De­si­gner­wech­sel bei den gro­ßen La­bels

KURIER_PRET-A-PORTER - - Editorial - VON BRI­GIT­TE R. WINK­LER

Die Über­ra­schung war ge­wal­tig: En­de Ok­to­ber 2015 gab das Mo­de­haus Di­or be­kannt, dass Krea­tiv­di­rek­tor Raf Si­mons das Haus ver­las­sen ha­be. Un­mit­tel­bar da­nach schmiss man bei Lan­vin den bis da­to nicht min­der ge­fei­er­ten De­si­gner Al­ber El­baz hin­aus. Ähn­li­ches war im Ju­li Alex­an­der Wang bei Ba­len­cia­ga pas­siert. An­fang Jän­ner kam die trau­ri­ge Nach­richt, dass der Mo­de­re­vo­lu­tio­när der 60er Jah­re, An­dré Cour­rè­ges, mit 92 Jah­ren ge­stor­ben sei. Fast gleich­zei­tig kam das Ge­rücht auf, dass He­di Sli­ma­ne bei Saint Laurent das Geld aus dem Fens­ter wer­fe, al­so wür­de ihm bald Ähn­li­ches pas­sie­ren.

RAF SI­MONS? AL­BER EL­BAZ? Alex­an­der Wang? He­di Sli­ma­ne? Kennt man die­se Na­men, wenn man nicht ein to­ta­ler Mo­de­in­si­der ist? Wo ar­bei­tet Dao-Yi Chow, wo Ro­dol­fo Pagli­alun­ga, wo Na­dè­ge Van­hee-Cy­bul­ski, wo Dem­na Gva­sa­lia? Wird man sich die­se Na­men je­mals mer­ken? Und wen gibt es über­haupt noch von je­nen Mo­de-Iko­nen, die das Image der Bran­che von Pa­ris, Mai­land, New York und Lon­don aus auf­ge­baut und zum Strah­len ge­bracht ha­ben? Wem ge­hört noch sein ei­ge­nes Mo­de­haus? Und was ist los in der Mo­de­welt, dass ein sol­ches Kom­men und Ge­hen pas­siert?

DIE EI­NEN STER­BEN, DIE AN­DE­REN HA­BEN IHR IM­PE­RI­UM VER­KAUFT ODER WER­DEN GE­FEU­ERT. SELBST FÜR IN­SI­DER IST ES NICHT IM­MER LEICHT ZU WIS­SEN, WER GERA­DE IN WEL­CHEM MO­DE­HAUS AM WER­KEN IST.

BE­GIN­NEN WIR MIT PA­RIS. Ja, Pier­re Car­din lebt noch, im Ju­li wird er 94 Jah­re alt und macht nach wie vor Ent­wür­fe. Ja, auch Hu­bert de Gi­venchy lebt noch – nächs­ten Fe­bru­ar wird er 90 Jah­re alt. Sein Haus hat er al­ler­dings schon im Jahr 1988 an den Lu­xus­kon­zern Lou­is Vuit­ton Mo­ët Hen­nes­sy (LVMH) ver­kauft, 1995 ver­ließ er es. Nach ei­nem wech­sel­vol­len Schick­sal über­nahm 2005 der Ita­lie­ner Ric­car­do Ti­sci das Krea­tiv-Zep­ter.

Je­an Paul Gaul­tier ist ver­gan­ge­nes Jahr aus dem Prêt-à-por­ter aus­ge­stie­gen und macht seit­her nur noch Hau­te Cou­ture. Wäh­rend sein Mo­de­haus nach wie vor ihm ge­hört, hat die­sen Zu­stand der be­kann­tes­te Star der Sze­ne im­mer ver­wei­gert, Karl La­ger­feld. „Ich bin kin­disch ver­ant­wor­tungs­los“, be­schrieb er sei­nen glück­li­chen Zu­stand, kein Mo­de­haus zu be­sit­zen, für viel Geld „nur“ent­wer­fen zu müs­sen, ein­mal selbst in ei­nem KU­RI­ER-In­ter­view. (Sei­ne ei­ge­ne Mar­ke, La­ger­feld, ver­kauf­te er 2005 an Tom­my Hi­li­ger.) Im Mo­de­haus Fen­di fei­er­te er 2015 sein un­glaub­li­ches 50-Jah­re-Ju­bi­lä­um. Bei Cha­nel sind es heu­er „erst“33 Jah­re. Christian Di­or wa­ren es nur gu­te zehn Jah­re ver­gönnt – von 1946 bis zum frü­hen Tod 1957 – sein Mo­de­haus selbst zu füh­ren. Wä­re das schön, wenn La­ger­feld ewig le­ben wür­de!

