ner an­ti­se­mi­ti­schen Äu­ße­run­gen ab­lehn­te. Ein ge­wal­ti­ges Pro­blem war auch, dass wäh­rend des Aus­bau­es der In­nen­stadt mit dem„ Schwar­zen Frei­tag“am 9. Mai 1873 die Kon­junk­tur­wel­le der Grün­der­zeit ab­rupt un­ter­bro­chen wur­de und zahl­rei­che„ Ring­stra­ßen ba­ro­ne“in den Kon­kurs stürz­ten. Gus­tav Rit­ter von Epstein et­wa war es nur zwei Jah­re ver­gönnt, sein von Theo­phil Han­sen ne­ben dem Par­la­ment er­bau­tes Pa­lais zu be­woh­nen, ehe er mit dem Zu­sam­men­bruch der Wie­ner Bör­se sein Ver­mö­gen ver­lor. Durch vä­ter­li­che Baum­woll­fa­bri­ken reich ge­wor­den, wur­de der jü­di­sche Groß­bür­ger zu ei­nem der ein­fluss­reichs­ten Ban­kiers der Stadt. Be­kannt da­für, dass er die Be­dürf­ti­gen stets groß­zü­gig un­ter­stütz­te, en­de­te er selbst als Bett­ler und war zu­letzt auf Al­mo­sen je­ner ka­ri­ta­ti­ven Or­ga­ni­sa­tio­nen an­ge­wie­sen, de­nen er einst gro­ße Geld­men­gen zu­kom­men hat­te las­sen.

ZIE­GEL­BÖHM.

Vor al­lem zähl­ten Zehn­tau­sen­de Ar­bei­ter, die die Ring­stra­ße tat­säch­lich mit ih­ren blo­ßen Hän­den ge­baut ha­ben, zu den gro­ßen Ver­lie­rern. Die meist aus Böh­men zu­ge­wan­der­ten Bau- und Zie­ge­lei­ar­bei­ter schuf­te­ten bei ge­rings­ter Be­zah­lung bis zum Um­fal­len, sei es auf der Groß­bau­stel­le selbst, sei es in der Wie­ner­ber­ger Zie­gel­fa­brik, aus der die Bau­ma­te­ria­li­en für die­ses Jahr­hun­dert­pro­jekt ka­men. Vic­tor Ad­ler er­kann­te die un­halt­ba­re Si­tua­ti­on der „Zie­gel­böhm“und grün­de­te die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei, die nach den ers­ten frei­en Wah­len 1907 als stärks­te Par­tei in den Reichs­rat zog.

Wi­en war fast ein hal­bes Jahr­hun­dert Bau­stel­le, da der Ring­stra­ße noch vie­le städ­te­bau­li­che Pro­jek­tefolg­ten (un­ten)

Das Ho­tel Im­pe­ri­al am Kärnt­ner Ring (oben) wur­de ur­sprüng­lich als Pa­lais für den Her­zog von Würt­tem­berg ge­baut

Kai­ser Franz Jo­seph wei­ger­te sich lan­ge, Karl Lue­ger zumBür­ger­meis­ter sei­ner Re­si­denz­stadtWi­en an­zu­ge­lo­ben

Ganz Wi­en spot­te­te über die Oper (oben). Ar­chi­tekt Edu­ard van der Nüll (ganz oben) nahm sich das Le­ben, sein Kom­pa­gnon Si­cards­burg (oben) starb kurz da­nach

Am be­rühm­ten „Kor­so“am Bris­tol-Eck ne­ben der Oper fla­nier­te am Wo­che­n­en­de die fei­ne Wie­ner Ge­sell­schaft

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