DAS WAR ES AUCH SCHON mit den le­ben­den Iko­nen der Cou­ture. Da­für wur­de vor ein paar Jah­ren ei­ne ih­rer ge­ni­als­ten Ver­tre­te­rin­nen wie­der zum Le­ben er­weckt: El­sa Sch­ia­pa­rel­li. Die ih­re wil­des­te Kon­kur­ren­tin, Co­co Cha­nel, um zwei Jah­re über­lebt hat­te. Sie starb 1973, da war das Haus be­reits fast zwan­zig Jah­re ge­schlos­sen ge­we­sen. Seit zwei Sai­so­nen werkt dort der viel­ver­spre­chend fan­ta­sie­vol­le Bertrand Guyon. Auch das Haus Vi­on­net wird seit ei­ni­ger Zeit neu be­lebt. Hier hol­te man sich 2014 Hus­sein Chalayan ins Team.

Blei­ben wir in Pa­ris. Wem ge­hört da von den be­kann­ten Na­men, die hier ihr Prêt-à-por­ter zei­gen, noch das ei­ge­ne Haus? Dries Van No­ten zum Bei­spiel, dem ge­nia­len Bel­gi­er, re­det nie­mand ins Ge­schäft. Auch nicht der nicht min­der ge­nia­len Ja­pa­ne­rin Rei Ka­wa­ku­bo (Com­me des GarÇons) und auch nicht ih­rem Lands­mann Yoh­ji Ya­ma­mo­to. Vivienne West­wood teilt es seit vie­len Jah­ren mit Ehe­mann Andre­as Krontha­ler. Auch noch nicht wirk­lich her­um­ge­spro­chen hat sich der Na­me Na­dè­ge Van­hee-Cy­bul­ski. Sie ar­bei­tet seit 2015 bei Her­mès. Bei den Her­ren hält sich Vé­ro­ni­que Nicha­ni­an da­für kon­stant und das seit 1988. Im Mai­son Mar­gie­la bas­telt John Gal­lia­no an sei­ner ei­ge­nen Wie­der­be­le­bung, wäh­rend hin­ter sei­ner ei­ge­nen Mar­ke John Gal­lia­no sein ehe­ma­li­ger As­sis­tent, Bill Gayt­ten, steckt. Sehr groß war die Über­ra­schung, als man bei Ba­len­cia­ga den Ver­trag von Ni­co­las Ghes­quiè­re nicht ver­län­ger­te und statt­des­sen Alex­an­der Wang en­ga­gier­te. Ghes­quiè­re lös­te dar­auf­hin bei Lou­is Vuit­ton Marc Ja­cobs ab, der jetzt nur mehr sei­ne ei­ge­ne Li­nie macht. Noch grö­ßer war das Stau­nen, als man 2015 Alex­an­der Wang bei Ba­len­cia­ga durch den Ge­or­gi­er Dem­na Gva­sa­lia er­setz­te. Viel mehr als ein biss­chen Auf­se­hen mit sei­ner ei­ge­nen Kol­lek­ti­on na­mens Ve­te­ments hat­te er bis da­to noch nicht er­regt.

Be­reits 2010, nach dem frei­wil­li­gen Tod von Alex­an­der McQueen, über­nahm sei­ne As­sis­ten­tin, Sa­rah Bur­ton, höchst er­folg­reich die Nach­fol­ge. Und bei Kenzo werkt das De­si­gner­duo Hum­ber­to Le­on und Ca­rol Lim (ei­ge­nes, ge­fei­er­tes La­bel, ge­grün­det 2002: Ope­ning Ce­re­mo­ny).

Bei Lan­vin gab es für die Herbst­kol­lek­ti­on noch nie­man­den Neu­en, auch nicht bei Di­or. In Mai­land ha­ben wir die glei­che Si­tua­ti­on. Kaum ein Mo­de­haus, in dem der gleich­na­mi­ge Mo­de­schöp­fer (noch) werkt. Ei­ne Mo­dei­ko­ne ist zu früh ab­ge­tre­ten: 1997 wur­de Gi­an­ni Ver­sace in Mia­mi er­schos­sen.

Im Hau­se Mis­so­ni hat man sich die Ab­lö­se selbst ge­zeugt. Auf das ge­nia­le El­tern­paar Tai und Ro­si­ta folg­te Toch­ter An­ge­la. Auch Dol­ce & Gab­ba­na ge­hört, was sie sich seit 1985 er­ar­bei­tet ha­ben, noch selbst. Eben­so geht es Mi­uc­cia Pra­da und ih­ren bei­den Li­ni­en Pra­da und Miu Miu. Ro­ber­to Ca­val­li hin­ge­gen hat vor ei­nem Jahr die Fir­ma ver­kauft. Hier bas­telt jetzt Pe­ter Dun­das aus Nor­we­gen, der zu­vor acht Jah­re für Emi­lio Puc­ci nicht gera­de welt­be­we­gen­de Er­fol­ge ein­fah­ren konn­te. Schon gar nicht da­vor, 2005 bis 2007, für das Haus Un­ga­ro. Jil San­der ging einst frei­wil­lig aus ih­rem Haus, dort ar­bei­tet der Ita­lie­ner Ro­dol­fo Pagli­alun­ga.

Ei­ner der er­folg­reichs­ten Fremd­ar­bei­ter ist der Deut­sche To­mas Mai­er. Es ist je­de Sai­son ei­ne Freu­de zu se­hen, in welch krea­ti­ve Hö­hen er das Haus Bot­te­ga Ve­ne­ta so­wohl bei den Da­men als auch in der Her­ren­mo­de führt. Bei Guc­ci, das Tom Ford einst ent­staubt hat, wird seit ei­nem Jahr Ales­san­dro Mi­che­le von der Pres­se eu­pho­risch ge­fei­ert. Schön, dass es mit „un­se­rem“Ar­thur Ar­bes­ser wie­der ein Mo­de­haus mehr in Mai­land gibt, das den Na­men des De­si­gners trägt. Be­ob­ach­tens­wert auch die Kar­rie­re von Philipp Plein.

Ge­hen wir nach Lon­don. Paul Smith ge­hört sich noch selbst und ist ei­ne ech­te Le­gen­de. Wirk­lich in­ter­es­sant sind dort aber die jun­gen Ta­len­te, die ge­zielt durch in­an­zi­el­le För­de­rung an die Stadt ge­bun­den wer­den. Da muss na­tür­lich so­fort „un­ser“Pe­ter Pi­lot­to er­wähnt wer­den, der sei­ne Mar­ke mit Part­ner Chris­to­pher de Vos zu glo­ba­ler Stär­ke auf­ge­baut hat. In­ter­es­sant sind auch Ma­ry Ka­trant­zou, Chris­to­pher Ka­ne und Schuh­künst­le­rin So­phia Webs­ter. Von den Fremd­ar­bei­tern sticht Chris­to­pher Bai­ley von Bur­ber­ry her­aus. Mul­ber­ry hat sich gera­de John­ny Co­ca ins Haus ge­holt, ei­nen ge­bo­re­nen Spa­nier, der bei Cé­li­ne ge­ar­bei­tet hat.

Schau­en wir noch kurz nach New York. Wo ein Vier­ge­spann den glo­ba­len Ruhm des Big App­le als Mo­de­stadt be­grün­de­te: Ralph Lau­ren (das Haus ge­hört noch ihm, er ist mit Ar­ma­ni der reichs­te Mo­de­schöp­fer und ist auch noch un­glaub­lich krea­tiv), Cal­vin Klein (ver­kauft und aus­ge­schie­den), Ós­car de la Ren­ta (2014 ver­stor­ben) und Don­na Ka­ran. Auch sie hat ihr Haus schon vor Jah­ren an LVHM ver­kauft. Jetzt ist ihr Ver­trag end­gül­tig aus­ge­lau­fen und sie wur­de durch Dao-Yi Chow (ge­nau, hier ar­bei­tet die­ser Na­me) und Max­well Os­bor­ne er­setzt, de­ren ei­ge­ne Li­nie Pu­b­lic School auch noch nicht wirk­lich in die Mar­mor­ta­feln ewi­ger Er­in­ne­rung ge­ritzt ist.

Span­nend wur­de New York durch un­zäh­li­ge jun­ge De­si­gner mit asia­ti­schen Wur­zeln: Ja­son Wu (ar­bei­tet auch für Hu­go Boss), Alex­an­der Wang, Phil­lip Lim oder Pra­bal Gu­rung, aber auch durch die Ro­dar­te Sis­ters, durch Pro­en­za Schou­ler, Zac Po­sen und Marc Ja­cobs na­tür­lich.

Nein, die Lis­te ist nicht voll­stän­dig. Das wür­de bei der gro­ßen An­zahl an kaum ge­hör­ten Na­men auch zu müh­sam wer­den. Und wer weiß, was mor­gen noch da­von stimmt.

Seit­her ist sei­ne Schwes­ter Do­na­tel­la am künst­le­ri­schen Ru­der, es blieb zu­min­dest al­les in der Fa­mi­lie. Das schaff­te auch Gior­gio Ar­ma­ni, mit 81 Jah­ren nur ein Jahr jün­ger als Karl La­ger­feld. Der reichs­te Mo­de­schöp­fer der Welt durch ei­ge­ne Kraft braucht und will kei­nen Nach­fol­ger.

1 Yves Saint Lau­rent 2001 mit sei­nem der­zei­ti­gen Nach­fol­ger, He­di Sli­ma­ne: wie lan­ge noch? 2 Mo­dei­ko­nen un­ter sich: Karl La­ger­feld mit ei­ner Mün­ze für Co­co Cha­nel, de­ren Haus er führt 3 Er­folg­rei­cher Ein­stieg in gro­ße Fuß­stap­fen: Ap­plaus für Bertrand...

Zählt man die Na­men noch le­ben­der Mo­de­schöp­fer auf, die die Be­zeich­nung Iko­ne ver­die­nen, ist man rasch fer­tig.

1 Donnh Khrhn mit ih­ren NhCh­fol­gern, Mhx­well OsBor­ne und Dho-Yi Chow: Sie ver­ließ ihr Hhus 2015 2 Te­sti­mo­nihl für Gi­venChy: Donhtellh Vers­hCe 3 Vom Krhwht­ten­ver­kÄu­fer zum Mil­lih­r­dÄr: Rhlph Lhu­ren nhCh der Show 4 Jungs­thrs: Pe­ter Pi­lot­to mit Phrt­ner...

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